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Schreiberling Offline




Beiträge: 2.222

23.03.2005 15:53
RE: Die USA müssen den Irak verlassen .... Interview Antworten

http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/reg...ak/khalisi.html

Zitat
"US-Abzug ist die einzige Lösung"
Interview mit Scheich Hadi Al Khalisi* von der politischen Plattform "Irakischer Nationaler Gründungskongreß" (INFC)

Das Gespräch mit Scheich Hadi Al Khalisi führte Rüdiger Göbel.**

F: Der amerikanisch-afghanische Ölmanager und und Strippenzieher Zalmay Khalilzad, derzeit US-Botschafter in Afghanistan, soll auf den Posten von John Negroponte folgen und nächster Botschafter im Irak werden. Welche Ratschläge können Sie Bushs erstem Mann in Bagdad geben, die Probleme im Zweistromland zu lösen?

Nun, wird Zalmay Khalilzad als Botschafter der Afghanen in den Irak kommen, oder als Botschafter der Amerikaner? Als Botschafter der Afghanen wäre er willkommen. Als Botschafter Bushs kann ich ihm nur empfehlen, seinem Präsidenten zügig mitzuteilen, daß seine Okkupation ein krimineller Akt gegen die Bevölkerung ist und daher umgehend beendet werden muß. Die US-Truppen und alle, die mit ihnen in den Irak gekommen sind, müssen abziehen. Das ist die Voraussetzung für Stabilität und Sicherheit. Der Abzug ist die einzige Lösung für den Irak.

F: Nicht wenige sind der Meinung, gerade im Fall eines Abzugs der US-Truppen brechen Chaos und Bürgerkrieg aus.

Das ist doch von den Besatzern verbreitete Propaganda. Vor der US-Aggression und der Besatzung gab es Stabilität im Irak. Die Besatzung als solche sorgt für das Chaos und führt zu Auflehnung und Widerstand. In denjenigen Städten und Regionen im Irak, in denen die Iraker die Oberhand haben, gibt es keine Probleme. Nehmen Sie Khadimije nördlich von Bagdad. Als die Amerikaner als Besatzer einrückten, regte sich Widerstand, es kam zu Kämpfen und Toten. Erst als die US-Truppen die Stadt wieder verlassen hatten, herrschte Ruhe und Ordnung.

Im Prinzip wollen die Amerikaner Blutvergießen und Chaos. Ihnen liegt weder an Stabilität noch an Sicherheit. Die Unordnung kommt nicht zuletzt Israel entgegen. Chaos und Instabilität im Irak bedeuten aus israelischer Perspektive Stabilität und Sicherheit für Israel. Zu dieser Sicherheitsdoktrin gehört auch, den Zentralismus in den verschiedenen arabischen Ländern zu schwächen. Je stärker ein Land wie der Irak föderalisiert wird, desto besser. Was hat ein kleines Bundesland schon zu melden?

F: Folgt man der hiesigen Berichterstattung, dann gibt es im Irak Kurden und Schiiten, die an den Wahlen Ende Januar teilgenommen, sowie Sunniten, die das Spektakel boykottiert haben; hinzu kommen Christen, Turkmenen und andere kleinere Minderheiten, die immer mehr terrorisiert werden – gibt es im Irak noch Iraker?

Genau darum geht es doch: Der Irak soll als Einheit von der Landkarte verschwinden, und dafür muß er aus dem Bewußtsein der Menschen gelöscht werden. 98 Prozent der irakischen Bevölkerung sind Muslime. Auch die Kurden sind Muslime. Alle zusammen sind wir Iraker.

F: Nach Angaben der Besatzer haben gut 50 Prozent der wahlberechtigten Iraker an den Wahlen vom 30. Januar teilgenommen. Mit der Abstimmung für das Nationalparlament sei eine neue Ära der Demokratie angebrochen, heißt es. Welche Handlungsmöglichkeiten haben das Parlament und die neue irakische Regierung unter US-Besatzung?

Zu sagen hat eine solche Regierung nichts. Mit den Wahlen sollten Institutionen legitimiert werden, die von den Amerikanern gegründet wurden. Als die US-Armee vor zwei Jahren in den Irak einmarschierte, wurde von Paul Bremer ein »Provisorischer Rat« mit 25 handverlesenen Mitgliedern ins Leben gerufen. Von denen durfte dann jeder zwei, drei Freunde vorschlagen, die als »Provisorische Regierung« fungierten. Von dieser wurden nichtöffentliche Listen aufgestellt für die Wahl am 30. Januar. Jetzt ist die Clique auf 275 Personen angewachsen. Genauso ist es mit Hamid Karsai in Afghanistan abgelaufen. Was hat das mit Demokratie zu tun?

George W. Bush hatte darauf bestanden, daß die Wahlen im Irak am 30. Januar stattfinden. Um jeden Preis. Es ging einzig darum, die ganze Geschichte in den USA gut zu verkaufen. Der US-Präsident hatte zuvor offen gesagt, wir werden all diejenigen unterstützen, die uns unterstützen. Das ist eine Beleidigung und Verachtung der Bevölkerung.

