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07.11.2003 20:26
RE: Die unsterbliche Seele des türkischen Gitarristen antworten

Teil 4: Die unsterbliche Seele des türkischen Gitarristen


Wenn man die Nachbarn fragen würde, was sie von Hakan Akin hielten, so würden die meisten sagen: Ein Spinner. Ein kopflastiger Typ, ein Giftler, Junkie; arbeitslos und lebt von der Stütze. Und nur weil da vor vier Jahren mal so eine seltsame Geschichte war, am Land draußen… das sagt ja auch nicht wirklich was aus, oder?
Was war denn da, was ist passiert?
Zu Fuß heimgegangen, mitten in der Nacht, im Herbst. Wahrscheinlich hat ihn ein Auto erwischt, in den Straßengraben geschleudert... Schrecklich, sicherlich… Aber all die anderen Geschichten? Was ist damit?
Andere Geschichten? Ach, alles Unsinn. Man sagt, sie hätten ihn bewußtlos gefunden, und nackt war er. Mit einem gebrochenen Bein und Quetschungen da... da unten, sie wissen schon.
Und wenn man die Nachbarn fragen würde: Was treibt der so, die ganze Zeit? Dann würden sie sagen: Weiß´ nicht. Geht immer abends aus dem Haus. Lächelt nie. Er ist wie ein Zombie. Aber so sind sie ja alle, die Drogensüchtigen, nicht wahr?

Hakan wohnte seit zwei Jahren in einem heruntergekommenen Miethaus in einem Arbeiterviertel der Stadt. Er brauchte nicht viel. Das wußten die Nachbarn. Und die Kaufleute und die Regalbetreuer im nahen Großmarkt. Er brauchte nie viel: Brot, Butter, Mineralwasser. Käse und Wurst, Konserven und Mikrowellenfraß. Alkohol? Nie. Hakan Akin war scheinbar ein guter Moslem. Er trank nie Alkohol. So was viel den Leuten natürlich auf.

-Wissen sie, er ist ja immer gut angezogen. Also die Sachen, die er anhat. Jeans und Hemd; die sind gepflegt. Schuhe, passende Socken und nicht son Froteesocken Zeuchs.
Aber ich will ihnen mal was sagen: Ich hab dem Herrn Akin mal in die Augen geschaut, als ich um drei Uhr morgens nicht schlafen konnte und er grad die Treppen hoch kam. Ich stand am Gangfenster und rauchte, weil ich wegen meiner Frau, sie wissen, sie verträgt keinen Rauch, ja, und da kam der Herr Akin die Treppen hoch und ich sagte: Guten Morgen, sagte ich und er sah mich an... nun sehen sie sich mal meine Hände an. Immer wenn ich mich dran erinnere, wie seine Augen aussahen, fange ich an zu zittern... Seine Augen waren kalt. Man hört das ja so oft, die und die oder der da, die haben kalte Augen. Diese Leute haben noch nie wirklich kalte Augen gesehen. Die vo Herren Akin sind so kalt wie Friedhofserde im Winter, das schwöre ich ihnen. Ich hatte Angst. Und noch etwas. Wissen sie was? Er tat mir leid-

Und der Tagesablauf des Hakan Akin? Nun, er stand so zu Mittag auf, wusch sich, ging bei Bedarf einkaufen. Dann setzte er sich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Die Leute aus dem Haus gegenüber konnten direkt in das Wohnzimmer sehen; direkt in sein Wohnzimmer. Und die sagen, da sei was Seltsames an Herrn Akin: Der Fernseher stand an der linken Wand des Wohnzimmers. Das wußten sie, weil sie zugesehen hatten, wie der Kasten dorthin gestellt worden war. Aber wenn Herr Akin den Fernseher aufdrehte, saß er bloß da und starrte auf die Wand zwischen den hofseitigen Fenstern. Und manchmal, wenn es dunkel wurde und wenn der Fernseher ganz leise war, wissen sie, da konnte man ihn wimmern hören. Und das war der einsamste Laut, den ich je gehört habe. Wissen sie, ich glaube ja, dass dem Herrn Akin in seiner Jugend etwas schreckliches passiert ist. Vielleicht sogar im Zusammenhang mit seinem Unfall als... wie alt war er da, neunzehn? Ja. Vielleicht geschah damals wirklich mehr als ein Unfall. Vielleicht wurde er mißbraucht. Sie wissen schon: se-xu-el. Gibt ja son Leute, die sich an junge Burschen ranmachen. Gewalttäter. Ehemalige Zuchthäusler, son Gesocks.
Die Augen vom Herrn Akin, wissen sie, die sehen so aus als hätten sie nie als Fenster zu ner Seele gedient. Herr Akin sieht aus wie ein Mann ohne Seele, so wahr mir Gott helfe.

