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 Texte aller Art, Gedichte, Lyrik, Kurzgeschichten, Altbeiträge
futonga Offline



Beiträge: 5

26.04.2004 18:41
RE: Das Monosyndrom Antworten

Ein noch unveröffentlichter Mystery-Thriller mit ca. 265 Buchseiten. - Leseprobe aus dem zweiten Kapitel:

EXPOSÈ:

Martin Neubert führt ein ganz normales Leben, bis er eines Tages am Nordseestrand eine unheimliche Begegnung mit einem Wesen aus einer anderen Dimension macht. Es führt ihn in mystische Welten, in denen sich Vergangenheit und Zukunft verbinden. Martin erfährt von seinem früheren Leben und wird in der Gegenwart vom Schicksal eingeholt.
Während Martins Frau Astrid und seine Freunde besorgt seine Veränderung wahrnehmen, gerät Martin immer mehr in einen Strudel aus parapsychologischen Erfahrungen und übersinnlichen Kräften, die immer mehr Besitz von ihm ergreifen.
Martin erfährt seine vielen Seelenleben, die mit der Entstehung des Universums beginnen und auch in die sehr ferne Zukunft reichen. Er gelangt in Sphären, die er sich nicht im geringsten auszumalen gedachte. Ein furchtbarer Alptraum beginnt für ihn. Martin verliert fast den Verstand dabei. So unglaublich stellt sich ihm sein Seelenleben dar.
Geister und Dämonen, Telepathie, Telekinese, ASW, alle Vorstellungen der Parapsychologie offenbaren sich Martin und ziehen ihn in ihren furchtbaren Bann.
Martin sucht Erlösung von diesen unheimlichen Begegnungen und Erlebnissen. Er vertraut sich einer neurologischen Klinik an, um dort wieder ganz gesund zu werden. Am Ende steuert Martin aber unaufhaltsam ins Verderben.


KAPITEL II
Kontakt oder Sinnestäuschung

Crildumersiel, Nordseeküste, West Germany, Mittwoch, 19. Juli, vor ein paar Jahren.
Ein heißer Sommertag neigte sich zu Ende. Wie ein riesiger Feuerball versank die Sonne am weiten Horizont. Glutrot spiegelte sich ihr schwacher Schein auf den seichten Wellen des Meeres wider. Ein milder Wind wehte von der See herüber. Er brachte eine angenehme Erfri-schung nach der unerträglichen Hitze des vergehenden Tages. Es roch nach Salz und nach Fisch.
Schwüle Tropenluft machte seit Wochen den Menschen zu schaffen. Man sehnte sich nach einem frischen Regenschauer und nach Abkühlung. Doch seit mehr als einem Monat fiel kein Tropfen Wasser.
Sacht schlugen die Wellen ans Ufer, wanderten über den Sandstrand, um gleich wieder von der schäumenden Brandung geschluckt zu werden. Das rhythmische Rauschen der Wellen klang angenehm.
Die Dämmerung umhüllte langsam den vergangenen schwülheißen Tag. Am Firmament fun-kelten schon vereinzelt die ersten Sterne. Ganz schwach noch, so als wollten sie jeden Au-genblick wieder verlöschen. Ihr Schein wirkte bläulichgelb vor dem orange schimmernden Hintergrund.
Dünne Schleierwölkchen zogen gespenstisch über den abendroten Himmel, der sich ganz langsam mit Zunahme der Dämmerung in ein dunkles grau verfärbte. Es war ein herrlich schönes Panorama an diesem wundervollen Sommerabend.
Die Laternen der nahen Uferstraße begannen in mattem Schein zu strahlen. Ein schwaches Gelb, kaum sichtbar, aber zunehmend kräftiger werdend. Langsam erhellten sie die anbre-chende Dunkelheit. Bald zeigte sich ein breites Sternenband am Himmel. Wie ein riesiges Netz überspannte es den Himmel. Unzählige funkelnde Punkte, starr und regungslos, geheim-nisvoll und ihre Entstehung bewahrend.
Verlassen wirkten die Straßen. Die Fahrzeuge parkten unter Laternen oder abseits in dunklen und schmalen Gassen. Von irgendwo her klang das Miauen einer Katze, ab und zu das kläf-fende Gebell eines Hundes. Die Menschen hielten sich in ihren Wohnungen auf. Dort ließ es sich in kühler Luft aushalten. Oder sie hockten in Bars und Kneipen, erholten sich von der drückenden Hitze des hinter ihnen liegenden Tages. Sie ruhten aus von der Arbeit, saßen zu-sammen und berieselten ihre Kehlen mit erfrischenden Getränken. Es wurde viel getrunken an diesem Abend. Andere genossen die letzten Urlaubstage in klimatisierten Hotelzimmern oder in überfüllten Restaurants.