Und das ist noch nicht alles: Im Fall des Libanon hatte Bush kürzlich erklärt, es könne keine freie Wahl geben, solange das Land von syrischen Truppen besetzt sei. Im Irak müssen die Besatzer für eine freie Wahl bleiben, und in Libanon sollen die Besatzungstruppen raus? Im Weißen Haus herrscht eine eigenartige Logik.

F: Nach US-Angaben hatten 42 Prozent der wahlberechtigten Iraker nicht abgestimmt. Werten Sie dies als Erfolg für die Boykottbewegung?

Zufrieden sein kann man mit diesem Ergebnis natürlich nicht. Doch das Zerrbild, das in den westlichen Medien gezeichnet wurde, muß korrigiert werden: Es ist nicht wahr, daß die Schiiten alle gewählt und die Sunniten alle boykottiert haben. Viele Sunniten hatten an der Wahl teilgenommen, und umgekehrt hatten Schiiten auch zum Boykott aufgerufen. Es gibt keine klare Trennung zwischen Religionen oder Nationalitäten. Wenn, dann verläuft eine Grenze zwischen denen, die den Irak als ihr Land und ihre Heimat sehen, und den Besatzern.

F: Heißt das, alle, die gewählt haben, sind Kollaborateure?

Die meisten Wähler wissen nicht, was sich wirklich abspielt. Es gab keine Wahlprogramme und keinen Wahlkampf. Interessierte konnten sich mit den Kandidaten nicht auseinandersetzen. Nicht eine Wahlversammlung fand statt. Statt dessen gab es TV-Spots für Wahllisten.

Viele Iraker folgten islamischen Gelehrten, allen voran Al Sistani, der zur Teilnahme an der Wahl aufgerufen hatte. Nur deswegen haben sie an dem Spektakel teilgenommen. Hätte jeder, der jetzt zur Nationalversammlung gewählt wurde, für sich alleine als Kandidat antreten müssen, wäre die Zusammensetzung wohl eine andere.

F: Kommen wir zum Kernproblem: Wie kann die Besatzung beendet werden?

Letztlich muß die irakische Bevölkerung ein Zeichen setzen, daß die Besatzer unerwünscht sind. Paul Bremer hatte bei seinem Amtsantritt erklärt: »Wir wollen nicht hierbleiben, wenn uns die Bevölkerung nicht akzeptiert.« Das Nein zur Besatzung kann unterschiedlich zur Geltung gebracht werden. Jede Ablehnung seitens der Bevölkerung ist legitim, auch mit Waffengewalt.

Im Unterschied zum Irak sind die syrischen Truppen auf Bitten der libanesischen Regierung einmarschiert. Es gibt Verträge zwischen der libanesischen und syrischen Regierung über die ausländische Präsenz. Im Fall des Irak handelt es sich um eine Aggression. Die Besetzung ist illegal.

F: Halten Sie die Entführung ausländischer Journalisten für ein legitimes oder hilfreiches Mittel im Kampf gegen die Besatzung?

Das ist keine gute Methode. Wir lehnen dies ab und haben dies immer wieder erklärt. Es gibt sehr viele ausländische Journalisten, die dem irakischen Volk verbunden und bei ihm willkommen sind. Wem nützt es, wenn solche Leute verschleppt werden? Kann es nicht sein, daß die Entführungen veranstaltet werden, um den echten Widerstand zu diskreditieren?

F: In den vergangenen Monaten häuften sich Angriffe auf irakische Polizisten und sogenannte Nationalgardisten. Zählen sie alle zum Besatzungsregime? Gibt es für derartige Angriffe Verständnis in der irakischen Bevölkerung?

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Alle Aktionen, die sich nicht eindeutig gegen die Besatzer richten, nützen letztlich diesen. Alles, was sich gegen die Zivilbevölkerung richtet, ist Terrorismus und hat mit dem Widerstand nichts zu tun!

F: Wer zählt zum Widerstand?

Jeder Iraker, der seine Heimat und sein Volk schützt und dafür kämpft. Jeder, der dabei stirbt, ist ein Märtyrer.

F: Die Amerikaner sagen immer wieder, es gäbe auch viele ausländische Terroristen im Irak.

Die US-Armee hatte in Falludscha nach eigenen Angaben mehr als 1 000 »Terroristen« verhaftet. Fragen Sie die Amerikaner, unter den Verhafteten befinden sich nur ein paar Ausländer. Sie spielen eher eine marginale Rolle im bewaffneten Kampf. Gleichzeitig sollten wir nie vergessen: Die Amerikaner stellen den Großteil bewaffneter Ausländer im Irak!

F: Nichtsdestotrotz, hierzulande ist das Bild vom Widerstand geprägt durch die endlosen Meldungen über Musab Al Sarkawi, Berichten über Entführungen und brutale Enthauptungsvideos. Vielen fällt es angesichts dessen schwer, sich mit dem Kampf gegen das US-Besatzungsregime zu solidarisieren.

