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Dieses Thema hat 3 Antworten
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Schreiberling Offline




Beiträge: 2.222

02.11.2004 16:31
RE: Wer ist eigentlich dieser Zarkawi? antworten

Zitat
Der "Top-Terrorist" Zarkawi ist allererste Wahl
Entführungen und Geiselmorde im Irak: Mischen neben Widerstandsorganisationen auch Geheimdienste mit?


Seit Anfang April wurden rund 180 Ausländer entführt und mindestens 30 Geiseln ermordet. Zwischen 30 und 40 Menschen befinden sich noch in der Hand von Entführern

Von Knut Mellenthin

Die Umstände der Entführung wie der Freilassung der Italienerinnen Simona Pari und Simona Torretta sind nach wie vor mysteriös. Die beiden Mitarbeiterinnen der Hilfsorganisation Un Ponte Per (Eine Brücke nach...) waren am 7. September von zehn bis fünfzehn bewaffneten Männern mitten am Tag aus ihrem Büro im Zentrum Bagdads, nahe der schwerbewachten Grünen Zone, verschleppt worden. Das Auftreten und Vorgehen der Entführer erinnerte stark an eine Polizeiaktion. Die Mitglieder des Kommandos sollen sich nach Zeugenaussagen mit offiziellen militärischen Bezeichnungen angesprochen haben und wußten offenbar genau, auf wen sie es abgesehen hatten.

Bis zuletzt blieb unklar, welche Gruppierung hinter dieser Aktion stand. Im Internet erschienen mehrmals konkrete Drohungen, daß die Frauen getötet wurden bzw. werden. Es gab sogar eine Mitteilung, daß ein Video mit der Hinrichtung in Kürze veröffentlicht würde. Nicht geklärt ist bisher, ob es sich dabei um ein Verwirrspiel der Entführer, um geschmacklose Scherze von Wichtigtuern oder um gezielte Provokationen von unbekannter Seite handelte, mit denen die offenbar seit Tagen in Gang befindlichen Verhandlungen gestört werden sollten.

Auffallend war, daß sich die italienische Regierung für die Freilassung der »zwei Simonas« besonders beim jordanischen König Abdullah II. bedankte, der Anfang vergangener Woche zu Kurzbesuchen nach Paris und Rom kam. Jordanien soll sich auch in die Bemühungen um die Rettung zweier französischer Journalisten eingeschaltet haben, die am 20. August entführt wurden. König Abdullah lobte in Rom die Rolle des jordanischen Geheimdienstes bei der Freilassung der beiden Frauen. Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi hob die Arbeit seines Militärgeheimdienstes SISMI hervor, der an 16 Verhandlungen über das Schicksal der Simonas beteiligt gewesen sei.

Dies und ebenso die gleichzeitigen Rundreisen italienischer Politiker zu den Regimes der Ölstaaten am Persischen Golf, muß als absolut unüblicher Weg der Kontaktaufnahme zu irakischen Entführern gewertet werden – es sei denn, diese Entführer waren gleichfalls nicht von der üblichen Sorte, wofür einige Indizien sprechen.

Jordanien gilt als ein »Schlüsselverbündeter« der USA. Sein Geheimdienst arbeitet sehr eng mit den Amerikanern zusammen. In einem 1996 von führenden amerikanischen Neokonservativen – darunter dem jetzigen Staatssekretär im Pentagon, Douglas Feith – verfaßten Strategiepapier war vorgeschlagen worden, die jordanische Königsfamilie der Haschemiten bei der Wiedererlangung des irakischen Thrones (den sie bis 1958 besaß) zu unterstützen. Ebenfalls in diesen Zusammenhang gehört, daß sich König Abdullah in der vorigen Woche massiv in die irakische Innenpolitik einmischte, indem er davor warnte, die Wahlen dort wie geplant Anfang nächsten Jahres stattfinden zu lassen. Die Wahlen müßten verschoben werden, sonst würden »die Extremisten« gewinnen, warnte der Jordanier.

