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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Texte aller Art, Gedichte, Lyrik, Kurzgeschichten
Nathschläger ( gelöscht )
Beiträge:

07.11.2003 20:25
RE: Den Pilger treffen antworten

Den Pilger treffen




Richard erwachte kurz nach Mitternacht mit einem heiseren Schrei. Schweißhände, swinging nerves und dem Ständer des Jahrhunderts. Richard kapierte nicht ganz, wieso er eine Latte hatte; er war aus einem Alptraum hochgeschreckt; daran war nichts erotisches. Es war der gleiche Alptraum den er seit zwei Jahren immer wieder im Herbst hatte. Es fing im Oktober an und endete mit Mitte Dezember. Spätestens zu Weihnachten konnte er sich nicht mehr an die Inhalte des Traums erinnern. Es hatte mit Feldern zu tun; mit Feldern, die entweder selbst traurig waren oder andere traurig machten. Abgeerntete Herbstfelder. Nebel darüber, trübes Mondlicht. Und tief in ihm das Gefühl, dass in diesen Feldern etwas war, dass er brauchte um alles verstehen zu können. Nichts bestimmtes. Einfach... alles kapieren.
Als Richard dreizehn Jahre alt war, gab es in dem kleinen Ort, in dem er aufwuchs, einen kleinen Skandal. Im Herbst 2003 wurde der einzige türkische Jugendliche des Ortes als Opfer eines Verbrechens gefunden. Mehr wurde darüber nicht gesagt. Richard wußte ein wenig mehr, weil er an diesem Tag mit seiner großen Schwester bei seiner Großmutter gewesen war, um Kompott und Marmelade im Keller einzuschlichten. Die Geschehnisse in jenem Herbst entrollten sich direkt vor dem Gartenzaun seiner Großmutter
„Frag mich, woran ich mich erinnere...“ dachte er und grinste zynisch. Viel zu zynisch für einen Fünfzehnjährigen. „Frag mich nur. Die Tränen meiner Schwester? Meine Tränen? Weißt du; Hakan war mein held. Ich wollte so sein wie er. Immer schon. Ich hab mir jetzt eine Lederhose gekauft um so auszusehen wie er. Aber ich sehe nicht so aus wie er.“
Richard führte seit jenem Nachmittag manchmal Selbstgespräche. Im Herbst öfters als zu den anderen Jahreszeiten. Seine einst so lebenslustige Schwester spielte ernsthaft mit den Gedanken, ins Kloster zu gehen. Anfangs hatte Richard das für reinen Unsinn gehalten, eine hysterische Reaktion...
„Frag mich, woran ich mich erinnere: Sie haben Hakan nackt gefunden. Er war komplett nackt, sein rechtes Bein war beim Knie gebrochen wie ein Zahnstocher und stand in einem unmöglichen Winkel weg. Seine Haut sah gealtert und gespannt zugleich aus. Seine Blick war trüb, im Mund hatte er Blut und Erde. Und sie sagen, mit der Erde sei auch was komisch gewesen. Frag mich ruhig...“
Richard zündete sich einen fertig gedrehten Joint an. Inhallierte. Dann öffnete er das breite Fenster und sah hinaus in den Garten.
„Seine Haare waren weiß. Erwähnte ich das schon? Ganz weiß. Sagten sie. Bei den Geschlechtsteilen hatte er eine tiefdunkle Quetschung. Das sind Erinnerungen, was? Das kann einem echt den Tag versauen. Hakan. Du Arschloch. Was hast du dort getrieben? Auf diesen Scheißfeldern? Warst du doch nur ne türkische Tunte, wie manche sagen? Und hast dich von den Falschen in den Arsch ficken lassen? Was? Kein Sperma im Arsch? Manno; die haben halt rechtzeitig abgezogen. Scheiße!“ Seine Stimme war gequetscht als er da seinen Zorn in die Schatten der Sträucher flüsterte. Der Kloß in seinem Hals wurde dicker und dicker.
Richard wußte irgendwie, dass das nicht stimmte. Es erleichterte jedoch die Trauer. Indem sie ab und zu in Zorn verwandelt wurde. Er wußte, dass er Hakan Unsinn unterstellte und das er das nur tat, um mit der Trauer fertig zu werden.
