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Dieses Thema hat 1 Antworten
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Felios Offline



Beiträge: 416

08.09.2005 21:44
RE: Zustandsbeschreibung - Bush und die Flut Antworten

Eine höchst fadenscheinige Wiederwahl zum Präsidenten attestierte man dem amtierenden Oberhaupt der amerikanischen Regierung . Bewiesen werden konnte nichts. Zumal wenigstens zwei Drittel der amerikanischen Wahlbevölkerung auf Seiten des Präsidenten stand und ihm dafür entweder seine Stimme gab oder die Wahl schmähte. Die Erfolgsbilanz des Präsidenten beschränkte sich auf die Außenpolitik, innenpolitisch vor allem wirtschaftlich und ökologisch ein Desaster. Erfolg ist hier ironisch gemeint, denn die instabile Situation im Irak mit fast täglichen Attentaten und toten amerikanischen Soldaten, kann aus Sicht der US-Regierung nicht ernsthaft als Erfolg bezeichnet werden. Zwei Ziele wurden jedoch erreicht - Saddam Hussein, der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge vom 11.September 2001, wurde geschnappt und das wertvolle Öl im Irak gesichert. Dass Saddams Husseins Stellvertreter , Tarik Aziz, ein chaldäischer Christ war, und die Söhne Husseins für ihre Alkoholeskapaden bekannt waren, störte in der vehement vorgetragenen Argumentation in Bushs Schwarzweißsicht kaum. Die Mehrheit des amerikanischen Volkes nahm ihm und seinen Getreuen die einfach zu widerlegenden Lügen ab, womit der Krieg "vom Volke legitimiert" war. Übrigens gab es auch seitens der Demokraten eher schwache Proteste - einen Aufschrei der Gegenwehr vernahm ich hier nicht. Und die große Mehrheit des amerikanischen Volkes dachte gemäß dem Motto "Ich habe ihn zwar nicht gewählt, aber er ist unser Präsident, also stehe ich zu ihm".
Stellt man sich die Situation in Europa vor, in Deutschland, eine Kanzlerin Merkel schickt deutsche Soldaten in den Krieg, die SPD stimmt zu, das Wahlvolk begehrt zwar auf "die Merkel wollte ich nicht", aber stellt sich schlussendlich hinter die Regierung "jawohl, hurra, Krieg - sie wissen schon, was sie tun". Vorstellbar ? Nun beim völkerrechtswidrigen Kosovokrieg war es so, aber da spielten auch geschickt eingefädelte Manipulationen der Öffentlichkeit durch falsche Filmdokumentationen eine Rolle, die die Notwendigkeit eines Eingreifens suggieren sollten. Was nicht heißen soll, dass es in den USA keine Beeinflussung des Volkes durch die "mass media" gab und gibt. Im Krieg hatte das Pentagon dafür sogar eine eigene Abteilung.
Alle Beschönigungen und Vortäuschungen eines chirurgisch sauberen Krieges im Irak erwiesen sich als falsch - die Zahl der Todesopfer steigt täglich und bereits vor dem 3. Golfkrieg starben über eine halbe Million Kinder an den Folgen mangelnder medizinischer Versorgung, da ein Embargo verhängt worden war. Angeblich, um die Weiterentwicklung von ursprünglich als medizinischer Wirkstoff gedachte Substanzen zur Biowaffe. In diversen Fernsehberichten ist aber nachzulesen, dass dies bei einzelnen Wirkstoffen gar nicht möglich gewesen wäre. Damit war der Tod unzähliger Zivilisten nicht nur sinnlos, sondern auch feige und vielleicht auch gewollt.Nicht umsonst hörte man vor und während dem Krieg von "bewusstem Genozid", der durch das UN-Embargo verursacht worden sei.
Die von Bush als Hauptgrund genannte Gefahr von Massenvernichtungswaffen war ebenfalls nie vorhanden. Es wurden schlicht und einfach keine gefunden. Darüber sollten wir froh sein, denn Saddam Hussein hätte bei einer Verzweiflungstat vor dem drohenden Untergang seiner diktatorischen Macht nicht davor zurückgeschreckt,etwaige Massenvernichtungswaffen auch gegen westliche Mächte einzusetzen. Eher scheint es jetzt so, als sei nach dem Krieg von rebellischen Sunniten das Bestreben vorhanden, Chemiewaffenlabors aufzubauen , um sich gegen die Besatzungsmacht zur Wehr zu setzen bzw. diese aus dem Irak zu vertreiben.
Auch darf weiterhin die Gefahr eines schiitischen Gottesstaats nicht außer Acht gelassen werden.Nur wenige im Irak wollen diese. Dank Saddam Hussein handelt es sich um einen im Verhältnis zu anderen islamischen Staaten recht fortschrittlichen Staat mit der Möglichkeit für Frauen zu studieren, mit geringer Analphabetenrate, hinsichtlich Wohlstand durchaus an westliche Standards angepasste Verhältnisse, wenn es auch aufgrund des Embargos zur Massenarbeitslosigkeit gekommen ist. Nach der Absetzung Husseins als Machtführer drohen nun die Rechte für Frauen abgeschafft zu werden, Christen im Land, unter Husseins säkularen Staat geduldet, sind sich ihres Lebens nicht mehr sicher, einige wenige verrückte, aber damit fängt es ja meist an, wollen einen Gottesstaat, dessen Grundlage