Und wo ging er denn immer hin, der Herr Akin? Nachts, wenn die Dunkelheit aus dem Himmel fiel wie eine Rabenfeder? Wo ging er da immer hin?

Niemand wußte das. Nur Hakan Akin selbst. Und der schwieg.

Die Erinnerungen in Hakans Kopf waren wie Glasmalerei. Bunt, hell und deutlich. Sie berührten ihn nicht. Vielleicht doch; Echos von Gefühlen; ein Seufzen das durch den Korridor der Jahre hallte und ihn gemahnte: Mach weiter und weiter, Hakan. Rette die Seelen der Leute, die einfach nur das Pech haben, am falschen Ort zu sein. Zur falschen Zeit. Er sagte sich: Mach weiter, mach weiter. Es ist nur irgendetwas, das du tust. Und wenn du ein Leben rettest, so rettest du die ganze Welt.
Die Welt war Hakan egal. Die Seelen fremder Menschen waren Hakan egal. Er war sich selbst egal. Egal waren ihm nicht diese Phantomschmerzen. Manche Erinnerungen zogen mit Angelhaken an einer Stelle in ihm, die leer war und doch schmerzte. Die widernatürliche Leere tat weh und die Erinnerungen, die auf diesen Bereich zugreifen wollten, brachten ihn zum wimmern. Weinen konnte Hakan nicht. Denn wo keine Seele ist, sind auch keine Tränen.

Was also tat Hakan Akin? In der Regel verließ er das Haus um 20:00 Uhr und nahm den Bus um 20:48. Um 21:00 kam er in der kleinen Ortschaft an. Von der Bushaltestelle ging er etwa drei Kilometer zu Fuß über eine Landstrasse und bog dann in ein kleines, längliches Wäldchen ab und durchwanderte diesen Windschutzgürtel in der Mitte der Verwerfung, die das Wäldchen in der Mitte teilte. Er umrundete die Bunkeranlagen aus dem zweiten Weltkrieg. An einer bestimmten Stelle zog er sich nackt aus, legte sein Gewand in einem Plastikbeutel unter einen Stein und stellte sich dann, weiß vom Mondlicht beschienen, an den Rand des Wäldchens und beobachtete die Felder. Kälte tat ihm nichts. Sie war unangenehm aber er verband kein Gefühl, keine Emotion mit Kälte. Je tiefer die Temperatur war, desto exakter schien seine Aussenwelt sich auf die Innenwelt einzustellen.

