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Dieses Thema hat 0 Antworten
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 Tipps und Erfahrungen beim Schreiben und Veröffentlichen, Altbeiträge
AutorPeterTernes Offline




Beiträge: 3.162

31.12.2003 10:38
RE: Fremdwörter benutzen? Ja oder nein? Antworten

Zum Thema Fremdwörter: ich habe da mal was interessantes gefunden, wobei mir besonders der erste und der letzte Satz gefallen.
Wichtig für die Wahl eines Wortes ist immer seine Leistung, nicht seine Herkunft. Fremdwörter haben in der deutschen Sprache verschiedene Funktionen:
• Sie ermöglichen inhaltliche Nuancierung durch Hervorrufung spezifischer Assoziationen: cholerisch/reizbar, Exkursion/Ausflug, fair/anständig, Praktikum/Übung, Präludium/Vorspiel, simpel/einfach, autokratisch/selbstherrlich. Unerwünschte Assoziationen oder nicht zutreffende Vorstellungen können durch Fremdwortgebrauch vermieden werden (Passiv statt Leideform, Substantiv statt Hauptwort, Verb statt Tätigkeitswort). Durch so genannte Bezeichnungsexotismen, Wörter, die auf Sachen, Personen und Begriffe der fremdsprachigen Umwelt beschränkt bleiben (z. B. Bagno, Garrotte, Iglu, Kreml, Torero), kann wirkungsvoll ein kulturspezifisches Kolorit erzeugt werden. Daneben vermögen Fremdwörter ein bestimmtes Lebensgefühl zum Ausdruck zu bringen: »Ich muss nur eben noch schnell mein Handy catchen, dann sind wir weg, okay?« Wer so redet, möchte jugendlich, dynamisch, zeitgemäß (trendy) und weltläufig wirken, und dazu dienen heute vor allem englische Fremdwörter (Anglizismen).
• Fremdwörter erlauben eine Nuancierung der Stilebenen (Portier/Pförtner; transpirieren/schwitzen; ventilieren/überlegen). Sie können verschiedene Stilhöhen erzeugen: eine gehobene (kredenzen/einschenken, Preziosen/Schmuckstücke), eine neutrale (Ekstase/Verzückung, produzieren/fertigen), aber auch eine umgangssprachlich-jargonhafte (Job/Arbeit, Krawall/Aufruhr). Nicht selten erscheint das Fremdwort eleganter, da pointierter (Ausweichmöglichkeit – Alternative), bisweilen auch klanglich besser zum Wortsinn passend (Attacke/Angriff). Auch subjektive Haltungen und Einstellungen kann es zum Ausdruck bringen, sowohl positive (phänomenal/außergewöhnlich, professionell/beruflich) als auch negative (krepieren/verenden, Visage/Gesicht). Spezifische Schattierungen sind möglich: Elaborat wirkt in seiner Abwertung distanzierter als Machwerk, Defätismus klingt kritischer als Mutlosigkeit, Gazette hat im Gegensatz zu Groschenblatt eine Spur Ironie.
• Fremdwörter haben versachlichende Funktion und ermöglichen dadurch das taktvolle Sprechen über heikle, unangenehme oder tabuisierte Themen wie beruflichen Misserfolg (Demission statt Kündigung, illiquid statt pleite), Krankheit (Epilepsie statt Fallsucht, Inkontinenz statt Bettnässen, Psychiatrie statt Irrenanstalt) oder Tod (letal statt tödlich, Exitus statt Tod). Insbesondere für den Sexualbereich fehlen im Deutschen vielfach neutrale, d. h. stilistisch nicht markierte einheimische Wörter, so dass Fremdwörter wirkliche Bezeichnungslücken schließen können: koitieren, Penis, Hoden, Vagina.
• Fremdwörter ermöglichen die Anspielung auf Bildungsinhalte: Ausdrücke wie Danaergeschenk (›Unheilsgabe‹), Judaslohn (›Lohn für Verrat‹), Ostrazismus (›Urteil durch eine Volksversammlung‹), Pyrrhussieg (›Scheinsieg‹), Schibboleth (›Erkennungszeichen‹), Tantalusqualen (›Hungerqualen‹) weisen über ihre unmittelbare Bedeutung hinaus. Sie stellen Wissensappelle dar und haben dadurch sozial integrierende bzw. ausgrenzende Funktion.
• Fremdwörter können eine Signalfunktion haben, d. h., sie können Aufmerksamkeit erregen. So finden sich Fremdwörter (vor allem Anglizismen) häufig in der Kommunikationsbranche, im Marketing und in der Werbung (Business Class, Global Call, New Economy, Service Point).
• Fremdwörter ermöglichen Variation im Ausdruck. Um störende Wiederholungen zu vermeiden, gibt es zum Fremdwort oft keine Alternative: Enthaltsamkeit – Abstinenz; Fehlgeburt – Abortus; Feinkost – Delikatessen; Grillfest – Barbecue; Leitartikler – Kolumnist; Mitlaut – Konsonant; Mundart – Dialekt; Nachtisch – Dessert; Preisgericht – Jury; Rechtschreibung – Orthographie; Reifezeugnis – Abitur; Spielleitung – Regie; unterrichten – informieren; Wochenende – Weekend.
• Fremdwörter ermöglichen Präzision und Kürze. Diese erfüllen stilistisch zwar keinen Selbstzweck, können aber in bestimmten Redesituationen oder Textsorten (z. B. in der Fachsprache) wünschenswert sein. Manche Fremdwörter, vor allem Fachwörter, lassen sich überhaupt nicht durch ein einziges deutsches Wort ersetzen; oft müssten sie umständlich umschrieben werden (Aggregat, Automat, Elektrizität, Politik).
• Auf syntaktischem Gebiet ermöglichen Fremdwörter eine ausgewogene Verwendung des Satzrahmens. Fremdsprachliche Verben geben dem deutschen Satz oft aufgrund ihrer Untrennbarkeit einen anderen Aufbau. Die Satzklammer fällt weg. Das muss nicht besser, kann aber übersichtlicher sein und bietet auf jeden Fall eine Variationsmöglichkeit (z. B. »Klaus zitiert bei solcher Gelegenheit seine Frau«/»Klaus führt bei solcher Gelegenheit seine Frau/einen Ausspruch seiner Frau an).
All diese stilistischen Funktionen des Fremdworts sind zu berücksichtigen, wenn es um die Frage eines differenzierten Sprachgebrauchs geht. Fremdwörter grundsätzlich meiden zu wollen, hieße auf vielfältige sprachliche Möglichkeiten zu verzichten.

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