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  • Dass irgendetwas nicht stimmte kriegte ich mit als ich die Flugzeuge sah. Flugzeuge, die vom Süden her Richtung Norden flogen und später, nach etwas drei Stunden eine nächste Welle von Westen nach Osten. Nicht irgendwelche Maschinen; keine Militärmaschinen. Passagierflugzeuge. Sie dröhnten über den Himmel und hinterließen ihre weißen Kratzspuren.
    Eben war es noch still. Ich spazierte über die weiten Schneefelder auf den Baikalsee zu. Ich hatte die Jeep zurückgelassen um so, wie mein Romanheld, die letzten Kilometer zum See zu Fuß zurückzulegen. Ich wollte endlich sehen, wo ich meinen Helden sterben ließ. Es ist wohl ein Unterschied ob man sich die Landschaften auf der Landkarte zusammensucht oder ob man wirklich dort ist.
    Nun, das Buch wurde gedruckt, kam raus und verkaufte sich nicht schlecht. Nicht, dass ich davon leben könnte, aber es kommt doch auch was rein. Und nachdem ich so viele Mails bekommen habe, Briefe von Lesern, ob denn die Strecke, die mein Held im Buch zurücklegt auch wirklich machbar sei, habe ich mich entschlossen, drei Wochen Urlaub zu nutzen und nach Sibirien zu fahren und so was wie ein Reisetagebuch zu schreiben. „In Dimitrij´s Schuhen“ soll es heißen. So nach dem Motto: Der Autor besucht die Handlungsorte seines Romans. Mein Verleger meinte auch das wäre eine gute Idee und ließe sich womöglich auch vermarkten. Besser als eine weitere Woche im selbstgefälligen Suff. Der Koks staubte mir schon zu den Ohren raus, da war etwas Tapetenwechsel echt nicht die schlechteste Option.
    In meinem Buch hatte ich Dimitrij Vengarov, den sibirischen Jungen, nach seinem Drama in Sankt Petersburg zurück nach Sibirien geschickt wo er eigentlich herkam. Mein Hauptheld Dimitrij stammte aus Chita in Sibirien. Den Weg zurück legte er zum Teil per Autostopp, mit einem gestohlenen Wagen und zu Fuß zurück. Wie auch immer, diesen letzten Teil seiner Reise wollte ich jetzt am eigenen Leib spüren und spazierte von Talowka Krestowaja –das es tatsächlich gibt- Richtung Osten. Und ich war fast zu Tränen gerührt als ich sah, dass meine Fantasie ein recht realistisches Bild der Umgebung entworfen hatte. Aus der Ortschaft raus führte ein Weg über weite, vereiste Felder etwas bergan. Oben auf der Hügelkuppe gab es eine lichte Reihe von Birkenwäldchen. Und wenn mich nicht alles täuschte, musste man von der Hügelkuppe aus einen grandiosen Blick auf den von Bergen umfassten Baikalsee haben. Der See, auf dem mein Held rausgeht um in den Himmel zu fahren. Und zwar in Dolby Digital und Cinemascope.
    Und als ich den Weg auf die Hügelkuppe zu zwei Drittel hinter mich gebracht hatte, hörte ich das Dröhnen und Röhren und Knattern.
    Es war etwa 06:45 Uhr, es war Oktober und der Tag schälte sich malvenfarben und blassrosa aus dem sibirischen graublau der nächtlichen Schneefelder. Das Land erschien mir schon hier so unermesslich groß, so endlos majestätisch und edel. Ich wollte es nicht durch die verklärende Brille des Westtouristen sehen der weiß, dass er jederzeit wieder abhauen kann, falls es doch nicht behaglich ist. Und um mir wenigstens den Anschein von Authentizität zu geben, ging ich die letzten acht Kilometer zu Fuß.
    Manche der Passagiermaschinen flogen so tief, dass ich meinte zu spüren wie der Boden vibrierte. Ich sah Boeings und Airbusse und Fokker, ich sah DC-10 und DC-9 Maschinen, American Airlines, Austrian Airlines, Lufthansa und Iberia, Flugzeuge aller Arten und von allen Fluglinien. Und alle dröhnten sie auf unterschiedlichsten Höhen über die eisbedeckten Felder. Ich schätze es waren ungefähr achtzig bis hundert Flieger in den ersten fünfzehn Minuten. Dann kehrte schlagartig wieder Ruhe ein. Ich blieb stehen, noch etwa drei Kilometer von der Hügelkuppe entfernt und rauchte mir eine an. Ich versuchte mir einen Reim aus all dem zu machen. Ich meine: hey… Ich habe hier in diesem Teil Sibiriens gerade mal in einer Woche zwei Flugzeuge gesehen. Und jetzt, da plötzlich… zig Maschinen am Himmel, scheinbar befreit von allen Arten der Luftraumkontrolle. Wie ein Schwarm von hysterischen Zugvögeln.
    Das Licht des Morgens bekam immer mehr Substanz, wurde echter und zudringlicher. Ich schnippte den Zigarettenstummel in das jungfräuliche weiß und ging weiter.