Dann brachten sie ihn ins Krankenhaus und von dort direkt in eine Anstalt. Sie sperrten Hakan weg. Einer der behandelnden Ärzte hatte sich verplappert und Erwähnungen gemacht. Worüber Hakan sprach, was er flüsterte, während die Krankenschwestern ihn wuschen, die Leibschüssel unterm Hintern wegzogen. Wie ihm die Spucke aus dem Mund lief, wenn er allein im Zimmer auf dem Bett saß und die Wand anstarrte.
Die Großen Alten. Die Seelenesser. Wir sind nichts gegen sie.
Den Arzt kostete das den Job und seine Reputation, für Richard bedeuteten die achtlos hingeworfenen Anmerkungen in den lokalen Nachrichten neue Alpträume.
„Was war mit der Erde?“
Das war eine der zentralen Fragen. Die Leute von der Spurensicherung hatten die Spuren von Erde aus Hakans Mund geschabt: „Das sah irre aus...“ erzählte einer der Burschen von der freiwilligen Feuerwehr und strahlte immer glücklich, wenn er die Szene schildern konnte: „Er hatte Erde im Mund. Die sah komisch aus. Sagte auch der Typ von der Spurensicherung. Und sein Mau... äh... Mund war voller Blut. Er speichelte, versteht ihr? Ihm rann die Rotze aus dem Mau... Mund. Total fertig, der Kanake.“
Die Erde, die Erde. Alle redeten von der Erde. Sie war alt, sagen manche. Uralt und sauer... merkwürdiger Gehalt an Mineralen...
Hakan hatte nicht nur Freunde im Ort, das nicht. Obwohl er ein ganz anständiger Junge war. Seine Lehre machte, Wirtschaftsgeld zahlte und alles. Nur sein Musikgeschmack und seine Kleidung... Von Oktober weg bis Weihnachten wurde der Ton, in dem über Hakan und über sein Unglück gesprochen wurde, zum Thema der politischen Parteivertretungen; ob man so über ihn sprach weil er Türke ist oder trotzdem er Türke ist... Im März des darauffolgenden Jahres zogen Hakans Eltern weg. Man sagt, sie seien in die Stadt gezogen.
„Fragt mich nur. Fragt mich! Was hast du dort getan, Hakan? Warum? Und für wen?“
Jedesmal, wenn Richard aus diesem Traum hochschreckte, packte ihn die Erregung von Aufbruch, von Fragen und Antworten. Er hatte das Gefühl, nahe an einer Antwort zu sein. Einer abschäulichen Antwort. Er wachte mit dem Gefühl auf, geil zu sein und gleichzeitig verängstigt.
Und diesmal zuckte ein Zipfel der Wahrheit aus dem statischen Rauschen des Nichtverstehens: Er hätte ihn gerne gefunden. Er hätte ihn gerne nackt gesehen. Er hätte ihn gerne über die Landstrasse bis zur Ortschaft getragen. Und wenn er unter dem Gewicht zusammengebrochen wäre, dann hätte er sich aufgerappelt und wäre weitergetaumelt. Er hätte es sein müssen, der seinen Held nach Hause trägt. Und als Richard entdeckte, dass sein steifer Schwanz eindeutig mit dem Fund des geschändeten Leibs Hakans zu tun hatte, fing er zu weinen an. War es das? War es so simpel?
Richard hatte eine Freundin. Ein dunkles Mädchen in dunkler Kleidung mit einer Vorliebe für dunkle Musik. Seine Eltern mochten sie, Himmel, sogar seine Schwester mochte sie irgendwie. Gab es irgendwo in ihm die Option, Hakan so sehr bewundert zu haben, dass er als Dreizehnjähriger auch irgendwie scharf auf ihn gewesen war? Ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein?
Seine Schwester und er lernten mit dem Verlust zu leben. Für ihn war Hakan ein Held. Vorbild. Für seine Schwester vermutlich der nächtliche Schatten über ihren fiebrigen Fantasien. Waren ihre Fantasien schlechter als seine? Träumte sie noch von ihm? Träumen schlafende Schwestern von Türken in Leder?