Jede sechste Geisel getötet

Die Entführung von Ausländern begann erst im April 2004, ein Jahr nach der Besetzung des Iraks, eine Rolle zu spielen und setzte mit 56 Fällen in jenem Monat gleich schlagartig ein. Zuvor scheint es überhaupt keine Ausländer-Entführungen gegeben zu haben. Im Mai und Juni ging die Zahl mit sieben und elf stark zurück. Im Juli, dem ersten Monat nach der »Machtübergabe« an das Marionettenregime Allawis, waren es 22, im August 39 und im September 42. Insgesamt wurden seit Anfang April rund 180 Ausländer entführt. (Diese und folgende Zahlen beruhen auf eigenen Berechnungen des Autors.) Mindestens 30 der Geiseln wurden ermordet, wobei allein die beispiellose Massenhinrichtung von zwölf nepalesischen Beschäftigten einer Baufirma mehr als ein Drittel ausmacht. Zwischen 30 und 40 Menschen befinden sich noch in der Hand von Entführern oder wurden inzwischen vielleicht getötet.

Die bei weitem größte Gruppe der Entführten sind LKW-Fahrer, zumeist aus der Nachbarschaft Iraks. Sie geraten eher zufällig bei Überfällen auf Konvois in Gefangenschaft. Sorgfältig geplante Aktionen, bei denen ganz bestimmte Menschen gezielt aus Büros oder Wohnungen verschleppt werden, bilden nur einen sehr kleinen Teil der Ausländer-Entführungen, allerhöchstens zehn Prozent.

Nach der Staatsangehörigkeit liegt die Türkei mit 28 Entführten – fast ausschließlich LKW-Fahrer – an der Spitze. Es folgen Nepal mit zwölf sowie Jordanien, Libanon (ebenfalls überwiegend LKW-Fahrer) und USA mit je elf, dann Ägypten mit neun. Je sieben Italiener, Südkoreaner und Chinesen wurden entführt und je fünf aus Kanada, Japan und der Ukraine.

Die Entführungen, die mit der Ermordung der Geiseln endeten, gehen fast ausschließlich auf das Konto von drei Organisationen. Neben der »Armee von Ansar-al-Sunna«, die für die unerklärliche Tötung der zwölf Nepalesen verantwortlich zeichnete, sind das die »Islamische Armee im Irak«, die einen Italiener und zwei Pakistaner tötete, sowie an erster Stelle die angeblich vom Jordanier Zarkawi geführte Terrororganisation Al Tawhid wal Dschihad (Monotheismus und heiliger Krieg). Insbesondere die spektakulären, abstoßenden und hochgradig emotionalisierenden Enthauptungen gefangener Ausländer vor laufender Videokamera – mit nur vier Fällen die Ausnahme unter den Geiselmorden – hat sich ausschließlich die Zarkawi-Truppe zugeschrieben. Das gesamte religiöse und politische Spektrum des Iraks, einschließlich des bewaffneten Widerstands und nicht-irakischer Organisationen wie Hisbollah und Hamas, hat sich von diesen »unislamischen«, politisch kontraproduktiven Schauhinrichtungen unzweideutig distanziert.

Der erste Mord dieser Art war der am Amerikaner Nicholas (Nick) Berg Anfang Mai. In einem im Internet verbreiteten Video wurde behauptet, Zarkawi selbst habe die Abschlachtung der Geisel ausgeführt. Die Umstände, unter denen der 26jährige entführt wurde, sind völlig ungeklärt. Berg war am 24. März in Mosul von irakischer Polizei verhaftet worden. Nach deren Angaben wurde er sofort den Amerikanern übergeben, während diese behaupten, er sei in irakischem Gewahrsam geblieben. Das ist angesichts der Machtverhältnisse im Land äußerst unwahrscheinlich. Unstrittig ist, daß er im Gefängnis mehrmals vom FBI verhört wurde. Erst aufgrund von Nachforschungen seiner Eltern bei der US-Botschaft wurde Nick Berg am 6. April aus der Haft entlassen. Am 10. April verließ er sein Hotel in Bagdad, um auf dem Landweg den Irak zu verlassen, und wurde wenig später entführt.

Starrolle in Powells UNO-Rede

Es gibt zwei Präzedenzfälle für die Annahme, daß der »Top-Terrorist« Zarkawi erste Wahl ist, wenn die US-Regierung für eine Propagandashow die Hauptrolle des Schurken zu besetzen hat.