sich auf die Scharia beruft, nach iranischem Vorbild. Der oft belächelte Journalist Peter Scholl-Latour, der schon um die halbe Welt gereist ist, und selbst von den "Schurken" respektiert wird, hatte diese Zukunft für den Irak vorhergesehen.Mit einem weniger aggressiven und eher freundschaftlich gesinntem Auftreten im Irak, wie es beispielsweise die britischen Soldaten beim Irakkrieg vormachten, hätte man einiges von dem Misstrauen der Iraker zerstreuen können. Wenn aber schon ein Bush absichtliche Lügen verbreitet, einzig um an das schwarze Gold zu kommen (was natürlich genauso wenig zu beweisen ist wie die jüngst hervorgebrachten Rassismusvorwürfe gegen die komatös anlaufende Hilfe für die Hurricane-Opfer), und sich offensichtlich in Geographie und Religion äußerst wenig auskennt , ja als religiöser Fundamentalist geradezu seinem Gut-Böse-Weltbild hinterherläuft, darf man dann von den meist aus ärmeren Schichten stammenden GI-Soldaten erwarten, den Islam und seine Lebensweise wie seine Westentasche zu kennen und Bräuche , Traditionen und Reaktionen zu respektieren ? Stattdessen fühlte man sich an Hollywood alias "Wag the Dog" erinnert, als eine Gruppe Soldaten gemäß dem Motto "we need a hero" in ein unbewachtes Krankenhaus stürmte , um eine verletzte, aber offensichtlich vom irakischen Personal gut versorgte , US-Soldatin mit Pauken und Kanonen herauszuholen, später von jubelnden Hurra-Patrioten im US-Fernsehen umgarnt.
Beinahe schon vergessen ist auch der vier Wochen nach dem Terroranschlag erfolgte Krieg in Afghanistan. Ein geschundenes Land, das schon einmal 1979 zwischen die Fronten von Russland und den USA geraten war, als es wieder um...na was wohl ...ging. Ein geschundenes Land, bei dem ein Aufschrei durch die Weltbevölkerung ging,als die Steinzeitislamisten namens Taliban sämtliche Buddha-Statuen zerstörten oder schwer beschädigten und die Weltgemeinschaft respektive USA tatenlos zu sah. Hätte sich in den Statuen Öl befanden, wäre diese sinnlose Aktion der Taliban wohl nicht ungestraft geblieben. Aber nicht einmal die Unterdrückung des afghanischen Volkes durch die Talibankämpfer, deren sich die CIA damals gegen Russland bediente und u.a. auch einen berühmten Mann namens bin Laden ausbildete, konnte ein Eingreifen der US-Regierung erzwingen. Erst als man bin Laden suchte, der ja später mit Hussein gemeinsame Sache machen sollte, räumte man die unbeliebten Taliban aus dem Weg und schuf erstmals seit Jahrzehnten eine Zukunft in einem Land, das allerdings später der ISAF bzw. sich selbst überlassen wurde. Aber es ist ja nichts neues, dass die USA gegen ein Land Krieg führen aber sich einen Dreck um den Wiederaufbau kümmern.
Liest man die Stichworte im Nachhinein. Tod, Wiederaufbau, Armut,Krieg - so werden unwillkürlich Erinnerungen an die Hurricane-Katastrophe wach, die immer noch präsent ist und die Millionen Amerikaner nicht so schnell vergessen werden.Ohnmächtige Wut steigt in einem auf, wenn man hört, wie senationell rasch eine Wirtschaftsmacht einen Krieg "gewinnen" kann, aber im Gegenzug vier Tage benötigt, bis die ersten Hilfslieferungen anlaufen. Man schüttelt den Kopf angesichts der Milliarden Dollar den Kopf, die jährlich in Rüstungsausgaben, Heimatschutz und Terrorkampf gesteckt werden, aber dafür im Gegenzug der Umweltschutz vernachlässigt, Deichverstärkungen verhindert oder schlampig realisiert. Eine Stadt versinkt in den Fluten und die USA müssen uns (!) um Hilfe bitten. Tausende Soldaten warten im Irak auf ihre Rückkehr. Sie sind dort in einem Krieg, den eigentlich niemand wollte. Im eigenen Land wird dringend Hilfe benötigt. Sie läuft nur schleppend an. Die Mehrheit der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten ist schwarz und arm , die Weißen konnten fliehen. Vielleicht wäre die Hilfe rascher und effizienter vor und am Ort gewesen, wenn die Mehrheit New Orleans weiß gewesen wäre. Vielleicht hätte es diese immensen Plünderungen, Kriegszustände und Schießereien auf Rettungskräfte nicht gegeben, wenn sich die US-Regierung der Waffenlobby um seinen Vorsitzenden Charlton Heston widersetzt und die Waffengesetze deutlich verschärft hätte.
Unter einem Cowboy Bush, der mehr Zeit mit Urlaub auf seiner "Ranch" im todesgestraften Texas verbringt als mit Entwicklung intelligenter Ideen zum Stopp der immer höheren Verschuldung seines Landes, ist dies leider undenkbar.
Es braucht keinen Terrorangriff, dass sich das amerikanische Volk selbst in die Knie zwingt. Es genügt eine natürliche Katastrophe und schon sitzt die Pistole nicht mehr locker im Halfter. Das Kriegsrecht wird verhängt, Plünderer, vorwiegend aus der schwarzen Bevölkerung, dürfen erschossen werden.