Der Impuls, über den Fenstersims zu steigen, kam für Richard immer nach dem Erwachen aus diesem Alptraum. Er müsste nur seinen kleinen Arsch über das Fenstersims schwingen, sich auf dem Treppengeländer der Kellerstiege abstützen und in den Garten springen. Schon zig Mal hatte er diesem Impuls widerstehen können. Doch diesmal schlüpfte er in seine schwarze Nike Sporthose, zog sich die Nike Cortez an, die Sportjacke und ließ sich mit der ganzen Eleganz eines Halbwüchsigen in den Garten fallen. Im Laufen rieb er sich den Sand aus den Augen. Richard umrundete das Haus, sprang über den hinteren Zaun und trabte durch die neue Siedlung hinaus auf die Umfahrungsstrasse.
Da waren nicht viele Gedanken in seinem Kopf. Genauer gesagt: Nur einer: Ich will´s wissen. Ich will´s wissen...
Richard lief durch den kleinen Park, umrundete den Ententeich und ging dann mit Seitenstechen über die Kreuzung der zwei Bundesstrassen und bog auf die Landstrasse ab, die die zwei Ortschaften miteinander verbindet.
Das Licht der Strassenbeleuchtung blieb hinter ihm. In seinen Ohren rauschte das Blut. Er hatte Angst. Er war erregt. Er war endlich unterwegs um...
„Ich komme zu spät. Ich komme zu spät. Ich komme um Scheiß zwei Jahre zu spät!“
Richard rotzte hoch und spuckte auf die Strasse. Er wischte sich mit dem Ärmel die Augen trocken und ging rasch weiter.
Richard ging auf dem Mittelstreifen der Landstrasse dahin und versuchte sich vorzustellen, er sei Hakan.
„Frag mich ruhig: Wie warst du drauf? Müde? Wars ne gute Probe? Bisschen bekifft? Hast Du Rosa wieder angemacht? Und wenn ja, warum? Die Zicke war nicht zu bändigen als es darum ging, dich fertig zu machen. Dann war sie nicht zu bändigen wenn es darum ging, dich abzuschleppen, Mann… Hast Du das Miststück nicht durchschaut?“
Es nieselte; die Luft war kalt und feucht und die Feuchtigkeit ging in feinen Regen über. Es war dunkel aber auf wildromantische Art: Die Wolken rissen immer wieder auf und der matte Halbmond schien auf die abgeerntete Welt.
Richard war froh, dass er noch schnell die Sportjacke übergezogen hatte. Als er durch das erste Wäldchen kam; knapp zweihundert Meter tief, bekam er zum ersten Mal einen Vorgeschmack auf Angst. Er hatte noch nicht wirklich Angst; er kannte die Strasse vom Tag und von unzähligen Busfahrten, wenn er abends in der Dämmerung von der Lehre heimkam. Das Territorium war ihm nicht fremd, es war ihm geläufig.
Richard dachte, dass der Joint daran schuld war, dass er alle Geräusche seltsam verschärft aber nicht lauter wahrnahm. Sie waren da, die Sounds der Nacht: Wasser, dass von der Rinde der alten Bäumen perlte; Tiere im feuchten Unterholz; seine Schritte und die nassen Echos seiner Schritte. Dann dachte er, dass es wohl normal sei, dass seine Sinne verschärft arbeiteten: Die Nacht ist fremd, selbst wenn man sie mit Strom zum Tag machen kann: „Hey, alles elektrischer Fake!“, die Nacht ist fremd. Die Distanz zwischen erstem Wäldchen und zweiten Wäldchen legte Richard in knapp zehn Minuten zurück. Im zweiten Wäldchen von seiner Ortschaft ausgesehen, gab es diesen Längsgraben, der den Windschutzgürtel in der Mitte teilte. Und in dieser natürlichen Verwerfung, die das Wäldchen trennte, gab es uraltes Unterholz, Gestrüpp, das im Sommer bei Beerensammlern recht beliebt war, und es gab die Bunkeranlagen. Richard wusste, dass die älteren Jungs dort gerne ihre bekifften Stehnummern schoben. Ein paar Jungs aus dem Heim für schwererziehbare Jugendliche am Rand der Ortschaft kletterten vor drei Jahren im Sommer fast jede Nacht über die Mauer der Internatsanlage und pilgerten zu den Bunkern, kifften und holten sich gegenseitig einen runter. Nach Hakans grässlichem Unfall –war es das? Ein Unfall? Ein Unglück? Eine Travestie des Schicksals, was?- ging dort niemand mehr hin. Nicht im Frühling, nicht im Sommer und schon gar nicht im Herbst. Man redete nicht darüber. Dieser teil der Landschaft schien irgendwie tabu zu sein.