Nur ein Mann wanderte gemächlich am Strand entlang. Es war Martin Neubert. Der Wind hatte seine kurzen dunkelblonden Haare zersaust. Durchschwitzt von der Schwüle hingen sie in Strähnen auf seiner Stirn. Martin trug ein dünnes Seidenhemd, das er über der Brust aufge-knöpft hatte und seinen behaarten Oberkörper hervorstechen ließ. Die Haut war von der Son-ne gebräunt. Barfuss lief Martin durch den von der schäumenden Brandung gekühlten Sand. Die seichten Wellen schwemmten ihm das Wasser bis zu den Knöcheln. So war es angenehm zu wandern. Die Schuhe hingen mit den Schnürsenkeln verknotet am dünnen Hosengürtel und die Strümpfe steckten in der Gesäßtasche. Martin war dreiundvierzig Jahre und lebte seit sei-ner Kindheit in diesem kleinen Ort.
Gedankenverloren blickte Martin aufs Meer hinaus, obwohl es in der bereits herrschenden Dunkelheit kaum etwas zu sehen gab. Der ferne Horizont deutete schwach die Konturen des vergangenen Tages an, so als wolle er ihn jeden Moment wieder zurückholen. Und von ir-gendwo klang ein schwaches Summen an Martins Ohr. Von einem fernen Ozeandampfer viel-leicht. Martin hing seinen Erinnerungen nach, ließ sich seinen arbeitsreichen Tagesablauf nochmals durch den Kopf gehen. In Gedanken weilte er bei seiner geliebten Frau Astrid, die jetzt alleine zu Hause saß und wohl leicht erzürnt über ihn war.
Wegen eines dummen Streites lief Martin weg, wollte alleine sein. Voller Wut hatte er das Haus verlassen, rannte einfach los, ohne ein festes Ziel zu haben. Niemand durfte ihn jetzt in seinen Gedanken stören. Noch steckte der Zorn in ihm. Er wollte es so, quälte sich grundlos mit unkontrollierten Emotionen.
Seit vielen Stunden schon schlenderte Martin am Strand entlang. Irgendwann legte sich dann seine Wut, sein Ärger verflog. Worüber hatten Astrid und er eigentlich gestritten? Bei genau-em Überlegen wusste er es gar nicht mehr so genau. Ein Wort gab das andere. Und schon ge-riet man sich in die Haare. Keiner von beiden wollte von seinem sturen Standpunkt abwei-chen. Martin dachte an seine geliebte Astrid. Er sah deutlich ihre dunklen, fast schwarzen Haare, die ihr leicht gewellt bis auf die Schultern reichte, vor sich. Zwanzig Jahre waren sie nun verheiratet. Zwanzig Jahre, in denen es Höhen und Tiefen in ihrem Leben gab, wie auch diesen kleinen unbedeutenden Streit von heute.
Martin hatte den kleinen Ort hinter sich gelassen. Auf einer Düne verharrte er und setzte sich in den von der Sonne noch warmen Sand. Seine Augen streiften über die Wogen des Meeres. Die gespreizten Hände ließ er durch den feinen Sand gleiten. Gedankenverloren, um die An-strengungen des hektischen Tages und den Streit mit seiner Frau zu vergessen. Um neue Le-benskraft zu schöpfen. Abschalten, entspannen, einfach nur gehen lassen, das wollte er. Und in dem monotonen Gleichklang der Brandung genoss er das Gefühl von Zufriedenheit.
Da bemerkte Martin einen Schatten aus dem Wasser auftauchen. Achtlos und unbewusst re-gistrierte er diesen unbedeutenden Vorgang. Ohne sich überhaupt dafür zu interessieren. Als aber die Erscheinung immer größer wurde, erhob sich Martin und starrte gebannt aufs Meer. Er spürte, wie sein Herz ungewollt kräftiger schlug. Doch Angst kam nicht in ihm auf. Es war mehr die Neugierde, die ihn erregte. Martin sah auch keine Gefahr von dem schemenhaften Etwas ausgehen. Martin konnte dieser Erscheinung noch keine Bedeutung beimessen. Im ers-ten Moment glaubte er an ein U-Boot. Doch dafür war der Schatten zu schmal. Was also mochte es wohl sein?
Nichts konnte Martin erkennen, was die Identität dieses Gebildes erklären würde. Unklar zeichneten sich die Konturen gegen den Nachthimmel ab. Dieses Unbekannte sah aus wie ein riesiger Ball, dessen untere Hälfte noch im Wasser schwamm. Lautlos kam die Erscheinung auf das Ufer zu. Etwas drohendes ging jetzt von ihr aus.