Erstes Beispiel: Die Multimedia-Show von Außenminister Colin Powell vorm UNO-Sicherheitsrat am 5. Februar 2003, mit der die US-Regierung pro forma ihre Gründe für den ohnehin seit Monaten beschlossenen, vorbereiteten und unmittelbar bevorstehenden Überfall auf den Irak ablieferte. Neben den Massenvernichtungswaffen, von denen nach der Besetzung Iraks nicht eine einzige und nicht einmal ein kleines Restchen gefunden wurde, behandelte ein langer Abschnitt in Powells Vortrag die angebliche Zusammenarbeit Saddam Husseins mit Bin Ladens Al Qaida. Genauer gesagt: mit Zarkawi, der nach damaliger offizieller US-Theorie angeblich das zentrale Bindeglied zwischen Al Qaida und Bagdad darstellte.

Mindestens 21mal fiel der Name Zarkawi in Powells Ansprache an den Sicherheitsrat. Aber alle wesentlichen Behauptungen waren falsch. So etwa, Zarkawi habe mit Duldung und Unterstützung Saddam Husseins in Bagdad die Zentrale eines internationalen Netzwerks eingerichtet und steuere von dort aus terroristische Aktivitäten in Frankreich, Großbritannien, Italien, Deutschland, Rußland und Nordafrika. Besonders intensiv malte Powell in seiner UNO-Rede aus, daß Zarkawi ein Spezialist für hochtödliche Gifte sei und seine Anhänger vor allem in dieser Technik ausgebildet habe. Für den Propagandazweck ausgezeichnet gewählt, da Gift die Phantasie der Menschen in besonderer Weise beflügelt und sich außerdem mit der Vorstellung von extremer Heimtücke verbindet. Schönheitsfehler: Es gab und gibt bis heute weltweit keine einzige islamistischen Terroristen zugeschriebene Tat, bei der Gift verwendet wurde.

Wer schreibt Zarkawis Briefe?

Zweites Beispiel für den Einsatz von Zarkawis Namen für eine Propagandashow der US-Regierung: Am 9. Februar dieses Jahres veröffentlichte die New York Times Auszüge aus einem auf CD gespeicherten 17seitigen Brief, dessen Kurier angeblich im Januar von amerikanischen Besatzungsstreitkräften in Bagdad oder von kurdischen Kollaborateuren im Nordirak festgenommen worden war. (Wie meist bei dieser Art lausiger Shows gibt es mehrere Legenden.) Der Kurier habe, so hieß es, gestanden: Der Autor des Briefes sei Zarkawi und der Empfänger die geheime Al-Qaida-Zentrale irgendwo im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet.

Ein toller Fund! Der New York Times »exklusiv« auf dem Silbertablett serviert von Regierungs- und/oder Geheimdienststellen, die damit klare politische Absichten verfolgten. William Safire, der schamloseste und bissigste Kriegshetzer im Spektrum der Times-Kolumnisten, feierte drei Tage später in einem Kommentar gebührend das seltsame Geschenk: Der abgefangene Brief sei der definitive Beweis, daß die kriegsbegründenden Behauptungen über eine ganz enge Zusammenarbeit zwischen Saddam Hussein und Al Qaida allesamt und von Anfang an richtig gewesen seien. Und der Brief zeige darüber hinaus, daß die US-Amerikaner dabei seien, den Krieg zu gewinnen und daß die Stimmung ihrer Gegner von Niedergeschlagenheit und Ausweglosigkeit gekennzeichnet sei.

Alles absolut zutreffend. In dem Brief stand tatsächlich genau das, was andere Autoren aus der Ecke der skrupellosesten und phantasievollsten Kriegstreiber zuvor hineingeschrieben hatten. Die Wirklichkeit im Irak spiegelte sich in diesem Text überhaupt nicht, dafür aber das Wunschdenken und die Propagandathesen der US-Regierung.

In dem 17seitigen Text bestätigte der angebliche Zarkawi: Er sei höchstpersönlich für mindestens 25 der wichtigsten Anschläge im Irak verantwortlich und werde seine Rolle künftig noch weiter ausbauen. Er bekräftigte ferner die Propagandalüge der US-Regierung, daß die Terroristen überwiegend aus dem Ausland eingereiste internationale Mudschaheddin seien. Mit den Irakern selbst, so Zarkawi, sei nämlich nichts anzufangen. Sie seien am Widerstand nicht interessiert.

