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Beiträge: 2.222

09.07.2007 17:48
RE: Die Terroristen sind wir - Joshua Key Antworten

Wer sich wundert, warum der Widerstand im Irak gegen die Besatzer ungebrochen ist, der sollte sich dieses Buch besorgen. Es schildert aus der Sicht eines einfachen Soldaten, was im Irak passiert. Es rüttelt wach. Es zeigt die Sinnlosigkeit des Krieges deutlich auf.

Zitat
Die Terroristen sind wir
Joshua Key kämpfte mit der US-Armee im Irak. Warum er desertierte, kann man nun nachlesen

Christian Esch

Jede Nacht ist es dasselbe: Obergefreiter Joshua Key, wachgehalten von Angst, Abenteuerlust und Tabasco-Sauce, bringt Plastiksprengstoff an irgendeiner irakischen Haustür an, stürmt nach der Explosion als Dritter hinein und macht sofort einen Schritt nach links. Und jede Nacht wird es dann sehr verwirrend: Was sucht man eigentlich? "Meistens stießen wir bei den Hausdurchsuchungen auf AK47-Sturmgewehre. Das war so normal wie ein Waffenfund in einem Haus in Guthrie, Oklahoma." Dafür sind die Häuser im Irak schöner und geräumiger als die daheim, die Key kennt. Die Waffen werden mal mitgenommen, mal dagelassen, die Regeln sind unverständlich. Einfacher ist es mit den Bewohnern: Alle Männer und Jungen über ein Meter fünfzig werden gefesselt und abgeführt. Es bleibt Zeit, das Mobiliar zu zerlegen und Wertsachen einzustecken.

Etwa 200 irakische Häuser hat Joshua Key aus Oklahoma 2003 gestürmt, schätzt er; kein Mal hätten sich die Bewohner gewehrt, kein Mal sei etwas Verdächtiges gefunden worden, die Wut der Besatzer aber sei umso größer gewesen. "In meiner Zeit im Irak sah ich mindestens alle zwei bis drei Tage, wie unsere Soldaten irakischen Zivilisten in die Rippen traten oder ihnen ins Gesicht schlugen, bis ihnen das Blut aus Nase, Mund und Augenbrauen rann." Key prügelt anfangs mit, so wie er auch fleißig mitstiehlt. Allmählich aber wächst in diesem ersten Kriegssommer eine groteske Erkenntnis in ihm, "wie ein Krebsgeschwür": "Wir, die Amerikaner, waren im Irak zu Terroristen geworden."

Solche Sätze machen das erste Buch eines Deserteurs aus dem Irak-Krieg, das heute auf deutsch erscheint, zur propagandistischen Munition für Kriegsgegner ebenso wie für jene, die den Krieg gegen die US-Besatzer führen. Es ist darin von Kriegsverbrechen die Rede, die über bloße Misshandlungen weit hinausgehen - aber nicht von anderer Seite belegbar sind. Wer das Buch als juristische verwertbare Anklageschrift liest, wird enttäuscht.

Wahrhaft erschütternd ist es trotzdem. Es ist einer der spärlichen Einblicke in diesen Krieg aus der Froschperspektive des einfachen Soldaten. Joshua Key geht in den Irak ohne die Bildung und ohne den geistigen Anspruch, die Vorgänge um sich herum zu verstehen; er erlebt den Krieg als Abfolge unverständlicher Szenen. Zugleich ist er unfähig, als Besatzer im fremden Land zu funktionieren. Es ist diese Schwäche, die ihn desertieren lässt und ihn zwingt, seine Kriegserlebnisse nachträglich in Zusammenhang zu bringen. Wie hier jemand aus ärmsten Verhältnissen in seinem eigenen Leben herumgeschubst wird, ohne selbst handeln zu können, das erinnert an den ersten großen Lebensbericht eines Deserteurs, den des "Armen Manns im Tockenburg" Ulrich Bräker aus dem 18. Jahrhundert.

Key hat gute Gründe, zur Armee zu gehen: Geldnot, einen Ausbildungswunsch (Schweißer), einen unbehandelten Nierenstein. Das Schicksal hat ihn nicht dort aufwachsen lassen, wo es Väter und Krankenversicherungen gibt, sondern in einem Trailer-Park. Er ist dick, gewalttätig, verschuldet, hat mit Anfang 20 zwei Kinder und eine schwangere Frau - keiner, um den sich ein Arbeitgeber reißt, nicht mal die US-Armee.