Unwillkürlich wich Martin einige Schritte zurück. Er hastete über die Dünen, der befestigten Uferstraße zu. Dort fühlte er sich wohler. Da waren Menschen in der Nähe. Allein das Wissen von ihrer Anwesenheit gab ihm ein Gefühl der Sicherheit. Da standen Häuser, in denen er sich verbergen konnte. Seine Schritte wurden schneller, sein Atem hastender. Schweiß triefte ihm von der Stirn. Die Schwüle machte Martin zu schaffen. Oder war es ganz einfach Angst? Im-mer wieder blickte er sich um. Der Schatten kam näher. Nun hatte die Erscheinung den Strand erreicht und hielt inne. Unheimliche Stille herrschte. Hydraulische Gelenke schoben sich un-ter schwachem Summen aus der Kugelgestalt, um sie abzustützen. In der gespenstischen Dun-kelheit wirkte das wie ein gewaltiges Aufbäumen einer Riesenspinne.
Jetzt stockte Martin der Atem. Er gelangte zu den ersten Häusern, wo er sich Schutz erhoffte. Hinter einem Bretterzaun verbarg er sich und beobachtete angespannt, was weiter geschah. Aber das Ding am Strand rührte sich nicht von der Stelle. Lautlos verharrte es am Strand. Wellen schlugen gegen die Kugelgestalt und schaukelten sie leicht hin und her.
Flüchtig schaute Martin die Straße entlang und an den Häuserfronten hoch. Hinter den be-leuchteten und geöffneten Fenstern hörte er das Lachen von Menschen. Aus den Radios klang Musik und die Stimme des Moderators. Aber auf der Straße war niemand zu sehen. Alles lag im Dunkeln. Er blickte zu den Lichtern einer nahen Kneipe. Die Tür stand weit offen. Fröhli-ches Stimmengewirr und das Dröhnen der Musikbox kamen ihm entgegen. Die Menschen erfrischten sich mit kühlen Getränken.
Niemand ahnte die Situation, in der sich Martin befand. Fühlte denn keiner die Gefahr, in der er schwebte? Bestand überhaupt eine Gefahr für ihn? Oder bildete er sich das nur ein? Wer oder was konnte ihn bedrohen? Schließlich war er ein Mann im besten Alter und hatte viele gefährliche Situationen in seinem Leben gemeistert. Und Angst, ja die kannte er ganz be-stimmt nicht. Aber seine jetzige Lage kam ihm doch nicht so geheuer vor. Irgend etwas ließ ihn erschaudern. Aber was? Niemand bedrohte oder erschreckte ihn.
Immer wieder verharrten Martins Augen für Sekunden am Strand. Dann glaubte er ein kurzes Aufleuchten auf dem merkwürdigen Ding gesehen zu haben. Für den Bruchteil einer Sekunde nur. Aber gleißend hell. War es ein Blitz? Unbewusst blickte Martin zum Himmel. Doch dort leuchteten die Sterne, kein Gewitter im Anzug. Hatte er sich etwas eigensinniges eingebildet? Ging die Phantasie mit ihm durch?
Wieder schaute er in Richtung Meer. Dort blieb alles ruhig und dunkel. Er glaubte schon an Halluzinationen und rieb sich die Augen. Der Schatten aber, rund wie eine Kugel und unbe-weglich, ließ sich nicht wegwischen. In seinem Durchmesser mochte er vielleicht fünfund-zwanzig Meter haben, schätzte Martin. Aber verdammt noch mal, was stellte das komische Ding nur dar? Er konnte es sich nicht erklären und versuchte, das Unbehagen zu unterdrü-cken. Jetzt musste Martin für einen Moment an Astrid denken. Wäre er doch bloß nicht weg-gelaufen. Dazu bestand doch überhaupt kein Grund.
Plötzlich erstrahlte die ganze Kugel in mattem Licht. Martin erschrak und fuhr zusammen, hielt den Atem an. Hinter dem Bretterzaun ging er in die Hocke und schaute zwischen den schmalen Spalten der einzelnen Bretter hindurch. Sein Herz hämmerte bis zum Hals. Schweiß triefte aus allen Poren und stand wie kleine Perlen auf seiner Stirn. Eine Gänsehaut überzog seinen Körper.