Richard rechnete schon im November mit Graupelschauer und vielleicht sogar pappigem Schnee. Schon jetzt standen die Anzeichen auf gefrierenden Regen. Richard klapperte vor Kälte mit den Zähnen.
Dieses eine mal… Dieses eine Mal wollte er es tun. Einfach seinem Impuls nachgeben und dorthin gehen, wo sie Hakan im Graben gefunden hatten. Richard hatte es nie über das Herz gebracht, sich die Stelle anzusehen. Wozu auch? Sensationsgier? Da gab es nichts zu sehen. Aber jedes Mal, wenn Richard in den letzten zwei Jahren aus diesem Alptraum erwacht war, mit dem heiseren Schrei im Rachen und der schmerzhaften Erektion, da gab es diesen Impuls, aus dem Fenster zu steigen und einfach dorthin zu gehen. Um vielleicht mit einem Teil seiner Jugend abzuschließen. Mit dem Teil vielleicht, der dachte, dass es schauderhafte Vorfälle nur in amerikanischen Filmen gab. Mit dem Teil der Jugend, der sich bedenkenlos Monstermasken aus Gummi überzog und „Buh!“ schrie.
Und vielleicht wollte er dem verbitterten, obszönen Teil seines erotischen Empfindens eine kahle Stelle zeigen. Hakan wie er war ist nicht mehr. Das wollte er seinem Schwanz zeigen. Die Bewunderung für einen schwarzen Engel in Leder der schief grinst und Gitarre spielt, manchmal so schön, dass einem die Tränen kamen, das ist vorbei. Hakan wurde aus dem Bild genommen, dass wollte er sich beweisen. Du kannst aufhören zu warten. Er wird nicht aus den Schatten treten und nett grinsen und sagen: „War bloß ein dummer Scherz. Sorry, dass du dir Sorgen gemacht hast. Tut mir echt leid.“
Richard erreichte das zweite Wäldchen und bog links ab. Ein kleiner Trampelpfad führte vom Fahrbahnrand zwei Meter nach unten in den Graben, der den Wald teilte.
Vereinzelt hingen noch Blätter an den Ästen, trotz der feucht-nebeligen Luft wirkten die kahlen Baumkronen wie Scherenschnitte. Richard zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und ging vorsichtig, um nicht in eine mit Laub zugedeckte Grube zu stolpern, den Graben entlang. Er achtete auf Äste und herabhängende Zweige. Er blieb stehen um sich orientieren. Es müssten noch fünfzig Meter bis zu der Stelle sein, wo sie Hakan gefunden hatten.
Weiter.
Dann stieß er mit der rechten Schulter gegen einen Gegenstand und erstarrte. Es schwang hin und her und klapperte. Richard schrie: Die Anspannung entlud sich blitzartig. Er wusste gar nicht wie sehr verspannt und ängstlich er war, bis der Schutzwall zusammenbrach und die Panik wie Eiswasser sein Blut ersetzte.
Holz! Es ist Holz. Es ist nur Holz. Holz, ja?
Richard seufzte und stieß wimmernd Luft aus: „Scheiße Mann. Was für ne Scheiße hier.“
Er besah sich das Ding und dachte im ersten Moment an etwas, dass Jäger bastelten. Oder Bauern. Um Tiere fernzuhalten oder anzulocken oder um Tiere in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Aber dann, als die Panik genug von seinem Herzen gegessen hatte, schärften sich wieder die Sinne und konzentrierte sich. Das Ding, was es auch immer darstellte, bestand aus geschnitzten Ästen. Die Äste waren an den Enden durchbohrt und mit Bast zusammengehängt. Obwohl die Figur nichts Besonderes darstellte und scheinbar nur dazu da war, um schauerlich zu klappern, wenn der Wind dreinfuhr oder ein Halbwüchsiger mitten in der Nacht da ranrempelte, fand Richard das Ding unheimlich. Es war von einer seltsamen Asymmetrie; es schmerzte in den Augen; die Äste wirkten zu sehr wie Knochen… vielleicht sogar wie Menschenknochen. Die Winkel stimmten nicht. Nichts stimmte.