Diese Exkursionen machte Hakan Akin recht häufig im Sommer und fast täglich im Herbst. Im Winter und im Frühling blieb er immer zu Hause in seiner kleinen Wohnung und starrte die Wand an wie eine Katze, die sich selbst in den Schlaf versetzen wollte.
Am neunzehnten Oktober 2008 kam Hakan Akin wieder zu seiner Stelle im Wald. Es war längst dunkel. Die Luft war mild und es war windstill. Er fasste die langen weißen Haare nach hinten und zog sich nackt aus.
Nackt zu sein erschien ihm sowohl wichtig als auch vollkommen richtig. Er wollte bereit sein, wenn sich die Felder öffneten um einen unschuldigen Spaziergänger zu verschlingen und in den Wahnsinn zu treiben. Er wollte hineinspringen können um dem bedauernswerten Opfer das Leben zu retten.
Nackt zu sein war eine emotionslose und kalte Entscheidung. Tu´s oder tu´s nicht. Er tat es. Und schon, als er seine Kleider in den mitgebrachten Plastiksack stopfte und sich bückte um das Päckchen zu verstauen, spürte er, dass etwas anders war. Etwas bewegte sich. Die Luft war von anderer Qualität, es roch sauer und erdig, ja, nach nasser Erde. Nach blutgetränkter Erde. Hakan spürte Veränderungen. Die Erdmagnetfelder ballten sich an einer bestimmten Stelle, eine merkwürdige, irritierende Ballung von Erdströmen. Die Luft wurde statisch aufgeladen und entlud sich in winzigen Trockengewittern, kleinste Wolkenzellen in denen es elektrisch leuchtete. Es klang wie Gepolter. Wie wenn ein Lastwagen über eine Holzbrücke ratterte. Hakan nahm das alles wahr. Er dachte, dass er völlig gelassen war. Aber ganz tief in ihm war die Erinnerung an Angst. Er wußte noch, wie sich Angst anfühlte, weil Angst auch nur eine Stoffwechselreaktion des Leibes ist. Er bekam die Nebenwirkungen von Angst zu spüren, weil sich sein Stoffwechsel erinnerte. Hakan hatte diese Art von Gepolter schon drei Mal gehört. Einmal, als er selbst in die Hölle geschickt wurde um dort den uralten Göttern als Spielzeug und Leckerbissen zu dienen, und weitere zwei Mal, als er Menschen davor bewahrte, in die Tiefe gerissen zu werden. Eine ältere Frau, die nicht schlafen konnte und mitten in der Nacht, im Trainingsanzug unterwegs war um Pilze zu suchen. Und einen jungen Soldat, der sich von der Gruppe abgeseilt hatte um sich einen runterzuholen. Er hatte sowohl den Soldaten wie auch die Frau halb zu tode erschreckt; sie liefen davon, als ob der Pfefferkuchenmann hinter ihnen her wäre. Aber sie hatten überlebt und noch besser: Sie hatten beide nicht gesehen, wie die Felder sich in Strudeln verflüssigten und die abertausenden von Leichen an die Oberfläche drängten, um das neue Fleisch aufzunehmen.
Und jetzt war es wieder soweit. Irgendwie verschoben sich die Magnetfelder, die Konsistenz der Erde dehnte sich, streckte sich auf widernatürliche Weise, Hakan hörte wieder das Reißen von Wirklichkeit und wie sie stöhnend der bösen Kraft Platz machte. Hakan durchlief flink wie ein Fuchs die Erdverwerfung in der Mitte des Wäldchens und hielt nach Menschen Ausschau. Da war niemand. Da war niemand. Da war nichts. Und trotzdem öffnete sich der Boden? Das geschah doch nur, wenn ein Opfer in der Nähe war. Ein Naivling, den man mit einem Zettel voller Unfug anlocken konnte. Doch kein Mensch war hier. Niemand, der besoffen von einer Ortschaft zur anderen ging. Kein Soldat, der sich abseilte und keine Leute mit Hunden. Er war allein hier. Als sich Hakan sicher war, dass er der einzige Mensch im Umkreis von etwa einem Kilometer war, blieb er keuchend stehen und sah zu, wie sich das Unbeschreibliche aus dem Jenseits in unsere Welt wuchtete.
Hätte Hakan eine Seele gehabt, dann wäre sie am Anblick dessen, was kam zu Grunde gegangen. Aber so stand er einfach nur da, ein nackter unansehnlicher Mann und starrte ohne zu blinzeln hinaus aufs Feld. Und das Feld bestand nur noch aus übereinander geschlichteten Leichen; sie bewegten sich, langsam und stetig. Hakan sah sie scharf an. Ja, da war diese widerwärtige Gier in den madenzerfressenen Augen. Dann kam plötzlich koordinierte Bewegung in die zum Teil flüssigen Leichenmassen. Sie verbanden sich, sich umarmten und sie umfassten sich und schlichteten sich übereinander. Es entstand ein grässlicher, lebender Turm aus Leichen, die doch irgendwie nicht tot waren. Hakan wusste, dass er eigentlich nur durch Zufall nicht einer von ihnen war. Die Wanderung vor fünf Jahren hätte für ihn auch in diesem Feld enden können. Sie wollten jedoch, dass er es durchqueren kann um sich an seiner verängstigten Seele zu laben.