    Macht nichts Piero, macht nichts… geh einfach nur weiter. Schritt für Schritt, Meter für Meter und bald, ja… bald… du wirst sehen, bist du oben und siehst auf das gigantische Panorama vor dir. Das gefrorene Auge Gottes in all seiner Pracht… und weißt Du was? Vielleicht, aber wirklich nur vielleicht spürst du ein Echo deiner Erregung, all deiner Liebe und Lust und Leidenschaft, all deiner Trauer, die du empfunden hast als du seinen Tod beschrieben hast, wenn du an den Gestaden dieses riesigen Sees inmitten der verschneiten Berge stehst… Geh nur, Piero. Geh nur. Geh in Dimitrijs Schuhen. Mach voran… ja, noch fünfhundert Meter, dann hast du es fast… ja, siehst du? Jetzt… noch zwischen den zwei Birkenwäldchen hindurch und dann…
    Und dann kamen die Flugzeuge aus dem Westen. Hunderte Verkehrsflugzeuge aller Bauarten und aller Fluggesellschaften. Manche kilometerhoch in der Luft, andere hätte ich anspucken können. Sie dröhnten, heulten, knatterten und sausten über mich hinweg bis meine Ohren taub wurden. Ich dachte noch: Das schreibe ich auf jeden Fall in meinen Reisebericht. Das ist mal amtlich.
    Ich ging weiter, kam durch das Birkenwäldchen und ging nochmals hundert Meter weiter und dann sah ich ihn. Er glitzerte wie ein Juwel. Er war eingerahmt von pastellfarbenem Morgenlicht. Und das Licht ergoss sich golden über die Bergkuppen und schroffen Felsen hinab zu den kilometerbreiten Ausläufern die sanft zum See hin abfielen. Ich bekam die Gänsehaut. Und das nicht nur weil es schweinekalt war. Hier hatte ich Dimitrij auf Gott treffen lassen. Und hier hatte ich ihn auf seine letzte Reise geschickt. Ich weiß noch das ich weinte, als ich schrieb wie er auf das Eis rausging und lächelte und die Stimmen seiner Ahnen hörte und seine Hände hob und lachte und lachte und so sehr lachte weil nun alles Leid von ihm abfiel wie ein Schatten abfällt wenn das große Licht kommt.
    Alles um mich herum war still. Alles war in diesem Licht des Morgens überdeutlich und doch mild. Es war kalt aber trocken. Mich fror und doch war ich zutiefst dankbar in diesen Sekunden. Ich empfand es als Gnade dies hier zu sehen. Raus aus der Nachtlokalszene, dem Umfeld der Schriftstellerzirkel und leidenschaftlich kritischen Lesern. Weg von den Schleimern und weg von Cola Bacardi und Koks auf dunstig warmen Scheißhäusern. Weg von all den Fragen.
    Ich war in diesem Augenblick von Antworten umfasst wie Walt Whitman von allem, was er liebte umfasst war. Whitman besang den elektrischen Leib. Und ich besang hier und jetzt die lavendel- und malvenfarbenen Antworten des sibirischen Morgens.
    Traurig nur, dass ich niemals mehr irgendwem davon berichten kann. Nicht, weil ich selbst hier in Gefahr geriet. Sondern weil es niemand mehr gibt, dem ich davon berichten kann.
    Ihr werdet Euch fragen: Warum schreibst du dann das alle auf? Für wen protokollierst du das alles? Und ich werde euch sagen: Für mich, Freunde. Nur für mich.
    Ihr werdet mich fragen: Aber was ist denn passiert, Piero? Sag es uns doch. Lass dir doch nicht so die Würmer aus der Nase ziehen.
    Und ich werde euch antworten: Ich weiß es nicht genau. Aber lasst mich einfach weitererzählen.

    Jaja, erzähl du nur weiter.

    Ich führte Selbstgespräche während ich auf der flach abfallenden Straße zwischen den Eisfeldern zum See ging. Das machte ich öfters. Ich holte den Flachmann aus den Untiefen mies Daunenanoraks, schraubte ihn auf und fand, dass 07:00 Morgens eine gute Stunde für Schnaps sei. Echt gut. Dann sah ich in den Himmel. Und das war gar nicht gt.
    Zuerst erschien es mir nur wie ein Lichtreflex, den man am äußersten Rand der Wahrnehmung mitkriegt; die Sternschnuppe, die man verpasst hat. Dann sah ich genauer hin und erstarrte: Lichtwellen rollten über den Himmel. Keine Wolken, die das Licht reflektierten sondern monströse Wellen aus purem, flimmerndem und flackerndem Licht das scheinbar direkt aus dem Kosmos auf die Welt herabstürzte. Lichtkaskaden! Leuchtende Bögen, grellweiße Zeitlupenblitze. Sie zuckten von Osten nach Westen und von Norden nach Süden.