Mit Schmunzeln wird Präsident Bush auch folgende Situationsbeschreibung aus dem mutmaßlich von seinen eigenen Leuten fabrizierten Zarkawi-Brief gelesen haben: »Amerika hat nicht die Absicht, sich aus Irak zurückzuziehen, ganz egal, wie blutig der Krieg wird. Amerika blickt auf eine nahe Zukunft, wenn es sicher in seinen Stützpunkten bleiben kann, während es die Kontrolle über den Irak einer Bastardregierung übergibt (…) Es gibt keinen Zweifel, daß unser Bewegungsfeld schrumpft und daß der Würgegriff um den Hals der Mudschaheddin enger zu werden beginnt. Mit der Ausbreitung einer irakischen Armee und Polizei wird unsere Zukunft besorgniserregend.«

Der 30. Juni, an dem die US-Regierung in einer großen Propagandashow eine »souveräne irakische Regierung« ohne wirkliche Macht inthronisieren wollte, sei – so die Autoren des angeblichen Zarkawi-Briefes – für die Terroristen ein äußerst fatales Datum: »Die Amerikaner werden weiterhin von ihren Stützpunkten aus die Kontrolle ausüben, aber die Söhne dieses Landes werden die Regierungsautorität sein. Das ist die Demokratie, wir werden keinen Vorwand mehr haben.« »Unser Feind wird von Tag zu Tag stärker, seine nachrichtendienstlichen Informationen werden immer besser.« Die Zeit laufe den Terroristen davon, und ohne einen Durchbruch vor dem 30. Juni werde ihnen nichts anderes übrig bleiben, als ihre Sachen zu packen und das Land zu verlassen. Es gebe nur eine Alternative, heißt es in dem Text: Mit massiven Terroranschlägen gegen die Schiiten müsse man diese zur bewaffneten Konfrontation mit der sunnitischen Minderheit provozieren, um auf diesem Umweg ein Erwachen der Sunniten aus ihrer Lethargie herbeizuführen.

Wenn es, wie man annehmen muß, die Absicht der Erfinder des Zarkawi-Briefes war, im Irak einen Religionskrieg in Gang zu setzen, muß man allerdings festzustellen, daß sie damit bisher gescheitert sind.

Strafaktionen gegen Falludscha

Inzwischen ist Zarkawi und die angeblich von ihm geführte Al Tawhid wal Dschihad zum Alibi der USA für ihre derzeit fast täglichen Luftangriffe auf die Stadt Falludscha, das Symbol des irakischen Widerstands, geworden. Immer, wenn an Stelle eines Hauses nur noch ein Krater übrig geblieben ist, verkünden die amerikanischen Militärsprecher die Zerstörung eines »Schlupfwinkels« von Zarkawis Leuten. Angeblich hatten der US-Armee ganz genaue und absolut sichere Erkenntnisse und Informationen vorgelegen, daß sich in dem Haus gerade zahlreiche Terroristen von Al Tawhid wal Dschihad aufhielten, um neue Schurkereien auszuhecken und vorzubereiten. Selbst die Zahl der »vernichteten Terroristen« können die Militärsprecher angeblich ganz genau angeben. Aus den Trümmern werden allerdings überwiegend Leichenteile von Frauen, Kindern und anderen Hausbewohnern geborgen.

Seltsamerweise führt das amerikanische Militär solche »gezielten und präzisen« Angriffe auf »Terroristenschlupfwinkel« ausschließlich in Falludscha und ausschließlich gegen angebliche Schlupfwinkel der Zarkawi-Truppe durch. Würde man die Schutzbehauptung von den absolut sicheren und detailgenauen Informationen ernst nehmen, so müßte man schlußfolgern, daß erstens der US-Militärgeheimdienst ausgerechnet in Falludscha weit mehr auskunftswillige Kollaborateure hat als in irgendeiner anderen irakischen Stadt, und daß zweitens Al Tawhid wal Dschihad stärker von US-Agenten infiltriert ist als irgendeine andere irakische Organisation. Letzteres mag wohl sein, aber näher liegt dennoch der Verdacht, daß es der US-Armee völlig gleichgültig ist, welche Häuser sie zerstört und welche Menschen sie tötet, da es nicht um »Kampf gegen den Terror«, sondern um die exemplarische Bestrafung und Einschüchterung der unbeugsamen Bevölkerung von Falludscha geht.