Der Menschenturm wuchs und nahm Gestalt an. Ein Golem entstand, nicht aus Lehm sondern aus tausenden von Untoten. Ein schauderhaftes Heulen und Knirschen, Keckern und Schnattern ging von dem schwankenden Ungetüm aus; tausende Augenpaare starrten ihn an, tausende Münder öffneten sich und klebrige Erde rieselte herab. Knochen brachen und Fleisch wurde zerrissen. Dennoch stand das Ungetüm. Über fünfzehn Meter hoch. Klar erkennbar; die scheußliche Parodie eines menschlichen Körpers. Die klagenden und weinenden Stimmen stimmten sich aufeinander ein, eine Stimme aus tausenden Stimmen, sie summten bis nur noch ein gewaltiger Ton über die Felder hallte.
Hakan dachte nichts. Er starrte zurück; ein Augenpaar gegen tausende. Die Stimmen, die Stimmen: Es klang wie ein gewaltiges: „AAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHH!!!“
Dann, nach ein paar Minuten erstarb der menschliche Orgelton und dann sprachen die tausenden, gequälten Stimmen als eine einzige, irritierende, vibrierende Stimme: DU!“
Hakan rührte sich nicht.
„DU!“
„Ja?“
Die Stimmen seufzten, holten Atem. Dann riefen sie: „Du schmeckst uns nicht. Wir kauen dich seit fünf Jahren. Wir können dich nicht zerbeißen . Und wir können dich nicht schlucken. Du bist… anders.“
Hakan wusste nicht, ob er etwas sagen sollte, ob eine Antwort angebracht war.
„Dein Schmerz hat uns gefallen. Du hast gut geweint und schön gelitten. Fast so gut wie der russische Junge, eine Welt weiter weg. Der war so wie du. Wir kauten ihn. Aber wir konnten ihn nicht zerbeißen.“
Nicht weil es ihn wirklich interessierte sondern um einfach weiter zuhören zu können, fragte er: „Es gibt andere? Wie mich?“
Die Stimmen heulten dissonant auf: „Gibt es, gibt es. Abscheulich seid ihr. Seht so lecker aus, könnt so schön leiden. Aber zerbeißen? Kann man euch nicht.“
Hakan ging langsam über das von Leichenteilen und verfaulten menschlichen Resten bedeckte Feld zu dem Golem, der viele war und rief: „Und was werdet ihr tun? Warum seid ihr hier?“
Auf diese Frage kam lang keine Reaktion. Tiefe Enttäuschung war da. Ein polyphones Wimmern, atonal und schauderhaft. Der Golem machte ein paar schwerfällige Schritte auf Hakan zu. Die Erde bebte unter ihm. Die Leichen, die die Füße bildeten, wurden zerquetscht und zu Brei getreten.
„Wir können nicht behalten, was wir nicht zerbeißen können.“
„Was bedeutet das?“
„Wir geben dich zurück. Doch eines musst du tun. Du stimmst zu. Zeit ist für uns nicht relevant. Wir könnten weiterkauen. Hunderttausend Jahre. Und dann ausspucken. Stimmst du zu?“
„Was soll ich zustimmen? Was wird passieren.“
Der Golem beugte sich vor und Hakan roch den verderblichen Geruch saurer, blutgetränkter Erde und verwesten Fleisches.
„Wir geben dich zurück. Du wirst dich an alles erinnern. Für immer. Und du kommst nie wieder hier her. Nie wieder. Stimmst du zu?“
Hakans Logik arbeitete einwandfrei, ja, sogar besser als je zuvor. Ihn konnten sie nicht zerstören. Zerbeißen, wie sie es nannten. Aber so wie er nun war, war er ihnen auch im Weg. Seitdem er hier Wache schob, gab es keine Gustohäppchen mehr. Kein Mädchen zwischendurch, keine Jungfrau zu zerbeißen, kein Junge zu kastrieren. Ein unerfreuliches Dasein. Und dann auch noch die Seele dieses Burschen im Maul, eine Seele, die sich standhaft weigerte, sich zerbeißen zu lassen. Die Intention der alten Götter war eindeutig: Sie wollten ihn loswerden. So sehr es auch Spaß gemacht hatte, sich an seinem Schmerz zu laben, so gut seine Seele auch schmecken mochte, sie wollten ihn nicht mehr.
„Ich stimme zu.“
Und das war komisch. Hakan stimmte zu und verstand innerlich auch den Satz und dessen Tragweite. Er verstand nur nicht, warum er sich überhaupt entschieden hatte. Nichts in ihm drängte danach, die Seele zurückzubekommen. Nichts sehnte sich. Hakan war eine funktionierende, entscheidungsbefugte Maschine. Hässlich und schwach geworden, ja.
„Unter einer Bedienung.“
„Du forderst? Treib es nicht zu weit.“
„Ihr könnt mir nicht drohen, was in mir Angst haben kann, habt ihr im Maul… Ihr sagt, Zeit spielt keine Rolle für Euch? Ja? Dann bringt mich zurück. Fünfundzwanzigster Oktober 2003. Kurz nach Mitternacht. Gebt mir meine Seele. Und führt mich zurück. Das ist meine Bedienung. Ich habe nichts zu verlieren.“
„Komm zu uns. Wir wollen dich berühren. Wir geben dich zurück. In den Leib, in die Zeit. Komm jetzt.“