    Der Geräuschlose Spuk dauerte etwa sieben Minuten. Dann war alles vorbei. Dann war wirklich alles vorbei. Aber das wusste ich noch nicht.
    Ich hatte Herzklopfen und der Schweiß klebte feucht auf meiner Stirn, ich hatte Angst. Und ich war irgendwie zutiefst erschüttert. Vor allem weil ich die gigantische Lichtshow am Morgenhimmel Sibiriens mit der Todesszene assoziierte, die ich für Dimitrij erdacht hatte. Ich dachte: Kann denn das Zufall sein? Aber damit war es noch nicht genug der Zufälle.
    Ich ging weiter und weiter und sah dort bei den Uferfelsen zwei vermummte Gestalten sitzen. Sie saßen an einem hell lodernden Lagerfeuer. Ich dachte noch: Die Idee ist gut. Mir ist eh saukalt. Vielleicht sind da ja mal nette Leute und laden mich ein bei ihnen zu sitzen. Wir einsamen Wanderer in den frühen Morgenstunden müssen doch zusammenhalten, nicht?
    Ich kam näher und näher und sie hörten wohl meine knirschenden Schritte im gefrorenen Schnee. Sie drehten sich zu mir um. Es waren Jungs. Oder sehr junge Männer. Sie hatten nicht das typisch hart asiatische Antlitz, der Ostsibirier. Sie stammten sicher nicht von den Dekabristen ab oder den chinesischen Volksstämmen. Sie sahen sehr kaukasisch aus. Aug sehr schöne, fast anmutige Weise. Ich nickte ihnen freundlich zu und machte noch ein paar Schritte, wartete aber eine eindeutige Einladung ab. Der eine schob seine Kapuze zurück und seine schwarzen langen Haare glänzten im Morgenlicht. Er winkte mir, näherzukommen. Ich machte noch ein paar Schritte auf sie zu. Ich sah dem, der mir gewinkt hatte ins Gesicht und spürte einen Kloß im Hals. Werden hier Träume war? Er war schön. Er war unglaublich schön. Es gibt Menschen, deren Anblick erschüttert einen, egal welcher sexuellen Ausrichtung man zuspricht. Sie fassen tief in einen hinein. So wie dieser hier. Er lächelte schief und entblößte strahlend weiße Zähne. Oben links hatte er eine kleine Zahnlücke, aber das fand ich noch ansprechender. Er sah so aus wie der Dimitrij Vengarov, den ich in meinem Roman quer durch Russland schickte. Auf der Suche nach all dem was er braucht. Und er nach Hause zurückkehrt um es hier zu finden. Dieser junge Sibirier, vermutlich ein früher Eisfischer sah aus wie eine von mir erdachte Figur.
    Mir liefen die Tränen runter.
    Er sah mich erstaunt aber immer noch lächelnd an, klopfte symbolisch auf den Platz neben sich und zupfte die Decke, auf der er saß zurecht, so dass ich auch Platz hatte.
    Er deutete mit dem Daumen auf sich und sagte mit leiser und heiserer Stimme: „Dimitrij. Dima.“ Dann deutete er mit einem fragenden Lächeln auf mich. Der andere Bursche schob auch die Kapuze zurück. Er hatte eine Stoppelglatze. Ich wurde bleich. Mir wurde schlecht. Ich setzte mich neben Dimitrij auf die Decke und streckte die Hände nach dem Feuer aus. Ich deutete mit dem Kinn auf den glatzköpfigen Jungen und sagte: „Sergej?“
    Der Junge mit den langen glänzenden Haaren sah mich verblüfft an und kicherte los. Dann nickte er und wiederholte die Geste von vorhin. Ich sagte: „Piero.“ Damit schien das Thema für sie erledigt zu sein. Dimitrij holte aus dem Rucksack der links von ihm lag eine Thermosflasche, schraubte sie auf und goss mir die Verschlusskappe mit duftendem Kakao voll. Er sprach schnell mit Sergej. Ein sibirischer Dialekt, irgendwie gurrend und sinnlich. Sergej lachte und rieb sich die Hände.
    „Gut gut. Trink nur, trink.“
    Er umfasste mich, knuddelte mich und kuschelte sich an mich. Und all das mit der reinen Unschuld eines wilden Jungen. Sergej rutschte von der anderen Seite an mich ran, umarmte mich und so saßen wir zu dritt da: Ein drogensüchtiger Schriftsteller in der Mitte und zwei halbwüchsige sibirische Eisfischer die direkt aus dem Roman des koksenden Schriftstellers entsprungen waren. Scheiß drauf. Im Buch waren es Stricher. Aber um Details brauchte ich mich wohl im Moment nicht zu kümmern.
    Dimitrij flüsterte mit seiner heiseren Schlafzimmerstimme: „Gut allein. Sind allein. Jetzt Welt ist kaputt. Licht hat gebrannt und Fleisch… Fleisch ist verdorrt. Nur noch Staub… Radio sagt…“
    „Was?“
    Dimitrij kicherte und kramte ein kleines Transistorradio aus dem Rucksack. Er drehte es auf und suchte in all dem wirren Rauschen einen Sender. Er suchte zwei Minuten, drei Minuten lange herum bis er Sprachfetzen auffing.