Das Leuchten um das Gebilde wurde immer heller. Noch konnte man kein Geräusch hören. Das Licht schien nun rötlich gelb. Aber es blendete trotz der Dunkelheit nicht. Im Gegenteil. Es leuchtete angenehm. Es schmerzte auch nicht in den Augen. Irgendwie strahlte es eine beruhigende Atmosphäre aus, Behaglichkeit und Wärme. Es erfüllte Martin, der sein sicheres Versteck hinter dem Zaun nicht verlassen hatte, mit einer unbeschreiblichen Gelassenheit. Und er spürte die schwere Last des vergangenen Tages von sich genommen. All die Gedan-ken und Sorgen, seine Wut der letzten Stunden, Wochen und Monate waren verflogen. Das Negative wich total von ihm. Positive Gedanken machten sich breit und gaben ihm das Gefühl der Zufriedenheit. Martins Atem beruhigte sich allmählich wieder. Die Angst und der Schre-cken stellten sich als harmlos dar. Ein Glücksgefühl befiel ihn und machte ihm Mut. Welche Empfindungen breiteten sich da in seinem tiefsten Inneren aus? Er konnte es selbst nicht fas-sen. Es war ein Gefühl der Begeisterung für eine Sache, die er überhaupt nicht begriff. Freu-de, etwas erleben zu dürfen, von dem er keine Ahnung hatte. Martin konnte seine Regungen nicht beschreiben. Er war Gefangener von Gefühlen unbekannter Herkunft, die sich nicht mehr steuern ließen. Aber Hauptsache, er verspürte keine Angst. Das gab ihm Zuversicht.
Martin erhob sich, kam aus seinem Versteck hervor. Mit langsamen Schritten überquerte er die Straße, ging die Stufen der ausgewaschenen Sandsteintreppe zum Strand hinunter und bewegte sich vorsichtig und abwartend auf das leuchtende Etwas zu. Das Unbekannte und die Neugierde trieben ihn voran. Er verspürte auch das Verlangen, die geheimnisvolle matt strah-lende Kugel zu erreichen. Mit sicheren Schritten stampfte er durch die Dunkelheit. Marschier-te immer mehr auf die fremdartige und ihn magisch anziehende Erscheinung zu. Die Sehn-sucht nach diesem Ding befiel ihn plötzlich. Er wollte es unbedingt erreichen. Aber den Grund dafür kannte Martin nicht. Der Drang kam nicht von seinem Bewusstsein. Eine innere Stimme sagte ihm: Gehe weiter! Lass' dich nicht aufhalten!
Langsam näherte sich Martin der strahlenden Kugel. Das Leuchten wurde jetzt noch stärker. Nur wenige Meter trennten ihn von der Erscheinung. Die Kugel war zum greifen nahe. Sie wirkte gewaltig.
Es herrschte gespenstische Stille. Das Rauschen der Wellen verstummte. Auch von den Häu-sern klangen keine Geräusche herüber. Deutlich hörte Martin jeden seiner Atemzüge. So in-tensiv, dass es ihn fast erschreckte. Er verharrte für einen Moment. Dann bewegte er sich ei-nige Schritte weiter. Noch näher an die strahlende Kugel heran. Ihr Leuchten strömte aber-mals kräftiger. Und fast gleichzeitig ertönte ein schwaches Summen. Martin blieb verwirrt und für einen Moment verunsichert stehen, starrte nur gespannt auf die Kugel. Doch nichts geschah.
„Komm' näher“, glaubte Martin eine Stimme zu hören. Er ging vorsichtig weiter. Mit zögern-den Schritten bewegte er sich direkt auf das Licht zu. Es hüllte ihn ein und verschlang ihn. Der Atem stockte Martin. Alles um ihn glänzte in einem hellen Gelb. Er sah nur noch dieses Licht, das um ihn war. Das seinen Körper einhüllte, ihm seine Sinne zu rauben schien.
Was war das für ein Gefühl? Eine ungeahnte Wärme umgab ihn. Die Furcht wich aus seinem Bewusstsein. Er spürte ein nie gekanntes Glücksgefühl. Sein Verlangen, dieses wundervolle Licht zu genießen und zu besitzen, breitete sich in ihm aus. Es erfasste seinen ganzen Körper, seine Seele, seinen Geist. Das Licht bedeckte ihn vollkommen. So als wolle es ihn verschlin-gen. Und er genoss es mit seinem ganzen Herzen. Er ließ es geschehen.
Alles um Martin glänzte nun in gleißendem Licht. Er sah nur noch diesen wundervollen Schein. Sonst nichts. Alles andere war verschwunden. Nur dieses endlose Licht hatte Bestand. Es gab kein Unten und kein Oben. Martin stand inmitten der unbeschreiblichen Helligkeit. Die Welt um ihn herum tauchte im Nichts unter. Das Strahlen ließ Martin nicht mehr los. Es gab ihm Kraft und Energie. Er spürte es deutlich.