All das zu erkennen und zu verarbeiten nahm nicht mehr als vielleicht drei oder vier Sekunden in Anspruch. Dann sondierte Richard die Lage und spürte, dass er sich jetzt einmachen würde, dass dies einer der Momente war, in denen sich Menschen vor Angst regelrecht anscheißen. Der ganze Graben war voll mit den seltsamen, freischwingenden Gebilden.
„Was um Himmels Willen… ist das bloß?“
Richard fühlte sich hin und her gerissen: Abhauen oder weitergehen? Holzstöckchen als plumpes Windspiel schienen nicht gefährlich zu sein. Selbst dann nicht, wenn sie zu hunderten von den Bäumen hängen. Richard kicherte hysterisch und schabte sich über die Wange: „Scheiße, Mann, Scheiße.“ Und kein bisschen Bart da, das er mit der Handfläche schaben könnte. Er tastete sich zwischen den makabren, klappernden Stöckchen weiter. Dann kam er zu der Stelle. Richard spürte, dass er zitterte. Er war hier. Endlich, nach zwei Jahren hatte er es geschafft hierher zu kommen um Abschied zu nehmen.
Er kniete sich nieder und verschränkte die Hände im Schoß. Der Regen war stärker geworden und das Wasser lief aus seinen Haaren in sein Gesicht. Er atmete tief und ruhig, schnaubte. Dann sagte er:
Leb wohl, Hakan. Du kennst mich sicher nicht. Aber ich will mich verabschieden. Ich habs nie geschafft, zu dir ins Krankenhaus zu kommen. Am Anfang war kein Besuch zugelassen. Dann war es irgendwie zu spät, ich weiß nicht. Ich weiß nicht mal wo du jetzt bist. Aber der Platz ist gut. Hier ist es besser als überall sonst.“
Richard spürte, dass ihm die Tränen kamen. Aber bevor er wirklich zu weinen begann, erstarrte er und kriegte vor lauter Panik keine Luft mehr. Er keuchte und bekam trotzdem keine Luft. Sein Darm fühlte sich wie eine Eisgrube an, seine Eier zogen sich schmerzhaft zusammen.
Etwas kam.
Kupfergeschmack im Mund. Die Wolken sind aus Blut. Richard erwartete irgendwie, dass sich der Regen in Blut verwandeln würde. Blut von Kindern und Blut vor Jungfrauen und Blut von den Unberührten. Er sah sich selbst da knien, mit zurückgelegten Kopf und aufgerissenen Mund… Doch er taumelte hoch, fing sich und griff nach einem schwarzen, nasskalten Ast.
Das Klappern der Skelettwindspiele schwoll zu einem leisen Donner an der von der Landstrassenseite näher kam. Kurz klang das Geräusch so wie das Flügelschlagen eines aufsteigenden Vogelschwarms. Dann wurde das Geräusch differenzierter und deutlicher und kam näher und näher. Das Klappern und Poltern umfasste ihn, Richard schrie auf.
Dann war es plötzlich still. So, wie das Geräusch begonnen hatte, unmittelbar und ohne Grund, so endete es auch. Die Stille war noch grauenerregender als diese ganze Welt voll Geklapper und Getose. Die Stille war entsetzlicher, weil sie die Bühne für schlurfende Schritte war. Schritte die hinter ihm stoppten. Richard richtete sich ganz langsam auf. Keine Täuschung. Kein Irrtum. Schritte. Und jetzt: Stillstand.
Richard drehte sich um, leicht gebückt, so, als ob er einen Schlag erwarten würde.
Vor ihm stand ein nackter Mann. Ein nackter Mann mit weißer, verschrumpelter Haut und weißen Haaren und roten Augen. Das Gesicht wirkte so, als ob alles nach unten hängen würde, kraftlos, müde und enttäuscht. Die weißen Haare waren lang aber dünn und schütter. Richard dachte, dass es doch ein recht junger Greis sein musste, wenn es denn ein Greis war, was da vor ihm stand. Der Brustkorb war eingefallen und schwächlich, der Bauch eine unförmige, haarlose Kugel. Das Geschlecht war mit spinnwebenartigen weißen Haaren fast zugewachsen. Die Beine waren haarlos und wirkten noch ziemlich sehnig.