Hakan machte noch ein paar Schritte auf den Golem zu. Er sah zum Nachthimmel. Der Halbmond schien hell. Die Sterne funkelten. Die Arme des Golems bestanden aus zusammengebundenen Leichen. Als Hakan näher kam sah er, dass die Untoten durch ihre Sehnen miteinander verbunden waren. Sie griffen nach ihm und hoben ihn hoch. Und höher und höher, bis er von den wuselnden Händen in das angedeutete Maul des Golems gesteckt wurde. Noch immer war da keine Angst, keine Furcht, keine Erregung. Es war schlicht unangenehm. Die Zähne des Golems wurden durch Totenköpfe angedeutet, der Golem kaute Hakan und speichelte ihn mit Leichensaft ein. Die Mischung aus Magensäure, Galle und Eiter und Fäulnis brannte in Hakans Mund und in den Augen. Er kämpfte sich im Maul des Golems vor, streckte sich und sah zwischen zwei Totenköpfen hinaus. Der Golem stürmte plötzlich los. Die Geschwindigkeit der Bewegungen war schlicht unmöglich. Die Welt verwischte zu grauschwarzen Streifen: Die tausenden von Untoten aus denen der Golem gefertigt war, heulten im Takt der Bewegungen auf: AAAHHH AAAHHH AAAHHH. Das Geräusch war ebenso erbärmlich wie obszön. Hakan sah an sich herab. Er war über und über besudelt mit der jauchigen Flüssigkeit des Golems, aber da war noch was. Der unförmige, dicke Bauch war weg. Die Brust spannte sich, seine Schenkel vibrierten vor Spannkraft. Die weißen, spinnwebenartigen Haarbüschel verschwanden. Sein Leib regenerierte sich.
Plötzlich kam diese Travestie des Lebens zu stehen, das Maul zuckte und kaute und rotzte den Passagier aus. Hakan flog sich überschlagend durch die Luft und klatschte auf ein staubtrockenes, abgeerntetes Feld. Um ihn herum war es milchig. Es war Nacht und der Mond brachte den Bodennebel zum leuchten.
Er rappelte sich auf und stand einfach da und wartete. Er sah noch einmal an sich herab. Er war schlank. Die weißen Haare waren verschwunden. Er konnte seinen Penis wieder sehen, Hurra. Er streckte sich, spannte sich und atmete seufzend aus. Fehlt nur noch eins zu tun.
„Gebt mich zurück.“
Aus der Stirn des Golems löste sich eine Gestalt und kletterte hurtig hinunter. Dann stand er zwischen den Beinen des Ungetüms. Es war ein Untoter wie alle anderen. Aber seine Augen waren lebendig. Sie bewegten sich, sie strahlten und sie fixierten Hakan.
„Zurückgeben, ja.“
Er packte Hakans Kopf mit den ausgezehrten, halb verwesten Armen und presste seinen Mund auf Hakans Mund. Der ausgedörrte Muskel, der mal eine Zunge war, presste Hakans Mund auseinander und dann würgte der Zombie. Hakan zappelte im eisernen Griff der Leiche. Dann rotzte der Zombie etwas tief aus seinem Magen hoch und würgte. Seine Gesicht strahlte plötzlich durch das Licht, dass sich durch den Schlund des Untoten hocharbeitete. Und für den Bruchteil einer Sekunde sah Hakan sich selbst, und wie er in sich zurückkehrte. Der Zombie rotzte Hakan seine Seele direkt in den Mund. Eine Wiedergeburt, begleitet von Ekel erregenden und obszönen und verächtlichen Geräuschen. Die Seele, die Seele. Sie wusste, wo sie hingehörte und Hakan riss sich von dem Leichnam los, würgte, schluchzte und schüttelte sich vor Ekel. Die Seele fand ihren Platz. Die Seele stellte die Verbindungen zu den Erinnerungen her, die Seele verarbeitete die Erinnerungen und die Seele jubelte.
Hakan stand nackt auf dem Feld, ein Fanal des Lebens, eine Brandwunde in der Fratze des Fliegengottes. Er stand inmitten des Feldes da, streckte sich durch und schrie triumphierend zu den Sternen empor. Er schrie, bis ihm der Hals schmerzte. Dann erst sah er sich um. Das Feld war da, die Nacht war da. Dort war die Landstrasse. Ein paar Schritte weiter weg sah er einen dunklen Haufen. Er ging auf die Sachen zu. Seine Sachen. Er drehte sich zu dem Golem um, der bereits zerfiel. Die Zombies lösten sich aus dem bizarren Kollektiv und gruben sich in der Erde ein. Hakan grinste. Das fühlte sich gut an.
Hakan lachte. Und das fühlte sich erst recht gut an. Er zeigte dem seltsamen Golem, dieser Ruine aus toten Menschen den Finger und sagte mit einer leichten Verbeugung: „Elvis hat das Gebäude verlassen.“
Er bückte sich und nahm seine Sachen auf und trug sie zur Strasse. Alles da. Er zog sich an: Socken, Unterhose, Lederhose, Tanktop, schwarzes Kapuzenshirt, der Ledermantel. Als er in den Mantel schlüpfte dachte er, dass er wieder komplett sei. Neunzehn Jahre biegsames und hochmusikalisches Fleisch; Welt, du hast mich wieder!
Er zog Rotz hoch und spuckte ein par mal aus um den widerwärtigen Geschmack des obszönen Kusses aus dem Mund zu bekommen. Dann sah er seine Gitarrentasche. Er hob sie hoch, schlüpfte in die erste Schlaufe, zog sich die linke Schlaufe über die linke Schulter und lächelte den Mond an:
„Ich geh jetzt heim. Ich gehe wirklich heim. Wahrhaftig. Das mache ich jetzt.“