Martin schritt langsam weiter. Immer tiefer in den Feuerball hinein, der nicht enden wollte. Aber Martin empfand keine Hitze, keine Glut, die ihn verbrennen könnte. Nur eine angeneh-me und befriedigende Wärme. Nur dieses Gefühl der Zufriedenheit und des Losgelöstseins von allem Irdischen. Er charakterisierte es als wundervoll und sehnte sich nach mehr davon.
„Lass' es mich genießen“, sagte Martin, „es ist schön. Es ist unbeschreiblich“.
Unendlichkeiten schienen zu vergehen. Martin wanderte weiter, ohne sich umzuschauen. Er blickte nur in dieses seltsame Licht, das sich nun in rhythmischen Spiralbewegungen drehte und dabei in den herrlichsten Farben erstrahlte.
Das Licht formte sich zu einem Tunnel. Martin ging unaufhaltsam weiter, näherte sich dem Ende des Lichtes. Wenig später trat er auf der anderen Seite aus der leuchtenden Kugel her-aus. Starke Winde, Orkanböen gleich, umgaben Martin mit lautem Getöse. Es schnürte ihm die Kehle zu. Er hielt den Atem an und schloss für einen Moment die Augen. Als er sie kurz darauf wieder öffnete, starrte er sich verwundert um. Wo befand er sich? Was war geschehen? Alles um ihn herum hatte sich verändert. Die Nacht war zum Tag geworden! Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Martin spürte ihre wärmenden Strahlen auf seiner Haut.
Mehr als erstaunt blickte er sich um. Der Strand war trotz des wunderschönen Wetters men-schenleer. Auch die Uferpromenade zeigte sich total verlassen. Kein Stimmengewirr, kein fröhliches Lachen, keine Motorengeräusche. Nur absolute Stille, die fast bedrückend und schmerzend wirkte.
Warum um alles in der Welt war jetzt hellerlichter Tag? Noch vor wenigen Augenblicken lief er bei Dunkelheit am Strand entlang um seinen Ärger zu vergessen. Was geschah in den letz-ten Minuten? Martin erinnerte sich an dieses Licht, durch das er gegangen war. An die wun-derbaren Empfindungen, die er dabei verspürte. Er erinnerte sich auch an die Zufriedenheit, die ihn umgab und von ihm ausging, an die Ruhe und das Gefühl der Geborgenheit.
Doch jetzt erfasste Martin Panik, unheimliche Angst. Er war zu keiner Bewegung fähig. Wie versteinert stand er da. Eine Ewigkeit schien zu verstreichen. Dann endlich kehrte das Leben in ihn zurück. Tief atmete er durch.
Wo war diese merkwürdige Kugel geblieben? Hatte er den Verstand verloren? Erstaunt blick-te Martin sich um. Nichts war zu sehen. Wieder wanderten seine Augen zu den Häusern. Es blieb noch immer ruhig. Tödliche Stille herrschte.
Mit hastenden Schritten eilte Martin zur Kaimauer, rannte die Treppe zur Straße hoch. Fas-sungslos stand er mit dem Rücken an das Geländer gelehnt da und starrte die leere Straße hin-unter.
„Hallo! Wo seid Ihr?“ brüllte Martin los. Er bekam keine Antwort. Nur seine eigenen Worte hallten durch die Straße. „He, ist da wer? Verdammt!“ schrie er.
Es blieb ruhig um ihn. Keine Menschenseele ließ sich blicken. Nur der Wind war Martin Be-gleiter. Und der trieb zerrissene Zeitungsblätter vor sich her. Ein geisterhaftes Bild bot sich Martin.
Die Furcht schnürte ihm fast die Kehle zu. Er spürte sein Herz bis zum Hals klopfen. Martin verstand die Welt nicht mehr. Das alles kann doch nicht wahr sein! Das ist nur ein Traum. Ein verdammt böser Traum! Aus dem er jeden Moment erwachen würde. Aber nichts dergleichen. Es war die Realität. Keine Fantasiegebilde, die ihm sein Geist vorspielte.
Abermals brüllte Martin los: „Verdammt noch mal! Wo steckt ihr denn? Warum antwortet mir niemand?“ Er schrie es laut von sich, dass sich seine Stimme überschlug. Kalter Schweiß stand auf Martins Stirn.
Die Stille versetzte ihn in grenzenlose Furcht. Er stolperte voller Panik über die leere Straße, schaute durch die Glasfronten in die Ladengeschäfte hinein, betrat Kneipen und Restaurants. Doch nirgends auch nur der Anschein einer Menschenseele. Und immer wieder schrie Martin los. Vergebens, denn niemand antwortete ihm. Es war, als sei er in einer Geisterstadt gelandet.