Richard wusste nicht ob er Angst haben sollte oder Mitleid. Von dieser Gestalt ging keine Gefahr aus. Auch nicht um Mitternacht in einem unheimlichen Wald zu einer unfreundlichen Jahreszeit.
„Hallo…“
Die Gestalt regte sich nicht. Der schlaffe Gesichtsausdruck änderte sich nicht.
„Sie… sie werden sich verkühlen.“
Die Gestalt beugte sich vor uns strich zärtlich durch Richards blonde, klatschnasse Haare.
„Verkühlen. Das wäre gut. Vielleicht könnte ich dann einfach sterben. Auf einmal aufhören zu atmen. Das wäre gut.“
Die Stimme war heiser und hätte Temperatur eine Klangfarbe, dann wäre dies der Klang von ewiger Kälte.
„Wer sind sie?“
„Die Gebilde. Sie beruhigen mich. Ich mache sie, damit sie mich beruhigen.“
Der blasse, nackte Mann setzte sich in das nasse Laub unter den bizarren Aufhängungen und umklammerte seine Knie. „Ich. Ich bin ein Pilger. Ein Wandler. Ich bin, damit andere leben können. Ich bin ein Reisender…“
Ein Reisender? Wo waren sie?“
„Das willst du nicht wissen.“
„Vielleicht doch.“
Der Mann robbte näher zu Richard heran und umklammerte fiebrig aber auch kalt seine Hüfte. All diese Bewegungen hatten etwas grauenhaft Parodistisches an sich. Auf den ersten Blick wirkten die Bewegungen demütig, ja sogar unterwürfig. Doch dahinter war Starre. Leblosigkeit, die bestenfalls Echos von Empfindungen nachahmen konnte. Hinter der Maske von Demut und fiebriger Unterwürfigkeit war die wahnsinnig machende Leere und Kälte des Universums.
„Du willst sehen, durch welche Tiefen ich gewandert bin? Nein. Das willst du nicht. Du willst dich von mir verabschieden. Du willst die Zeit zurückdrehen und derjenige sein, der mich gefunden hat. Du willst mich auf deinen starken Armen zurücktragen. Und ich weiß auch wieso. Du hast mich geliebt und wolltest mich wie deinen Geliebten in den Ort tragen. Du bist so wundervoll altmodisch. Das ist so... so apart.“
Richard schluckte, würgte und bekämpfte die Enge im Hals.
„Hakan?“
„Aber ja.“
„Wieso bist du hier? Woher weißt du… du das alles?“
„Sie haben mich entlassen. Schon im Sommer. Ich verstecke mich hier oder da. Ich passe auf, dass sich die Felder nicht öffnen. Und wenn sie es doch tun, dann achte ich darauf, dass niemand hier ist, wenn es passiert. Normalerweise halten sich die alten Götter an die Vereinbarungen. Aber manchmal haben sie Appetit auf einen kleinen Jungen oder auf eine Jungfrau. Auf jemanden, dessen Verschwinden anderen weh tut.“
„Wer? Was für Götter? Mein Gott, Hakan, es tut mir so, so.. ich weiß nicht…“
„Es tut dir leid? Was denn? Das du mir nicht einen blasen konntest, als ich noch hübsch war? Das kannst du jetzt. Willst du nicht einer Leiche einen blasen?“
„Hakan? Hör auf, ja? Du machst mir Angst.“
„Du weißt nicht was Angst ist.“
Hakan griff sich in die langen weißen Haare und zerrte daran: „Ich weiß es. Und du würdest es auch wissen, wenn du siehst wie einer der Unaussprechlichen deine Seele kaut, wenn du siehst, wie ein durchsichtiger Tentakel deine Eier abquetscht und deine Angst und deine Schmerzen direkt in den Leib des Namenlosen gesaugt wird. Sie hatten ihren Spaß mit mir, dass kannst du mir glauben. Frag mich ruhig: Willst du noch immer wissen, wo ich war?“
„Hakan, bitte…“
„Es fühlt sich vielleicht so an, wie wenn jemand dein Hirn mit einem glühenden Haken aus der Nase zieht. Nur tausendmal schlimmer. Willst du wissen wo ich war?“
