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Dieses Thema hat 2 Antworten
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Felios Offline



Beiträge: 416

15.02.2006 16:22
RE: Was ist Europa ? (Essay) Antworten

Was ist Europa?

Wie es Bassam Tibi im Titel seines Werkes formulierte , "Europa ohne Identität"

Nachdem wir Wohlstand und Reichtum besitzen, ein soziales Netz und es - zumindest im westlichen Europa schon seit Jahrzehnten keine Kriege mehr gegeben hat, können wir auf das verzichten, was andere Länder und Regionen oder gar Kontinente zusammenhält : die Religion.

Wir haben es geschafft, uns von den vorgesetzten Prinzipien der religiösen Tradition zu lösen. Auf dem Land sieht es freilich anders aus, aber die Urbanisierung schreitet voran. Wir haben die Todesstrafe abgeschafft , die von der Bibel propagiert wird "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ,wenn man sie falsch interpretiert. Unserem "Vorbild" - der USA - ist dies noch nicht gelungen, es ist von den Grundprinzipien teilweise auf dem Stand derer Länder, die sie durch Krieg die Demokratie bringen will. Todesstrafe, kein soziales Netz, eine strenge Auslegung der Bibel insbesondere bei den Republikanern, die bereits fundamentalistische Ansätze trägt. Bei uns hingegen werden die Kirchen immer leerer, man kann ein "Christ" sein, ohne die Kirche als das Leitbild anerkennen zu müssen. Man kann ein "Christ" sein, ohne dem Papst als Leitfigur wie das Schaf seinen Hirten zu folgen. Die Religionsausübung ist frei. Jeder kann nach seiner Facon leben. Gewisse Einschränkungen gibt es wohl, aber niemand wird wegen seiner Sexualität verfolgt oder gar ausgepeitscht, geschweige denn umgebracht.

Wie wirken wir auf den Islam, den wir als rückständig bezeichnen,weil er all diese Güter weder zu schätzen noch im Ansatz zu begreifen vermag? Im Arabischen gibt es dafür ein Wort : Giaur , zu deutsch : Ungläubiger. Und Unglauben ist im Islam verpönt. Bestes Beispiel - Saddam Hussein, der ja von der US-Regierung verdächtigt wurde, mit den Fundamentalisten um bin Laden zu kollaborieren. Aber Saddam Hussein war kein gläubiger Muslim, sondern ein säkularer Diktator. Die chaldäischen Christen , wie etwa Tarik Aziz,der Vizepräsident, standen unter seinem Schutz, Frauen durften sich fortbilden und reisen, seine Söhne tranken Alkohol und feierten ausgedehnte Parties. Von den anderen arabischen Ländern wurde Saddam Hussein geduldet, aber wegen seiner ungezügelten Lebensweise und seinen politischem Handeln eher verachtet.
In der arabischen Welt, aber auch in Afrika dominiert die Religion in teilweise strengster Auslegung. Es gibt die Todesstrafe, Andersdenkende und Menschen, die gleiche Geschlechter lieben, werden verfolgt, gefoltert und umgebracht - auf bestialischste Weise. Die Religion hält die Menschen zusammen, vereint sie , schafft ein Wir-Gefühl, wie es bei uns nur der Kommunismus oder Nationalsozialismus schafft. Kapitalismus hingegen teilt uns in Arm und Reich, die Kirche als oberste ,moralische Instanz verliert immer mehr seine Bedeutung und die Säkularisierung ist sowieso nahezu abgeschlossen. Das Wir-Gefühl ist nicht mehr vorhanden. "Du bist Deutschland" - ein Volk der Jammerlappen, der machtgeilen Opportunisten an der Regierung , ein Volk, das sich zu Tode reglementiert und nicht bemerkt,wie die Kluft zwischen Arm und Reich sowohl unter sozialdemokratischer als auch christsozialer Herrschaft weiter wächst.

Statt den religiösen Fundamentalisten gewinnnen in Europa die Nationalisten an Zuwachs, wenn die Arbeitslosigkeit steigt, der Wohlstand abnimmt, die sozialen Netze versagen.

Zurück zur Ausgangsfrage : was ist Europa ? Ein Volk der Individualisten? Ein Volk der Hedonisten ? Der Islam als "rückständige" Religion erscheint uns fremd, umgekehrt werden wir von den Islamisten als "rückständig" angesehen, da wir ungläubig (geworden) sind, nicht zuletzt durch die Islam-Karikaturen unsere Missachtung religiöser Wertvorstellungen bewiesen haben. Wenn andererseits Muslime Karikaturen über religiöse Leitfiguren und kriegerische Vergangenheiten (Kreuzzüge!) gemacht hätten - wären wohl mitnichten 10.000 Menschen auf die Straßen gegangen, es wären gewiss keine arabische Botschaften gestürmt worden und Flaggen irgendwelcher Länder angezündet worden. Es hätte schlicht nicht unser unreligiöses Europa kaum gejuckt.Vielleicht hätten wir sogar mit einer gewissen Portion Selbstkritik über die Karikaturen gelächelt.

In der arabischen Welt hingegen , wo das Wir-Gefühl , der Sinn des Lebens in der Ausübung der Religion verwirklicht wird, wird diese Karikatur als Provokation verstanden, noch dazu von einem rechts angehauchten Blatt ausgegeben.

Wie soll der Dialog der Kulturen voranschreiten,wenn wir uns selbst nicht respektieren lernen? Der Dialog beruht auf Gegenseitigkeit, wie es bereits im Wort ausgesagt wird. di = Zwei, logos = das Wort - besser noch : die Vernunft.