Erschöpft ließ sich Martin auf eine Parkbank sinken und stützte den Kopf in die Hände. Ver-suchte, die Gedanken zu ordnen. Doch es gelang ihm nicht. Für dieses Ereignis konnte er kei-ne vernünftige Erklärung finden.
Martin wollte sich wieder aufrichten. Da stand plötzlich ein fremder Mann nur wenige Meter entfernt vor ihm. Erschreckt fuhr Martin zusammen, als er den Unbekannten erblickte.
„Wer... wer sind Sie - ?“ stammelte Martin verlegen und starrte den Fremden an. Er hatte schulterlange, leicht gewellte dunkle Haare. Ein schwarzes Augenpaar stach aus einem ge-gerbten Gesicht hervor und sah ihn bohrend an. Er wirkte noch nicht alt. Sechzig Jahre viel-leicht, eher etwas weniger. Er trug ein seltsames graues Gewand, das ihm bis zu den Knö-cheln reichte. Der Mann mochte einmeterachtzig groß sein. Er hatte kräftige behaarte Hände, in denen er einen dünnen Stab hielt.
Der Fremde sagte nichts. Er lächelte nur und wirkte vertrauenerweckend.
„Verdammt, Sie haben mich mächtig erschreckt“, fuhr Martin fort. Abwartend blickte er den Fremden an. Doch der schwieg noch immer.
„Was ist denn hier los? Warum sind die Straßen so menschenleer? Der Strand ist wie ausge-storben. Die Kneipen sind verlassen. Die Geschäfte total leer. Nirgends ist jemand zu sehen. Was ist passiert? Träume ich? Oder bin ich verrückt? - Ich weiß es nicht...“ Er unterbrach sich und schaute nach unten, richtete jedoch sofort wieder den Blick auf den Fremden.
Der winkte Martin mit seinem Stab zu und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Er sprach dabei kein Wort, sondern lächelte nur nach wie vor. Jeder seiner Schritte schien eine Ewigkeit zu dauern, wie eine Zeitlupenbewegung.
Martin indessen hatte sich von der Bank erhoben. Ihm war nicht wohl in seiner Haut. Abwar-tend musterte er den Fremden. Martin war unsicher, ob von ihm eine Gefahr ausging oder nicht. Wer war er? Was wollte er? Um eine Antwort zu erhalten, fragte Martin weiter.
„Wer sind Sie? Suchen Sie etwas bestimmtes? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Forschend blickte er den Fremden an. In der Hoffnung, endlich eine Antwort zu erhalten.
Mit dunkler Stimme entgegnete der Fremde plötzlich: „Ich bin Alkador und komme aus der Vergangenheit“.
Seine Worte klangen zwar beruhigend und hatten einen sanften Klang. Doch wirkten sie nicht gerade überzeugend. Martin kam es eher lächerlich vor, was der Fremde schwatzte
„Und ich bin der Kaiser von China“, erwiderte Martin spottend. Dabei tippte er mit dem Zei-gefinger gegen die Stirn. Verschaukeln konnte er sich alleine. Dazu war er jetzt überhaupt nicht aufgelegt. Hatte er es hier mit einem Verrückten zu tun? Wo ihm wirklich nicht zum Scherzen zumute war. Jetzt, da seine Gedanken selber nicht klar und geordnet zu sein schie-nen, konnte er einen Verrückten am allerwenigsten gebrauchen. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. War er einer von den Deppen aus der Klinik im nahen Wittmund? Ein von dort ent-flohener Patient? Den Eindruck jedenfalls machte er. Er wäre auch nicht der erste, der sich von dort aus dem Staub gemacht hätte.
Der Fremde schüttelte den Kopf. Als habe er die Gedanken seines Gegenüber gelesen. Ohne eine Mine zu verziehen fuhr er mit monotoner Stimme fort: „Nein, du bist nicht der Kaiser. Dein Name ist Martin Neubert. Du bist ein Bewohner im einundzwanzigsten Jahrhundert der Ära des Wassermanns im System der Solaria auf dem Planeten, den Ihr Terra nennt. Habe keine Furcht vor mir, oder dem, was du erlebst. Auch wenn du glaubst, deine Gedanken seien verwirrt. Es gibt aber für alles eine Erklärung. Erst dann wirst du es besser verstehen. Und ich will dir auch berichten von Geschehnissen, die deinen Geist reinigen. Du wirst wunderbares erleben, was dir neue Kraft und ungeahnte Energie gibt.“
Erstaunt und überrascht zugleich sah er den seltsamen Fremden an, den er nie zuvor gesehen hatte. Krampfhaft überlegte er, versuchte seine Gedanken zu ordnen. Doch es gelang ihm nicht, sich an diesen merkwürdigen Fremden zu erinnern, der seinen Namen wusste, ihn of-fenbar kannte.