Die US-Regierung behauptet, in den letzten Wochen mehr als 100 Mitglieder der Zarkawi-Truppe getötet oder gefangen genommen zu haben. Eine andere Aussage teilt mit, daß schon die Hälfte der führenden Kader von Al Tawhid wal Dschihad ausgeschaltet worden sei, was voraussetzen würde, daß die Amerikaner sie alle oder die meisten von ihnen mit Namen kennen. In Bagdad wurde Mitte September bei einem gezielten Raketenangriff der angebliche Zarkawi-Stellvertreter und Chefideologe Abu Anas al-Shami getötet. Bei den vorauszusetzenden umfangreichen und präzisen Erkenntnissen der Amerikaner über die Aufenthaltsorte der Zarkawi-Truppe ist jedoch verwunderlich, daß in keinem einzigen Fall versucht wurde, eine ihrer Entführungen durch einen Sturmangriff zu beenden.

Falls Zarkawi, in US-Medien gern als »der Welt gefährlichster Terrorist« bezeichnet, überhaupt eine existierende Person ist, könnte sich der Kreis zum jordanischen Geheimdienst und zum haschemitischen Königshaus schließen: Zarkawi ist in Jordanien geboren (1966) und aufgewachsen. Nach einer ersten Verhaftung kam er in den Genuß einer von König Abdullah verkündeten Amnestie. Gleich anschließend soll er an der Planung eines Sprengstoffanschlags gegen das Radisson SAS Hotel in Amman beteiligt gewesen sein, der in der 2000er Neujahrsnacht stattfinden sollte, aber vorher aufgedeckt wurde. Die Umstände, unter denen es Zarkawi damals gelang, kurz vor der Ergreifung aus Jordanien zu fliehen, sind ungeklärt.

* Der Artikel erschien in der jungen Welt vom 4. Oktober 2004


Quelle: http://www.uni-kassel.de/fb10/frieden/re...eiselmorde.html

Schreiberling Offline




Beiträge: 2.222

02.11.2004 18:12
#2 RE: Wer ist eigentlich dieser Zarkawi? antworten

ein sehr parteiischer Artikel, aber er bringt wesentliche Dinge auf den Punkt:

Zitat
Die Umstände des Todes von Nick Berg - ebenso grauenhaft wie undurchsichtig
Von James Conachy
15. Mai 2004
aus dem Englischen
(14. Mai 2004)

Der schreckliche Tod von Nick Berg - dem im Irak vor laufender Videokamera der Kopf abgeschnitten wurde - hat unter solch merkwürdigen und verdächtigen Umständen stattgefunden, dass er zu einigen bestürzenden Fragen Anlass gibt. Darunter auch, ob amerikanische Geheimdienste auf direkte oder indirekte Art bei der Ermordung des jungen Mannes die Finger mit im Spiel hatten.

Allein der Zeitpunkt und die politischen Folgen des Mordes werfen Fragen auf. Die Bush-Regierung steckte mitten in einem riesigen Skandal. Da konnten die Regierung und Medien Amerikas plötzlich Bergs Tod ausnutzen, um nach den Enthüllungen über die systematischen Folterungen der USA in Abu Ghraib und anderen irakischen Gefängnissen in die Gegenoffensive zu gehen. Jetzt wird ein groß angelegter Versuch unternommen, die amerikanische und internationale öffentliche Meinung von der Empörung über den kriminellen Charakter der US-Besatzung des Irak abzubringen und mit der eigennützigen Behauptung zu manipulieren, die amerikanischen Streitkräfte würden im Irak gebraucht, um zu verhindern, dass das Land in Barbarei und Chaos versinkt.

Wären Bergs Mörder direkt von der amerikanischen Regierung bezahlt worden, hätten sie Bushs Weißem Haus keinen besseren Dienst zur rechten Zeit erweisen können.

Bergs wurde im Namen des jordanischen Terroristen Abu Musaab al-Zarqawi ermordet, der mit al-Qaida verbündet ist. Wer auch immer für Zarqawi arbeitet, er ist jedenfalls erwiesenermaßen für eine Reihe von Provokationen verantwortlich, die der amerikanischen Besetzung des Irak nur genützt haben.

Am 9. Februar, gerade als es Anzeichen gab, dass die schiitische Bevölkerungsmehrheit sich dem bewaffneten Widerstand der sunnitischen Moslems anschließen würde, tauchte ein Brief auf, angeblich von Zarqawi. Darin wurde dazu aufgerufen, einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu provozieren. Amerikanische Regierungsvertreter nutzten den Brief zu der Behauptung, nur durch die Besatzung könnten die religiösen Gruppen des Irak auseinander gehalten werden. Einige Wochen später, am 2. März, verübten Selbstmordattentäter Bombenanschläge auf schiitische Moscheen in Kerbala und Bagdad, die dem von den USA so genannten "Zarqawi-Netzwerk" zugeschrieben wurden.