    „Da… da!“
    Mein russisch war sowieso für Arsch und Friedrich. Aber soviel verstand ich: Der Exodus der Verkehrsflugzeuge endete über dem Polarmeer. Die Flugzeuge stürzten ab. Alle. Alle Menschen verschwunden. Europa leergefegt. Dort wo das Licht einsinken konnte löschte es alles Leben aus. Die USA: leergefegt. Asien: leer. Mensch und Tier vom Licht vertilgt. Scheinbar gab es nur noch marginale Überlebenschancen in den Polargebieten. Wir waren hier am Baikalsee noch reichlich weit weg vom Polarkreis aber es hatte vielleicht mit der Reflektion des Schnees zu tun. Ich starrte ohne zu zwinkern auf den zugefrorenen See hinaus. Das Eis schillerte in den Farben des Himmels und der Berge. Das Radio in meinen Händen zischte und krachte und orakelte weiter vor sich hin.
    Als ich schließlich den Blick hob und mich umsah, saß ich allein da im Schnee. Kein Dimitrij, kein Sergej. Keine Decke unter mir
    Klar. Das Radio hatte ich im Anorak mitgebracht. Ich hatte keine Verschlusskappe mit Kakao in der Hand. Ich war allein. Und das Radio erzählte mir, von Krachen und Rauschen unterbrochen von Lichtwellen, die über die Welt gerast und gezuckt waren und alles Leben wegradiert hätten. Der Sender befand sich in Wladiwostok. Da war noch Leben. Da ging noch was. Ich stand auf. Ich zündete mir eine Zigarette an. Und dann schleuderte ich das Radio so weit ich nur konnte. Ich könnte zum Jeep zurückgehen. Aber wozu? Um wohin zu fahren? Ich könnte es meinem Romanhelden gleichtun. Und ich dachte so bei mir, dass dies wohl die eleganteste Option wäre. Ich hatte einen Notizblock bei mir und einen Druckbleistift. Ich könnte diese letzten Stunden aufschreiben, in den Plastikbeutel wickeln und als Testament hinterlassen. Ich könnte dann weiter hinausgehen auf dem Baikalseee. Nachts über diese Eiswüste gehen bis sich das Licht erbarmte und sich zu mir herabbeugte um mich an den Gestaden zurückzuführen. Ich hatte die einmalige Chance, Worte in Taten zu verwandeln. Ich sehnte mich nach Dimitrijs heiserem Lachen und dem Geschmack von heißem Kakao. Ich sehnte mich nach Sergejs Umarmung und all der animalischen Unschuld in diesen Berührungen. Herrgott ich wollte doch nur wieder unschuldig sein und mich hier reinwaschen.
    Und zu diesem Zweck auf den See hinauszugehen, schien mir der ehrenwerteste Weg.
    Also nahm ich ihn.

    [f1][ Editiert von Nathschlaeger am: 27.11.2003 13:25 ][/f]

  • Diesen Herbst verbrachten die Geschwister Richard und Paula auf der Veranda ihrer Großmutter. Nicht in den Wäldern zwischen den abgeernteten Feldern, nicht am See um den späten Fischern zuzusehen, nicht auf dem Spielplatz und ganz sicher nicht in ihren Zimmern. Großmutters Veranda: Weißgestrichenes Holz, eine Hollywoodschaukel, die ihr Opa noch montiert hatte, Gläser voller Apfelsaft. Das wars. Würde man sie später einmal fragen, woran sie sich am stärksten erinnern, wenn sie an diesen Herbst zurückdenken, würden sie sagen: Großmutters Veranda. Die Apfelbäume in ihrem Garten. Das kunterbunte Laub und der jeansfarbene Himmel am Tag und der sternenklare Glanz in der Nacht. Es blieb bis tief in den Oktober erträglich warm, meistens war es windstill und durch und durch erfreulich, draußen zu sitzen, Löwenzahnwein zu trinken oder, im Fall der Kinder, selbstgepressten Apfelsaft. Richard und Paula würden sagen, sie erinnerten sich an Halloween Farben, einen amerikanische-Teeny-Slasher-Film Herbst… Richard war im Oktober gerade dreizehn Jahre alt, seine Schwester Paula im November Siebzehn.
    So saßen sie auch an diesem fünfundzwanzigsten Oktober 2003 draußen auf der weißgestrichenen Veranda und fühlten sich wohl. Großmutters Haus war das einzige in der Gemeinde, das eine typische Fernsehserienveranda hatte. Richards und Paulas Vater hatte sie mal die „Bradbury Veranda“ genannt, aber sie wussten nicht, was es damit auf sich hatte.