„Woher kommen Sie? Warum kennen Sie mich? - Und was sind das überhaupt für fromme Sprüche, die Sie da auf Lager haben? Können Sie auch normal reden? Sind Sie vielleicht ei-ner von denen aus Wittmund?“ forschte Martin weiter, womit er jene aus der Psychiatrie meinte.
Alkador antwortete nicht. Er schüttelte abermals den Kopf und lächelte. Er wandte sich um und deutete dem Mann an, ihn zu begleiten. Mit einem Blick über die Schultern überzeugte er sich, dass Martin ihm auch wirklich folgte. Schweigend gingen sie am Strand entlang.
Nach einer Weile sagte der Unbekannte mit sanften Worten: "Deine Fragen werden dir be-antwortet. Du wirst es selbst erfahren. Habe Geduld mein Freund. Vertraue mir, so wirst du die Wahrheit erleben."
Martin nickte gelangweilt und folgte eher lustlos dem Fremden. Ohne ein Wort zu sagen schritten sie nun durch die leeren und stillen Straßen bis zur Uferpromenade. Dort blieb der Fremde stehen. Martin Neubert trat neben ihn, abwartend und neugierig, hoffend auf eine Erklärung, die ihm all seine durch den Kopf gehenden Fragen beantworten sollte.
Der Fremde drehte sich um. Martins Augen wanderten ebenfalls über die einsamen Straßen, an den verlassenen Häuserfronten entlang. Die Augen des Fremden waren zum Meer gerich-tet, wo sein Blick verharrte. Martin Neubert versuchte, seinen Blicken zu folgen und schaute ebenfalls zum Meer, konnte aber dort nichts besonderes entdecken.
Er war mittlerweile nervös und ungeduldig geworden. Mit einem Ausdruck von Wut starrte er den Fremden forschend an.
"Was ist hier eigentlich los? Ich kapier' das alles nicht. Die ganze Stadt liegt wie ausgestorben da. So unheimlich still. Keine Seele ist zu sehen. Die Menschen - wo verdammt noch mal sind die Menschen? Vor nicht mehr als einer Stunde wimmelte es hier von Urlaubern..." Er brach ab, fuhr dann mit sehr leiser Stimme, fast flüsternd, fort: "oder war es gestern? - Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts..." Er senkte seinen Kopf, strich sich mit der Hand durch die Haare und blickte dann fragend den Fremden an.
"Vielleicht träume ich. Ja, das ist es! Das kann nur ein böser Traum sein", stellte Martin fest und lehnte sich gegen die Kaimauer. "Nur in einem Traum gibt es solch unmögliche Erschei-nungen. Das passt doch alles nicht", murmelte er vor sich hin, halb verzweifelnd.
Der Fremde legte seine Hand auf Martins Schulter und antwortete ihm: "Nein, Martin. Du träumst nicht. Das ist tatsächlich Wirklichkeit! Du erlebst es vollkommen real. Aber ich ver-stehe deine Zweifel. Ich helfe dir aus diesem Wirrwarr heraus. Du bist auf dem Weg in eine andere Dimension und hast die ersten Schritte schon getan. Deine Seele und mein Geist haben zusammengefunden. Wir sind jetzt eins. Vereint in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit, in einem anderen Raum, jenseits der Realität und dennoch in der Wirklichkeit. In der Welt des Übersinnlichen. Du bist zwischen den Zeiten und zwischen den Räumen. In deiner Welt und in meiner Welt. Und trotzdem in keiner von beiden. Doch du bist nicht in Gefahr. Und der Weg zurück in die Gegenwart wird dir später wieder gelingen. Jetzt aber musst du weiter ge-hen. Vertraue mir. Fürchte dich nicht vor dem, was nun geschieht. Folge mir den wunderba-ren Weg. Wir werden eine Barriere durchbrechen. Du sollst es erleben. Zögere nicht. Bleibe nicht stehen. Klammere dich nicht an das Vergangene."
Eine Veränderung war in dem fremden Wesen vorgegangen. Sein Gesicht hatte sich gemau-sert zu einer abscheulichen Fratze. Angewidert und angstvoll wich Martin unwillkürlich eini-ge Schritte zurück.
Die Verwandlung des Fremden ging weiter. In verschiedene Dimensionen gestaltete sich sein Antlitz, bis es schließlich zu seiner endgültigen Form gelangte. Nichts erinnerte an sein bishe-riges Aussehen.
Martin erschrak zutiefst. Seine Knie kamen ihm so weich wie Pudding vor. Er glaubte, ins Bodenlose zu fallen. Wie in einen tiefen endlosen Brunnenschacht.