Entgegen der Darstellung der Vertreter der USA und in Zarqawis Brief ließ sich die Masse der irakischen Bevölkerung nicht zu religiösem Bruderkrieg hinreißen. Die wachsende Einheit hat sich seit dem schiitischen Aufstand im April in Massendemonstrationen und vereintem Kampf ausgedrückt. Schon vor den Enthüllungen über die Folter versank die US-Besatzung immer in einem Sumpf aus blutiger Unterdrückung des irakischen Volkes und steigenden eigenen Verlusten. Die Opposition gegen den Krieg ist in den USA und international stetig gewachsen.

Die Gruppierung, die die Enthauptung von Berg durchführte und dann dafür sorgte, dass sie weltweit ausgestrahlt wurde, muss gewusst haben, dass sie die öffentliche Meinung in den USA und der Welt schockieren und Washington bei der Schadensbegrenzung helfen würde.

Weitere Fragen ergeben sich aus den Versuchen der US-Regierung, zu vertuschen oder zu verdrehen, was sie über Berg selbst und die Ereignisse vor seinem Verschwinden in Bagdad am 10. April wusste. Berg verschwand im Irak nur 72 Stunden, nachdem er aus 13 Tagen US-Militärhaft und Befragung durch das FBI entlassen worden war.

Berg wurde von seiner Familie und seinen Freunden als abenteuerlustig beschrieben. Er hatte begrenzte Arabischkenntnisse und wollte im Irak Bauaufträge für das Telekommunikationsunternehmen der Familie, Prometheus Methods Tower Service, anwerben. Er reiste im Dezember 2003 in das Land und kehrte am 1. Februar wieder zurück. Unter den Orten, die er besuchte, war auch das Gefängnis Abu Ghraib - in seinen Worten ein "berüchtigtes Gefängnis für Kriegsgefangene und politische Häftlinge". Mitte März reiste er wieder in den Irak.

Am Mittwoch enthüllte CBS News, dass der junge Mann dem FBI schon seit mindestens zwei Jahren bekannt gewesen war. Im Jahr 2002 wurde er im Rahmen der Ermittlungen wegen der Terroranschläge vom11. September befragt, weil sein Computer-Passwort vom mutmaßlichen al-Qaida-Terroristen Zacharias Moussaoui benutzt worden war. Bergs Familie zufolge gab sich das FBI mit der Erklärung zufrieden, dass Moussaoui das Passwort während einer kurzen Begegnung in einem Bus erhalten hatte, als Berg einen Bekannten von Moussaoui seinen Computer benutzen ließ.

Am 7. März veröffentlichte die pro-Bush-Website FreeRepublic.com eine Liste von "Feinden", die gegen die US-Besatzung des Irak waren. Unter den Namen von Personen, die auf der Website der Gruppe ANSWER zu einer für den 20. März geplanten Antikriegsdemonstration aufgerufen hatten, war auch Michael Berg - Nicks Vater - und der Name des Familienunternehmens der Bergs. Solche Informationen wurden natürlich auch in die Datenbanken der amerikanischen Sicherheitsdienste eingegeben.

Berg wurde am 24. März, eine Woche nach seiner Rückkehr in den Irak, verhaftet und, von der Außenwelt abgeschnitten, ohne Anklage wegen unspezifischer "verdächtiger Aktivitäten" in einem Gefängnis in Mosul festgehalten. Am 31. März besuchte das FBI seine Eltern in Philadelphia und wollte wissen, warum ihr Sohn im Irak sei. Berg berichtete, er sei mindestens drei Mal während seiner Haft von FBI-Agenten verhört und gefragt worden, ob er Rohrbomben gebaut oder den Iran besucht habe. Er wurde erst am 6. April freigelassen, nachdem seine Familie bei einem Bundesgericht wegen illegaler Haft Beschwerde gegen die US-Regierung eingelegt hatte.