Wer ist denn diese Person, die den Amerikanern angeblich solche Schwierigkeiten bereitet? Es muß ein Übermensch sein. Er läuft auf einem Bein und entkommt ihnen doch immer wieder! Oder ist er ein Engel, ein Teufel, ein neuer fiktiver Superman? Bei vielen Irakern herrschen Zweifel, ob Al Sarkawi wirklich existiert. Den Amerikanern wiederum verhilft diese Personalisierung zur Rechtfertigung und Fortsetzung ihrer Aggression.

Die irakischen Widerstandsgruppen aber agieren immer in dem Gebiet, aus dem sie auch kommen. Sie verteidigen sich, ihre Familien und ihr Land.

Das wissen letztlich auch die Besatzer. Und doch geben sie immer wieder die Parole aus, wer gegen die Amerikaner ist, der ist für Saddam. Doch man muß weder für Saddam noch für die Amerikaner sein. Es gibt eine Alternative, eine dritte Haltung: das Eintreten für den Irak als Land und Nation, das Eintreten für die irakische Bevölkerung. Im INFC engagieren wir uns für unser Land und für unsere Leute. Viele von uns standen unter Beobachtung von Saddam. Aber deswegen sind wir doch heute nicht für die Amerikaner. Meine Nichte kam unter Saddam Hussein ins Gefängnis und wurde gefoltert – zu der Zeit wurde er von den USA unterstützt.

F: Kann eine starke zivile Protestbewegung die Besatzungsmacht nicht ebenso herausfordern? Stellen wir uns vor, eine Million Iraker würde die mächtige US-Botschaft in der »grünen Zone« im Zentrum Bagdads belagern, über Tage und Wochen.

Im Prinzip gibt es natürlich verschiedene Möglichkeiten. Der bewaffnete Widerstand ist im Irak gegenwärtig aber einfach effektiver. Die Masse der irakischen Bevölkerung muß ums tägliche Überleben kämpfen. Es gibt selten Strom, kaum sauberes Wasser. Selbst für Benzin muß man stundenlang anstehen – in einem Land mit gigantischen Erdölreserven! Die Infrastruktur des Landes wurde durch Kriege und jahrelange Sanktionen zerstört. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Zwei Jahre nach Beginn der US-Invasion sterben im Irak Tausende an eigentlich einfach heilbaren Krankheiten, weil es an Medikamenten und vernünftig ausgestatteten Hospitälern mangelt. Der Irak ist zu einer großen Ruine geworden.

F: Ist schon absehbar, bis wann die US-Truppen abziehen?

Die Amerikaner sind erschöpft. Immer mehr Verbündete kehren ihnen den Rücken und verlegen ihre Truppen zurück in ihre Länder. In Washington ist man bemüht, eine Möglichkeit zu finden, mehr und mehr US-Soldaten abzuziehen und gleichzeitig das Land weiter zu kontrollieren. Die Iraker wollen den Abzug aller Amerikaner. Sie dürfen nicht erhobenen Hauptes abrücken, mit einem Erfolgslächeln im Gesicht. Krieg und Besatzung sind keine Erfolgsstory. Das müssen auch die Amerikaner begreifen. Selbst die Kräfte, die an den Wahlen Ende Januar teilgenommen haben, fordern letztlich den Abzug der Truppen. Die USA müssen endlich einen Zeitplan dafür vorlegen.

F: Zumindest die kurdischen Clanführer sowie die im Zuge des US-Krieges in den Irak zurückgekehrten Exiliraker – Stichwort Achmed Chalabi – dürften einem Abzug der US-Truppen nicht unbedingt zustimmen.

Wenn die Amerikaner unser Land verlassen, dürften auch die führenden Kollaborateure gehen. Sie haben keinerlei Rückhalt in der Bevölkerung. Niemand wird ihnen eine Träne hinterherweinen.

F: Wie wichtig ist die internationale Solidarität für den irakischen Kampf gegen die Besatzung?

Die internationale Zusammenarbeit ist von enormer Bedeutung. Für die Iraker ist es wichtig, daß es in aller Welt Menschen gibt, die um ihre Situation wissen. Meldungen über Proteste oder eine Konferenz wie die in Berlin am vergangenen Wochenende machen uns Mut. Wir wissen, daß wir nicht allein sind. Wir brauchen in diesen dunklen Zeiten alle nur erdenklichen Formen der Unterstützung. Am allerwichtigsten ist allerdings, die Bevölkerung im jeweils eigenen Land über die Kriegslügen und Besatzungsverbrechen aufzuklären. Damit ist uns am meisten geholfen.

* Scheich Hadi Al Khalisi lebt in Bagdad und gehört zu den Gründern der politischen Plattform "Irakischer Nationaler Gründungskongreß" (INFC). Er nahm am 12. März an der Internationalen Irak-Konferenz "Besatzung, Widerstand, internationale Solidarität" in Berlin teil (www.irakkonferenz.de)


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