    Es gab mehrere Gründe diesen Herbst auf Omas Veranda zu verbringen. Zunächst mal war es der schönste Herbst seit Jahren. Der Hauptgrund für Richard waren die Geschichten, die Oma erzählte. Für Paula gab es einen ganz anderen Grund. Und den durchschaute Richard erst nach ihrem fünften oder sechsten Besuch. Der Gitarrist wohnte in dieser Gasse. Etwas weiter Richtung Ortsgrenze, schon fast bei dem kleinen Wäldchen am Badeteich. Der türkische Gitarrist Hakan. Und jedes Mal, wenn Hakan auf seinem Moped am Haus der Großmutter vorbeiknatterte, kriegte Paula ganz große Augen, fuhr sich durchs Haar und blinzelte völlig verstrahlt dem Auspuffnebel hinterher. Hakan mit den schwarzumrandeten Augen in dem jungenhaften Gesicht, Hakan mit der revolutionären schwarzen Lederhose und den Schnürstiefeln. Richard bewunderte Hakan sehr. Aber aus ganz anderen Gründen als seine Schwester. Richard dachte, wenn er mal so alt sei wie Hakan, wollte er mindestens ebenso cool sein wie der türkische Rocker. Der Sänger und Gitarrist. Richard wusste, dass Hakan zur Hälfte geliebt und bewundert wurde, aber auch abgelehnt und gemieden. Er war der einzige türkische Schüler in der Gemeinde. Dazu kam seine Vorliebe für Death Metal Rock. Und dann sein Aufzug: Immer in schwarz, die schwarzen Haare mit Gel hochgedrillt, entweder hatte er schwarze Armeehosen an oder die Lederhose, im Matrix- Marke schienbeinlang Ledermantel oder der Fransenlederjacke… Nun, er war ein gottbegnadeter Gitarrist. Das war das Eine. Er sah gut aus und die Mädchen fielen scharenweise vor ihm auf die Knie. Das war das andere. Und er war Türke. Und das war eine Sache für sich. Paula und den anderen Mädchen, die glänzende Augen bekamen, wenn sie ihn sahen, war seine Abstammung völlig egal. Den älteren Stammgästen in einem der drei Gasthäuser weniger.
    Es war kurz nach fünf Uhr Nachmittags, da hörte Richard das typische Knattern von Hakans Moped. Er stand auf und ging zum Verandatisch um sich noch einen Apfelsaft einzuschenken. Paula huschte hinter ihm vorbei und stürmte, ohne stürmen zu wollen, zum Holzzaun und lehnte sich wenig mädchenhaft drüber. Richard nahm sein Glas und schlenderte kichernd hinter ihr her. Sie winkte dem heranbrausenden Hakan und der trat auf die Bremse, das Hinterrad quietschte und er brachte das Moped mit einem eleganten Schlenker zum stehen.
    „Hakan!“ rief Paula heiser und ihre Wangen leuchteten rot. Hakan trat den Steher runter und stellte das Moped ab. Er ging um die Maschine rum und lehnte sich an den Zaun: „Hi Paula, was geht?“
    Sie sah ihn an. Richard sah Paula an. Hakan sah Richard an und grinste. Richard grinste weil er wusste, dass seine Schwester ab jetzt nur noch stottern würde.
    „W w w o geht’s hin?“
    „Ach, ich fahr mal rüber zu Steve. Und dann haben wir Probe im Pfarrheim. So bis… was weiß ich, Mitternacht, wenn er uns lässt.“ Er beugte sich über den Zaun und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Ein ganz unschuldiger Kuss. Aber der Kuss würde Paula ihr Leben lang verfolgen. Sie wurde dunkelrot und irgendwie überspielte Hakan ihre Nervosität. Er machte kein Theater, spielte nicht den Übermacho oder so. Er lächelte einfach ganz nett, rückte sich den geschulterten Gitarrenkoffer zurecht und schwang sich auf sein Moped.
    „Wann tretet ihr mal wieder auf?“
    Hakan trat das Moped an, klappte den Steher ein und tat so, als ob er nachdenken würde. Dann antwortete er: „Noch nicht fix. Vielleicht im November. Da haben wir sieben neue Titel. Die wollen wir dann abrocken. Tschüß Paula, tschüß Richie.“
    Jetzt wurde auch Richard rot. Der coole Hakan hatte ihn angesprochen. Nicht nur angegrinst. Angesprochen. Oh Mann. Ihre Großmutter stand auch plötzlich am Zaun, rauchte eine Zigarette und äscherte auf den Rasen. „Wisst ihr eigentlich, warum das Haus Nummer 17 schon so lange leersteht?“
    Das war gut. Das wischte Hakan aus Paulas Gesicht und Richard packte die übliche Herbstgeschichtenerregung. „Nein?“ antwortete sie sich selbst. „Wisst ihr nicht? Natürlich wisst ihr das nicht.“
    Sie legte ihre Hände auf Richards Schultern und schob ihn so zur Veranda zurück. Dann sah sie über ihre Schulter zu Paula, die noch immer ganz benommen am Zaun stand und mit ihrer Hand die Stelle streichelte, wo Hakan sie geküsst hatte.