„Nein.“
„Bitte?“
„Nein, ich will es nicht wissen.“
„Gut. Dann pack dich und deine Tränen und deine Erinnerungen. Pack dich und deine Träume. Geh. Hier ist kein Platz für die Lebenden. Außer, wenn sie Opfer sein sollen. Du hast Glück. Sie haben momentan keinen Hunger. Geh.“
„Hakan… Du… du warst… du bist…“
„Nichts mehr. Ich bin nichts mehr. Ich liebe nicht. Ich hasse nicht. Ich fürchte nicht. Ich atme. Aber ich lebe nicht. Das Leben ist dort unten, tief unten. Im Magen eines Unbeschreiblichen. Wenn es einen Magen hat.“
„Was machst du dann hier?“
Ich schicke Jungs wie dich nach Hause. Es kommen mehr als du denkst. Mädchen kommen und legen Blumen nieder. So als ob ich wirklich tot wäre. Jungs kommen hierher und trinken Bier, reden. Ich schicke sie alle heim. So wie dich. Du bist aber der erste, mit dem ich spreche. Wie ich schon sagte: Sie könnten auch mal außerhalb des Zyklus Lust bekommen. Und dann sollte niemand hier sein. Kein Mensch sollte hier sein.“
„Dann fühlst du doch was. Dann ist doch noch was in dir.“
„Ich funktioniere. Die Leidenschaft mit der ich gelebt habe und die Du bewundert hast, die ist verbrannt. Nichts mehr da. Ich kann mich noch erinnern. Und ich tu das, was ich früher einmal für eine richtige Entscheidung gehalten hätte. Vielleicht bringt mir das... Geh jetzt.“
Richard wandte sich ab. Er ging vorsichtig zwischen den Holzgehängen hindurch. Dann blieb er noch mal stehen und drehte sich um. Im Undrehen sagte er: „Ich hab dich geliebt Mann, weißt du das?“ Es war heraus. Er hatte es gesagt. Er hatte es sich selbst gesagt. Und er hatte es Hakan gesagt. Hakan oder das, was noch von ihm da war. Als er zu der Stelle sah, wo Hakan gesessen hatte, war da nichts mehr.
Der Regen hatte nachgelassen. Dafür war kalter Wind aufgekommen und Richard fröstelte. Die Holzgehänge klapperten atonal im Wind. Nach wenigen Minuten erreichte er die Strasse. Er wandte sich noch einmal um.
„Ich habs gesagt. Bei Gott. Ich hab es gesagt.“

Richard kam um etwa 02:15 Uhr nach Hause, zog sich aus und verkroch sich vor Kälte zitternd unter der Decke. Und zum ersten Mal seit zwei Jahren erschien im die Dunkelheit erfreulich. Beruhigend. Sie umfasste ihn und Richard schlief ein, bannte die Dämonen der Nacht und schlief tief und traumlos. Er hatte nie wieder diesen Alptraum. Nie wieder einen Traum von Hakan. Er erzählte niemanden von seiner merkwürdigen Begegnung.
Manchmal hörte er Leute davon reden, dass eine merkwürdige Gestalt auf den Feldern und in den Wäldchen gesehen worden war… vielleicht ein nackter Mann mit weißen langen Haaren… Aber natürlich wussten die Leute auch, dass dies eine der Geschichten ist, die sich Jäger nach dem dritten oder vierten Glühwein erzählten: Wenn die Nacht vom Himmel fällt und der Wind um die Hütte weht.

Skorpioun ( gelöscht )
Beiträge:

08.11.2003 11:12
#2 RE: Den Pilger treffen antworten

Gast ( gelöscht )
Beiträge:

21.11.2003 21:51
#3 RE: Den Pilger treffen antworten

boah, das is aber echt gut, mir ist mehrmals ein schauer den rücken runtergelaufen. ich finde nur, dass richard älter sein sollte, vllt 15, als das mit hakan passiert ist und zum zeitpunkt der geschichte vllt 18 oder 19.

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