Die Worte des Fremden rissen ihn zurück. "Hab' keine Furcht. Denn ich bin dein Freund und füge dir kein Leid zu. Erschrecke nicht vor meiner Erscheinung. Es gibt weit schrecklichere Dinge. Wenn auch mein Antlitz keine Nase aufweist und die Augen ohne Ausdruck sind, wie ein matter Schimmer erscheinen, die Augenbrauen fehlen und mein Gesicht wie Fleisch ohne Haut wirkt, so bin ich doch voller Güte und in friedlicher Absicht hier. Erschrecke auch nicht vor meinem Mund, der dir wie ein breiter Riss im Mauerwerk erscheint. Von mir geht keine Gefahr aus.
Von dort wo ich herkomme, gibt es nur Frieden und Eintracht. Zufriedenheit, Glückseligkeit und Güte sind unsere Habe und unser Trachten.
Mein Freund, ich bin wie du ein Wesen, geschaffen aus dem Stoff der Welten. In mir ist das ewige Leben. Denn die Macht des Unsterblichen ist in mir. Ich bin das Übersinnliche, nicht aus Fleisch und Blut wie all die sterblichen Wesen.
Ich lebe in einer Zeit, die schon längst vergangen ist. Ich bin aber auch in der Gegenwart und in der Zukunft. Die Zeit ist für mich ohne Bedeutung, der Raum und die endlose Weite zählen nicht für mich. Ich kann meine Gestalt verwandeln, wie es mir beliebt. Ob als unsichtbares Wesen oder in materieller Erscheinung. Denn nichts ist mir unmöglich.
Du hast die Zeitschranke fast überwunden, mein Freund. Und du wirst mir folgen auf der Rei-se durch die Zeit und in die vielen unbekannten Welten. Ich führe dich in Räume, die dir un-vorstellbar sind. Dimensionen wirst du erleben, in die noch keine Menschenseele gelangte. Denn die Wiederkehr von dort ist den Lebenden verwehrt. Nur sehr wenige Auserwählte ge-hen diesen Weg.
Wir sind jetzt auf der Reise in die Vergangenheit. Aber wir werden auch die Zukunft durch-wandern. Milliarden Jahre gehen wir in der Zeit zurück. Und gelangen dort an, wo dieser Pla-net und all sein Gefolge, Sonne und Mond, die anderen Sterne und Planeten, noch in einer anderen Galaxie ihre Bahnen zogen.
Wir kommen nun in eine Zeit, als es all die Welten, die du kennst, noch nicht in dieser Form gab. Als der Himmel noch keinen Bestand hatte. Da nämlich herrschten weder Dunkelheit noch Licht. -
Wenn dir dieser Gedanke auch unvorstellbar erscheint, mein Freund, so sollst du wissen, dass es vor der Erschaffung des gewaltigen Universums schon den Geist gab. Denn er war vor al-lem Sein. Und er brachte das Leben. Denn die Seelen waren vor der Materie. Sie stellen die Ursache und die Wirkung dar. Denn die Macht der Gedanken ist der Ursprung allen Seins. Dein Geist und der Geist aller Wesen brachten die Welten hervor. Sie sind die Gedanken der Entstehung. Sie sind Gott, der in uns allen ist.
Nun aber, Martin Neubert, wirst du in wenigen Augenblicken den wunderbaren Sprung von der Gegenwart in die tiefste Vergangenheit erleben. Von nun an wird dir nichts mehr unmög-lich erscheinen."
Martin verspürte ein unangenehmes Würgen im Hals. Er wollte laut schreien. Doch die Worte erstickten ihm. Er versuchte wegzurennen, aber die Beine versagten ihm jegliche Kraft. Seine Gedanken waren für kurze Momente bei seiner Familie, seiner geliebten Frau. Doch die Erin-nerung an sie verschwand in Bruchteilen von Sekunden. Sein Leben raste an ihm vorbei. Mit unglaublicher Geschwindigkeit. Die Szenen wechselten so rasch, dass er viele Erlebnisse nur für einen Augenblick wahr nehmen konnte.
Er wusste plötzlich, dass die Gegenwart keinen Bestand hatte, dass es die Zukunft niemals geben würde. Dass die Vergangenheit wie Trugbilder erschienen.
Ein Wechsel hatte sich vollzogen. Befand sich Martin wirklich in einer anderen Welt? Trugen ihn unbekannte geheimnisvolle Kräfte durch die Zeit dahin? In ein Nichts? In die Leere? In die Unendlichkeit? Oder gar fort aus dem Leben? Gab es ein Erwachen aus diesem schrecklichen Alptraum?

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