    „Paula? Kommst du? Du wirst den süßen Knackarsch schon wieder sehen.“
    Oma grinste diabolisch und Paulas Gesicht fing Feuer: „Oma, das ist doch nicht…“
    „Klar ist es das. Glaubst du, ich bin alt auf die Welt gekommen oder was? Glaubst ich kann einen hübschen Jungen nicht erkennen, wenn ich ihn sehe?“
    Auf dem Verandatisch gab es jetzt einen Teller mit Apfelkuchen und einen Krug mit Apfelsaft. Für Omas einen Aschenbecher.
    „Also. Das Haus Nummer 17. Das steht seit 1953 leer. Früher wohnte da die Familie Schmidtmann. Der Vater arbeitete als Ingenieur für eine Baufirma, die Mutter war zu Hause. Als Hausfrau. So war das mal. Sie hatten einen Sohn. Der war damals, im Sommer 1953 sechzehn Jahre alt. Ein schlanker Bursche, der bei Klotzkis Tischlerei lernte…“
    „Klotzki gabs schon vor… fünfzig Jahren?“
    „Aber ja. Die sind ein Urgestein der Gemeinde. Die Schmidtmanns waren stolz auf ihren Jungen. Er trank nicht, rauchte nicht, war ein guter Sportler und zahlte freiwillig Haushaltsgeld. Ein guter Junge. Gutmütig… Und Roman, so hieß der Junge, hatte einen Freund in der Nachbargemeinde, dort, wo der Hakan immer hinfährt zum üben. Wie hieß der doch gleich? Achja, Manfred hieß der. Seit Jahr und Tag ging Roman zu Fuß da rüber oder er borgte sich das alte Waffenrad seines Vaters. Und eines Tages kam er nicht mehr heim. Das war im Herbst 1953. Ja. Genau. Im Oktober. Sie suchten ihn. Sie suchten Roman über eine Woche lang. Die Polizei und Freiwillige aus den umliegenden Gemeinden. Alle suchten sie ihn. Und es gab damals schon Leute die sagten, dass es wieder passiert sei…“
    „Was ist wieder passiert?“
    „Nun, das ein Kind, ein halbwüchsiges Kind aus der Gemeinde verschwunden sei. Die Leute, also manche Leute sagten, dass das alle fünfzig Jahre passiert. Du weißt ja wie das ist…“ Sie streichelte Richards Haare aus der Stirn, „Es gibt immer alte Leute, die irgendetwas wissen. So war es auch damals, im Oktober 1953. Roman verschwand spurlos und wurde nie wieder gesehen. Die Eltern zerbrachen daran und zogen weg. Es ist grässlich, das eigene Kind zu verlieren, das eigene Kind zu überleben. So was kann Menschen zerstören. Die Schmidtmanns zerbrachen daran.
    Das Haus steht leer. Niemand will es verkaufen, niemand will es kaufen. Man sagt, hin und wieder sähe man einen weißhaarigen, nackten Mann auf dem Grundstück herumschleichen. Doch das ist wahrscheinlich erfunden. Hopp. Und jetzt nach Hause. Jetzt sind gleich Nachrichten. Und nehmt den Apfelkuchen mit zu euren Eltern und gebt ihnen was ab.“
    Damit war dieser Abend zu Ende. Paula und Richard gingen über zwei unbebaute Grundstücke nach Hause. Richard und Paula waren gute Geschwister. Und so gab Paula Richard keine Kopfnuss als er sie fragte: „Du stehst auf Hakan, was?“
    Ihr Blick kriegte was verträumtes: „Wer nicht?“

    Am nächsten Tag war Sonntag. Die Eltern schickten Richard und Paula schon zu Mittag zur Großmutter, um ihr zu helfen, die Einmachgläser und die Flaschen mit dem Apfelsaft in die Kellerregale zu schlichten. Oma hatte Apfelgelee gemacht und Apfelmus und Apfelkompott und das musste alles in den Keller.
    Sie arbeiteten bis etwa fünfzehn Uhr. Dann gönnten sie sich eine Pause auf der Veranda. Der Himmel war völlig klar. Es war schon etwas kühler geworden, nahezu kalt. Richard wickelte sich in seine Jeansjacke und beschloss, wenn er am späten Abend noch mal herkommen sollte, würde er sich die Strickhaube aufsetzen. Und den Pullover anziehen. Paula schaukelte auf der Hollywoodschaukel. In der Ferne konnte man die Sirenen mehrerer Polizeiwägen hören. Sie fuhren Richtung Osten. Etwa zwanzig Minuten später fuhr ein Streifenwagen am Haus vorbei Richtung Badeteich. Richard sagte noch spaßhalber zu Paula: „Du, da ist was los. Soviel Polizei unterwegs, Mann…“ Er unterbrach sich mitten im Satz, als er das Horn eines Rettungswagens hörte. Dann hörte er das Geräusch. Es war ihm zuerst nicht aufgefallen. Jemand schrie. Jemand weinte. Jemand schrie: „Haaakaaan!!!“ und weinte dabei.