In einem Einkaufszentrum in Oklahoma City besucht er das Rekrutierungscenter. Der Offizier dort sagt Key, was er, um genommen zu werden, alles verschweigen müsse. Er geht mit ihm Dutzende Male in den Kraftraum einer Kaserne und versichert dem ängstlichen Familienvater, dass er eine Truppe wählen könne, die nicht im Ausland eingesetzt wird. Im April 2002, ein halbes Jahr nach dem 11. September, verpflichtet sich Key mit 23 Jahren für drei Jahre Dienst in einer Pionier-Kompanie. Genau ein Jahr später wird er mit der 43rd Combat Engineer Company nach Kuwait verlegt, bald wird er im Irak die ersten Haustüren aufsprengen.

Er hat das nicht gewollt, aber es macht erstmal Spaß. Er ist ein Patriot und Waffennarr. In der Grundausbildung hat man dem ehemaligen Pizzaboten den Stolz vermittelt, ein gefährlicher Kämpfer gegen "Sandnigger", "Hadschis", Muslime zu sein.

Wie der mentale Panzer des Pizzaboten und Familienvaters langsam wieder wegbröckelt, das ist der rote Faden des Kriegsberichts, den der Sachbuch- und Romanautor Lawrence Hill für Key aufgeschrieben hat. Key ist gut sechs Monate im Irak, bis er Ende November auf Heimaturlaub darf. Seine Einheit ist Teil des 3rd Armored Cavalry Regiment, das die unruhigen Provinzen im Westen besetzt. Bis auf zwei Wochen Erholung in einer "Green Zone" ist er im Dauereinsatz. In Al-Habbanyah, auf der Suche nach einem Chefterroristen, fährt Keys Trupp mit dem Schützenpanzer eine Haustür ein. Die Hausbewohner bleiben seltsam ungerührt. Es sind geistig Behinderte, die für ihre Verstocktheit grausam verprügelt werden. Draußen stirbt ein etwa 10-jähriges Mädchen, "Ich dachte, die wirft 'ne Granate", erklärt Keys Vorgesetzter über Funk. In Falludscha wird ein unvorsichtiger Falschabbieger in die Luft gejagt und absichtlich mit dem Panzer überrollt.

Auf Wache in Ramadi freundet Key sich mit einem kleinen Mädchen an, dem er täglich ein eingeschweißtes Fertigessen schenkt. Sie schenkt ihm einmal ein dampfendes Fladenbrot. Dann wird sie, direkt vor ihm, ohne ersichtlichen Grund erschossen - wie Key dem Geräusch des Gewehrs entnimmt, von seinen eigenen Leuten. Es ist für die Soldaten zu einfach geworden, auf Zivilisten zu schießen, lernt Key. Der düstere Tiefpunkt: Das Bild von vier irakischen Zivilisten, enthauptet neben ihrem Auto; ein amerikanischer Nationalgardist schreit hysterisch "Wir haben's total vermasselt, total vermasselt!", zwei andere spielen Fußball mit den Köpfen. Eine unverstandene nächtliche Szene, die Key auch nicht verstehen will - er flieht sofort in den Schützenpanzer zurück, gegen alle Befehle.

So unreflektiert wird er wenig später auch desertieren. Konformitätsdruck wie in jeder Armee, gepaart mit der völligen finanziellen Abhängigkeit vieler US-Soldaten von ihrer Führung, fördern das freie Denken und Handeln nicht. Seinen ersten Heimaturlaub verbringt er wie betäubt. Erst als der Rückflug verschoben wird, entscheidet er sich zur Desertion. 14 Monate lebt die vier-, dann fünfköpfige Familie auf der Flucht, schläft im Kleinbus auf Parkplätzen, in wechselnden Motels. Der Mann, der eben noch nachts in Häuser einbrach, hütet nun seine ihm fremd gewordenen Kinder. "Es wäre weit weniger belastend gewesen, in einer Gefängniszelle zu sitzen", schreibt Key.

Dann schließlich fasst er den Entschluss, nach Kanada zu fliehen, wie die Vietnam-Verweigerer eine Generation vor ihm. Er ist der erste Deserteur, der seinen Asylantrag mit den Menschenrechtsverletzungen im Irak-Krieg stützt. Aus der Begründung seines Asylantrags - und auch dieses Buch lässt sich als solche Begründung lesen - hat seine Frau zum ersten Mal erfahren, was er im Irak erlebt und getan hat. Sie hätte es lieber nicht gewusst. Der Antrag wurde im November abgelehnt. Nun hofft Key auf die nächste Instanz.

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Joshua Key:

Ich bin ein Deserteur. Mein Leben als Soldat im Irak-Krieg und meine Flucht aus der Armee. Hoffmann und Campe, Hamburg. Aus dem Amerikanischen von Anne Emmert und Hans Freundl. 304 S., 18,95 Euro.



(entnommen der Berliner Zeitung)

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