Der Sprecher der Besatzungsmacht im Irak Dan Senor behauptete diese Woche, dass Berg nie von US-Einheiten festgehalten worden sei, nur von Irakern. Das hat sich mittlerweile als Lüge herausgestellt. Bergs Familie hat eine E-Mail mit Datum vom 1. April von Beth A. Payne vorgelegt, einer Beamtin des US-Konsulats im Irak. Payne schrieb darin: "Ich habe bestätigt, dass Ihr Sohn Nick vom US-Militär in Mosul festgenommen worden ist... Er wurde vor etwa einer Woche verhaftet."

Auch der Chef der irakischen Polizei in Mosul hat die Behauptung, dass Berg von seinen Leuten festgenommen wurde, kategorisch zurückgewiesen. Auf einer Pressekonferenz am 13. Mai erklärte er: "Die irakische Polizei hat den ermordeten Amerikaner niemals verhaftet... ich versichere Ihnen... dass solche Berichte jeder Grundlage entbehren."

Nach seiner Freilassung reiste Nick Berg nach Bagdad. Seine Familie hörte zuletzt am 9. April von ihm, als er ihr mitteilte, er wolle den Irak über Kuwait verlassen, sobald es sicher genug sei. Nach Angaben der Familie sagte Berg, er wolle lieber nicht nach Jordanien fliegen, da dies zu gefährlich sei. Zu dieser Zeit gab es in Bagdad schwere Kämpfe. Große Teile der Stadt, einschließlich der Straßen zum Flughafen, wurden ständig vom irakischen Widerstand angegriffen, und verschiedene Gruppen hatten westliche und japanische Staatsbürger als Geiseln genommen.

Der letzte Kontakt Bergs mit einem Vertreter der US-Regierung soll am 10. April stattgefunden haben. Ein Sprecher des Außenministeriums teilte dem Sender CBS mit, dass ein amerikanischer Diplomat ihm angeboten hatte, einen Flug nach Jordanien zu arrangieren. Berg soll abgelehnt und noch einmal erklärt haben, nach Kuwait fahren zu wollen. Laut seinem Hotel ging er früh am 10. April mit der Bemerkung weg, er wolle in ein paar Tagen wieder zurück sein.

Glaubt man der amerikanischen Regierung, hat sich kein US-Sicherheitsdienst mehr um seine Aktivitäten oder sein Wohlergehen gekümmert, bis sein Verschwinden offensichtlich wurde. Auf mehrere Fragen, die sich aufdrängen, hat es bisher keine befriedigenden Antworten gegeben. Wurde Berg im Irak vom amerikanischen Geheimdienst überwacht? Warum wurde er verhaftet und auf wessen Befehl hin? Stand er unter Beobachtung, nachdem er am 6. April freigelassen worden war? Wenn ja, wie konnte er dann mitten in Bagdad entführt werden?

Während der letzten Woche hat Bergs Vater Michael immer wieder die Bush-Regierung beschuldigt, mitverantwortlich für den Tod seines Sohnes zu sein. Am Dienstag sagte er dem Radiosender WBUR: "Was meinen Sohn das Leben gekostet hat ist die Tatsache, dass die US-Regierung ihn einfach 13 Tage ohne jedes faire Verfahren oder Bürgerrechte eingesperrt und ihn dann wieder freigelassen hat, wie es ihr gerade passte. Es geht nicht nur um Donald Rumsfeld. Es ist dieser ganze Patriot Act, die ganze Stimmung in diesem Land, dass Grundrechte nichts mehr zählen, weil es Terroristen gibt. Meiner Meinung nach ist,Terrorist' nur ein anderes Wort für,Kommunist' oder,Hexe', und es ist eine Hexenjagd, was hier stattfindet. Diese ganze Bush-Regierung steht für etwas, was nicht Amerika ist."

Gestern erklärte er gegenüber Radio Philadelphia: "Mein Sohn ist für die Sünden von George Bush und Donald Rumsfeld gestorben. Diese Regierung hat das getan." Er hat auch verlangt zu erfahren ob "es wahr ist, dass al-Qaida angeboten hat, das Leben meines Sohnes gegen eine andere Person einzutauschen", wie es in dem Video von Nick Bergs Mördern behauptet worden war.

Die von Michael Berg aufgeworfenen Fragen unterstreichen die Tatsache, dass die US-Regierung im besten Fall die Bedingungen geschaffen hat, unter denen sein Sohn von Extremisten entführt und ermordet werden konnte.