    Richard kriegte die Gänsehaut. Ihm war nicht mehr nach Späßen zumute. Dann läutete bei der Großmutter das Telefon. Richard stellte sich halb in die Diele, blieb halb auf der Veranda. Dinge geschahen. Es war etwas passiert. Es war etwas mit Hakan passiert. Richard spürte einen Kloß im Hals. Paula kam zu ihm und war so blass. „Wieso schreit die Frau denn so? Wieso weint die? Was ruft sie…?“
    Großmutter stand bei der Anrichte in der Diele, hielt den Hörer ans Ohr und sah die Kinder an. Plötzlich wurde ihr Blick trübe:
    „Oh mein Gott. Oh nein. Ohh Gott. Wann? Jetzt eben? Und er… weiß man nicht? Was heißt: Weiß man nicht? Die Haare? Wie weiß? Gut, ruf mich später noch mal an. Das ist ja, schrecklich ist das ja…“
    Sie legte den Hörer auf. Paula lief eine Träne über die Wange.
    „Komm her Schatz,“ sagte sie zu Paula, „Es ist etwas mit Hakan geschehen. Es hat wohl einen Unfall gegeben.“
    Paula begann zu schluchzen. Sie erinnerte sich an sein schiefes, charmantes Lächeln und an den Kuss auf die Wange.
    „Ist er…?“ Sie konnte kaum sprechen. Der Kloß im Hals war einfach zu dick.
    „Sie sagen, dass wissen sie noch nicht…“
    Richard stand alleine auf der Veranda und weinte. Er sah den Pfarrer, der zum Haus der Akins lief. Dann heulte der Rettungswagen vorbei. Diesmal in die andere Richtung. Er sah die Nachbarn, die sich zusammenfanden. Und er hörte was sie flüsterten, redeten: „Schlohweiß. Seine Haare sind… unansprechbar… das Bein ist gebrochen… er ist.. sie sagen er ist… nein, nicht im Koma… wie heißt das Wort? Katatonisch… er war nackt? Ganz nackt? Wo waren seine Sachen? …Hat man sie gefunden? Josef hat einen Zettel bei dem Jungen gefunden… ja… da stand was von „Opfere dich!“ drauf. Schon mal so nen Blödsinn… Wurde er missbraucht? Sexuell? Eine Gewalttat?
    Hakan? Richard dachte: „Du bist mein Held, echt.“ Er wischte sich die Tränen aus den Augen. Eine Viertelstunde später kamen ihre Eltern und holten sie ab. Auch Paula hatte sich ein wenig beruhigt. Sie schnupfte die Tränen weg. Überall waren Leute unterwegs. Alle waren aus ihren Häusern gekommen. Richard hörte noch, wie Oma murmelte, als sie ins Haus ging: „Alle fünfzig Jahre. Diese Wellen. Alle fünfzig Jahre.“
    Richard riss sich von seinem Vater los und schrie: „Was? Was ist das? Alle fünfzig Jahre?!“
    Richards Vater drehte sich um und sah seine Mutter wütend an: „Mama. Lass das. Behalte deine Spukgeschichten für dich. Niemand will das wissen. Schlimm genug, was mit Hakan passiert ist…“
    „Aber das war auch mit Roman passiert. Es passiert immer wieder. Alle fünfzig Jahre. Die Felder brechen auf. Da unten ist etwas. Tief unter unserem Land ist etwas und es ist uralt und es ist böse und es holt sich seine…“
    „Mama. Genug jetzt! Du verängstigst die Kinder.“
    Die Großmutter wandte sich ab und ging ins Haus.
    Zu Hause angekommen, verkroch sich Richard in sein Zimmer und gab die Kassette in den Kassettenrekorder. Da waren drei Gitarrensoli von Hakan drauf. Zwei melodiöse und regelrecht romantische Stücke und ein ziemlich wildes Ding. Es wurde dunkel. Es wurde Nacht.
    An diesem Abend wurde nicht mehr viel gesprochen. In den lokalen Nachrichten erfuhr man, dass der neunzehnjährige Hakan Akin auf seinem Heimweg von der Probe einen schrecklichen Unfall gehabt hatte und nun im Spital sei. Sie berichteten von seinen weißen Haaren. Sie sagten aber nichts davon, dass er nackt war, als er gefunden wurde.
    Um Mitternacht konnte Richard endlich einschlafen. Er träumte von wogenden Feldern. Sie wogten, weil Millionen von verfaulten Leichen sich wanden. Er träumte, dass Hakan schreiend und schluchzend versuchte, aus diesen Feldern zu entkommen. Aber er konnte es nicht. Weil diese Felder sein Leib waren.
    Richard dachte, er würde nie mehr ohne Trauer leben können. Er dachte, er würde nie aufhören zu schreien.
    In seinem Traum verschwand Hakan in der Ferne der ewigen, rollenden Felder. Die Felder beruhigten sich. Dann waren es nur noch graue, abgeerntete Felder.