Er ging in die Ortschaft hinein: Biedermannsdorf. Was für ein Name. Er ging über die Parkstrasse zur Perlasgasse. Die Gasse, in der er wohnte. Er ging an dem Haus vorbei, wo die weißhaarige Frau wohnte, die mit den beiden Enkeln. Wie hieß sie? Das Mädchen? Er hatte sie geküsst. Auf die Wange. Das war ein kurzer Moment. Aber bei schönen Momenten spielt die Zeit wohl auch keine größere Rolle. Hakan ging durch die dunkle Gasse und sie schmiegte sich an ihn wie eine liebeshungrige Katze.
Hakan kam zu Hause an. Hier lebte er. Der türkischer Gitarrist in einer Death Metal Band. Ein türkischer Gothboy, wenn es je einen gegeben hat. Er ging ins Vorzimmer, trat sich die Schnürstiefel von den Beinen und stellte die Gitarre ins Eck. Dann wollte er sich wie eine Fledermaus beim Tagesanbruch ohne Aufsehen in sein Zimmer verziehen, da hörte er die Stimme seiner Mutter:
„Hakan. Wieso kommst du so spät? Ich hab kein Moped gehört. Komm her und lass mich deinen Atem riechen und wehe…“
Hakan ging auf seine Mutter zu und umarmte sie. Er küsste sie auf die Stirn und auf die Wangen. Sie musterte ihn amüsiert und gerührt.
„Mama…“, sagte er tonlos.
„Was ist denn, Hakan, was?“
„Mama…“, antwortete er zitternd.
Und dann konnte er endlich weinen ohne zu bereuen.

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