Die schlimmere Möglichkeit, die sich aus allem bisher Bekannten ergibt, besteht darin, dass Bergs Verschwinden und anschließende Ermordung das Werk von US-Geheimdiensten oder proamerikanischer irakischer Gruppen war. Einen Monat nach seiner Entführung wurde Berg im für die US-Regierung günstigsten Moment ermordet.

Wer die Annahme für undenkbar oder unerhört hält, die amerikanische Regierung könne um des eigenen politischen Vorteils willen der Ermordung eines ihrer Bürger zustimmen, unterschätzt die politische Situation gewaltig.

Die Bush-Regierung und Elemente der amerikanischen Militärführung sind ebenso wie führende Leute aus den Massenmedien und der Wirtschaft Kriegsverbrecher, die auf die Anklagebank gehören. Sie haben einen verbrecherischen Krieg angeordnet, organisiert, propagiert oder davon profitiert, in unverhohlenem Bruch internationalen Rechts. Das Jahr seit der US-geführten Invasion des Irak hat sich durch weitere Kriegsverbrechen und Gräueltaten ausgezeichnet. Für bedeutende Teile der amerikanischen herrschenden Klasse hängt alles davon ab zu verhindern, dass die Opposition gegen die Besetzung des Irak in der amerikanischen und internationalen Arbeiterklasse in eine bewusste Bewegung für politische und soziale Veränderung mündet. Ihnen hätte das Leben des 26jährigen Nick Berg überhaupt nichts bedeutet.



Quelle: http://www.wsws.org/de/2004/mai2004/berg-m15.shtml

Schreiberling Offline




Beiträge: 2.222

11.11.2004 13:17
#3 RE: Wer ist eigentlich dieser Zarkawi? antworten

Nachdem Zarkawi als Grund für die Verbrechen der USA in Falludscha seinen Zweck erfüllt hat, ließ man ihn nun nach Mossul "umziehen". In dieser Stadt beginnt der Aufstand. Die Menschen solidarisieren sich mit den Menschen in Falludscha. Prompt lassen die US-Verbrecher verbreiten, Zarkawi sei die Flucht nach Mossul gelungen. Man legt sich schon wieder "Gründe " zurecht um ungehemmt Massaker an den Irakern verüben zu dürfen.

http://www.shn.ch/pages/artikel.cfm?id=122060

saratoga Offline



Beiträge: 109

11.11.2004 14:23
#4 RE: Wer ist eigentlich dieser Zarkawi? antworten

Ich meine, im Fall der Person Zarqawi sollte endlich mal Klartext gesprochen werden.

Die iranische Regierung hielt ihn fest und bot ihn der US-Regierung zur Auslieferung an, wenn diese ihnen Beweise für eine Terrortäterschaft vorlegt. Keine Reaktion der US-Seite darauf. Zarqawi wurde ein Bein amputiert. Und das Entscheidende - im April letzten Jahres wurde er bei einem amerikanischen Luftangriff im Nordosten des Iraks getötet. Sogar MSNBC brachte eine Nachricht darüber. Was jetzt noch von ihm existiert, ist einzig und allein, die Propaganda der amerikanischen Seite. Das Feindbild Zarqawi ist ein künstliches. Sehr praktisch für die amerikanischen Interessen im Irak, denn so haben sie eine imaginäre Zielscheibe erstellt, die nie getroffen werden kann (oder zu fassen ist), immer wieder an den Brennpunkten (also dort, wo sie am wenigsten Land sehen) auftaucht und für sie den Vorwand für bombige Aktionen stellt. Die Einwohner Fallujahs hatten die irakische Puppenregierung dazu eingeladen (und deren bewaffnete Kräfte), in die Stadt zu kommen und sich selbst von der Nichtexistenz eines Zarqawi in Fallujah zu überzeugen.

Es war zu erwarten, dass ein Zarqawi nach amerikanischer Lesart bald wieder auftauchen würde. Den richtigen Riecher hatte schon vorher Riverbend in der Nacht zum 10.November.
http://riverbendblog.blogspot.com/2004_1...003558181121517

Zitat
There are rumors that there are currently 100 cars ready to detonate in Mosul, being driven by suicide bombers looking for American convoys. So what happens when Mosul turns into another Falloojeh? Will they also bomb it to the ground? I heard a report where they mentioned that Zarqawi 'had probably escaped from Falloojeh'... so where is he now? Mosul?

Noch Fragen zu Zombie Zarqawi?

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