Vernunft heißt nicht, andere Länder zu bekriegen, um an das wertvolle Öl zu kommen. Vorgeschoben die Demokratisierung, die "Befreiung" von Diktaturen, deren Aufschwung wir selbst provoziert haben und sogar militärisch oder politisch unterstützten, inoffiziell oder längst in Vergessenheit geraten - um sie dann durch Chaos, der Einnistung religiösen Fundamentalismus, Foltergefängnissen und der Beschneidung von Menschenrechten zu ersetzen.

Vernunft heißt nicht, Grund-und Menschenrechte mit Füßen zu treten. Menschen, die eine andere Hautfarbe haben, andere politische Vorstellungen, eine andere Sexualität oder eine andere Religion ausüben, zu inhaftieren, zu foltern, zu ermorden.

Vernunft heißt, den Glauben oder Unglauben zu tolerieren. Der Staat hat dafür zu sagen,dass die Grund-und Menschenrechte, die sich ein Teil der westlichen Welt - unser Europa - über Jahrzehnte mühsam erarbeitet hat - gewahrt werden. Wir müssen in dieser Hinsicht der "östlichen" Welt ein Vorbild sein. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese durch Terror, Krieg und Provokationen in den Hintergrund treten oder gar ausgelöscht werden. Um der östlichen Welt einen Schritt in unsere Richtung zu erlauben (welchen es etwa im Iran vor den Bushisten auch durch den gemäßigten Präsidenten Chatami gegeben hat, aufgrund der zunehmenden Bedrohung seitens der USA der "Schurkenstaaten" und nicht zuletzt eindrucksvoll durch die feindliche Übernahme des Iraks durch die Mobilisierung der radikalfundamentalistischen Kräfte im Land gestoppt wurde), müssen wir zeigen, dass wir den Islam schätzen und nicht nur verteufeln.

Der Klügere gibt nach - oder : Europa macht den ersten Schritt, ohne missionarisch oder gar militaristisch zu wirken. Die arabische Welt kann die Chance nutzen, ohne sich bedrängt zu fühlen. Durch Krieg werden wir die ethischen, moralischen und politischen Verhältnisse dort jedenfalls nicht verbessern. Es ist kein Hitler-Deutschland, das bereits vor der Diktatur die Demokratie kannte und die Aufklärung hinter sich hatte. US-Krieger , die den Islam im eigenen Land als Grundübel gepredigt bekamen, die Frauen schlagen, in Menschenmengen schießen, weil sie sich bedroht fühlen, Häftlinge foltern , gegen alle UN-Konventionen verstoßen, um kurz nach dem Einmarsch in Bagdad erstmal das vorrangig das Ölministerium bewachen,während rundherum das Chaos ausbricht, fördern jedenfalls nicht den Dialog der Kulturen - und ein gespaltenes Europa ohne Identität, ohne Wir-Gefühl, mit einer EU ,die aus Kriegsbefürwortern und Kriegsgegnern besteht, ohne dass die Repräsentanten der Kriegsbefürworter mit dem Volk in Einklang steht und dass die Firmen und Repräsentanten der angeblichen Kriegsgegner den Krieg brav unterstützen, wird die USA nicht von diesem Anti-Kurs abbringen.

© Felios, 15.2.2006

Schreiberling Offline




Beiträge: 2.222

15.02.2006 19:47
#2 RE: Was ist Europa ? (Essay) Antworten

Hallo Felios,
was ist Europa? Ich denke, dass wir Menschen bereits viel weiter sind, als die Politiker. Wir benötigen Politiker, die unsere europäischen Interessen vertreten. Zumindest in Deutschland haben wir da mit der Mannschaft um Kanzlerin Merkel einen deutlichen Rückschlag erlitten.

Warum setzen wir Europäer, die wir zwei Weltkriege innerhalb der letzten hundert Jahre durchlitten, uns nicht konsequent für eine weltweite Abrüstung ein?

Derzeit werden eine Billion Dollar Jahr für Jahr für die Rüstung und unsere Vernichtung ausgegeben. Geld für eine bessere Welt ist somit offensichtlich genügend da. Warum nutzen wir es nicht?

Was den Dialog anbelangt, ich halte es für wichtig, dass man überhaupt miteinander redet. Die Arroganz, wie Politiker des Westens die frisch und demokratisch ins Amt gewählte Hamas meiden, wohin soll das führen?

Und so gut es uns im Vergleich zu anderen geht, wir haben längst nicht auf alles Antworten gefunden in unserer Welt. Wieviele Menschen erfroren diesen Winter mitten unter uns? Wieviele Menschen leben in immer tieferer Armut? Wie gehen wir mit dem Alter und dem Sterben um? Wir mögen insgesamt als Gesellschaft "reich" sein, das haben wir mit seelischer Armut bezahlt. Zu einem menschenwürdigen Leben zähle ich Familie, Liebe, Geborgenheit, menschliche Wärme genauso wie täglich ausreichend zu essen, ein Dach über dem Kopf und Arbeit für alle die arbeiten wollen.

Wir brauchen für unser Europa Politiker die unsere europäischen Interessen vertreten.

Viele Grüße
vom Schreiberling

Schreiberling Offline




Beiträge: 2.222

06.07.2006 20:10
#3 RE: Was ist Europa ? (Essay) Antworten

Hallo Felios,
was ist Europa? Eine spannende Frage. Hier ein paar sehr interessante Gedanken zu dem Bushbesuch in Wien.

http://www.muenchnernotizen.info/Politik...0307_xb_06.html

Fragt sich, wessen Interessen "Unsere" Politiker wirklich vertreten. Der Gedanke "EU" ist genauso schön, wie der Gedanke "UNO" wenn da nicht die machtpolitischen Spielchen gewisser Leute wären, die wirklich alles in Verruf bringen.

Viele Grüße

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