Wird es eine Untersuchung geben? Bush soll sie leiten - Hillary Clinton kündigt bereits an, es soll eine unabhängige Untersuchung geben? Kann Bush nochmals das Wahlvolk täuschen ? Die Welt jedenfalls nicht mehr und dass selbst der Erzfeind Iran seine Hilfe anbietet, sollte den US-Bürgern zu denken geben, die ja mit dem neuen Angriffsziel Iran von der maroden US-Wirtschaft abgelenkt werden sollten. Vielleicht gibt es angesichts der US-Engpässe im Öl aber auch ein Umdenken. Nicht wie in "Independence Day" von einem "Schurken"staat zum Nächsten zu ziehen, um sich das Öl unter die Finger zu reißen, damit das dauerhafte Energie verschwenden weiterhin boomen kann,sondern auch dagegenwirken. Energie sparen, nicht mehr weit über die Verhältnisse leben. Amerika wird dabei etwas von dem Glanz eines "Landes der unbegrenzten Möglichkeiten" einbüßen, aber vielleicht begreifen es die Menschen auch als Chance, aus den Fehlern ihrer Vorregierungen und Vorgenerationen zu lernen. Eine Katastrophe wie "Hurricane Katrina" können sie damit wohl nicht mehr verhindern, aber vielleicht müssen einmal weniger Unschuldige an den Folgen kriegerischer, rassistischer und umweltfeindlicher Politik sterben.

lg,Felios

Schreiberling Offline




Beiträge: 2.222

09.09.2005 15:05
#2 RE: Zustandsbeschreibung - Bush und die Flut Antworten

Hallo Felios,
da hast du eine Menge in einen Text zusammen gepackt. Die Katastrophe nach dem Hurrikan hat mich ziemlich schockiert. Ein Land wie die USA, welches erst vor kurzem ein Heimatschutzministerium aus dem Boden gestampft hat, dem hätte ich mehr zugetraut, bei der Bewältigung solch einer Ausnahmesituation.
Das dann die Überlebenden zum Teil sieben Tage ohne Hilfe ausharren mussten, das verstehe ich überhaupt nicht.
Was dort auch deutlich wurde, dass in diesem sich doch demokratisch nennenden Land der Schutz von Eigentum über den Schutz von Menschen gestellt wurde.

Wie dünn ist eigentlich die Decke unserer Zivilisation? Sehr dünn, wie man dort sehen kann.

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