    Richards geträumte Schreie wurden zu einem leisen Wimmern. Dann lag er ganz still im Bett.
    Die Trauer blieb.

    Am 25. Oktober 2003 ging Hakan Akin etwa um 23:00 Uhr zu Fuß von der Probe heim. Die Proben fanden in einem Keller des Pfarrhauses statt. Sie durften dort zweimal die Woche proben, obwohl der Pfarrer von dem gottlosen Gegröhl, wie er es nannte, regelmäßig Ohrensausen kriegte. Die Jungs hatten ihn oft versucht aufzuklären, was Death Metal ist und warum sie alle immer schwarz angezogen waren, wenn sie probten. Er hoffte halt, dass sie über diesen Umweg sich vielleicht mal mit der Bibel auseinandersetzen würden. Alles Söhne von anständigen Bürgern...
    Hakan hatte etwa sieben Kilometer zu Fuß bis nach Hause. Mit dem Moped zu fahren wagte er sich diesmal nicht, weil er eindeutig zuviel Dope geraucht hatte. Bis zum Ende der Probe hatte er sich großartig gefühlt: Die Jahre, als er als einziger Türke in der Schule gemeinen Hänseleien ausgesetzt war, schienen vorüber. Er war Frontmann einer Band, die sich mittlerweile lokaler Berühmtheit erfreute. Ihr neuester Song: „The devil dances in my eyes“ war ein harter Ohrenwurm, getragen von einer wuchtigen Drum & Bass Line mit einer eingängigen Melodie und viel Platz für wütendes Rezitieren. Hakan hatte die Gitarre verpackt, noch ein Abschiedsbier getrunken und Suzie, ihrem Groupie auf die Muschi gegriffen. Damit das Image stimmte. Suzie stand auf ihn. Sie war aber auch diejenige, die am erbittertsten auf ihn losgegangen war, als er neu in der Schule war, fast kein Deutsch konnte und immer rot anlief, wenn man ihn scharf ansprach. Sie war die, die ihn nachäffte, wenn er in seinen komischen Slang verfiel. Aber aus dem Zwölfjährigen mit den Klamotten aus der Wühltruhe war ein schwarzer Schwan geworden, der sich in Leder zog, sexy aussah und wie ein Gott Gitarre spielte. So wie an diesem Abend: Er hatte den knöchellangen Ledermantel an, die schwarzen Haare mit Gel hochgedrillt, die Augen schwarz umrandet und die knallenge Lederhose an.
    Wie gesagt: Er fühlte sich gut, die Probe war gut gelaufen, sie hatten viel gelacht, viel weitergebracht und sie hatten Spaß gehabt, drei Monsterjollies geraucht und ein paar Bier getrunken. Und er fühlte sich so lange gut, bis er von der beleuchteten Ortsstrasse auf den unbeleuchteten Weg abbog, der eine Abkürzung zur unbeleuchteten Landstrasse bot. Es war windstill und die Bäume schimmerten wie Scherenschnitte in blassen, nebeligen Licht. Die Beleuchtung wurde immer weniger und Hakan fühlte sich immer weniger wohl. Seine Schritte hallten einsam. Die Lederhose spannte irgendwie unangenehm und jeden zweiten Schritt knarrte sein linker Schnürstiefel. Hakan kicherte. Aber das Kichern klang ängstlich. Seine Augen wirkten in der milchigen Dunkelheit doppelt so groß und er dachte an die Geschichten, die er gehört hatte. Über Gemütszustände nach dem kiffen. Wie man drauf sein konnte. Gut drauf. Sexy drauf. Lachflash. Angstflash. Verfolger. Hakan bildete sich ein, zeitversetzt um einen Sekundenbruchteil Schritte hinter sich zu hören. Zuerst dachte er, das könnte eine Art Echo seiner Schritte sein. Er blieb stehen und lauschte: Nichts. Klar. Was denn auch? Er erinnerte sich auch an andere Geschichten: Haftentlassene. Freigänger die zulange im Knast waren um zwischen Frauen und Jungs unterscheiden zu können. Gewalttäter, denen ein androgyner Gruftie mit südländischem Blut gerade recht käme: Bück dich mal nach der Seife, Hübscher!
    „Fuck, ich hätte seine Mutter fragen sollen ob sich mich heimbringt. Das ist abgefuckt hier!“
    Er bog von dem Seitenweg ab auf die Landstrasse, die die beiden Gemeinden verband. Die Landstrasse führte über flache Hügel und durch zwei Wäldchen. Hakan schauderte: Die Wäldchen waren schon tagsüber gruselig. Es gab dort alte Bunkeranlagen aus dem zweiten Weltkrieg, wo man ganz nett kiffen und eine Stehnummer schieben konnte.
    Hakan ballte die Fäuste in den Manteltaschen und schritt kräftig aus. Blöd war nur, dass die Schritte, die er hinter sich zu hören glaubte, ebenfalls schneller wurden. Hakan kriegte Angst. Es war lächerlich. Er war schon so oft zu Fuß von der Probe heimgegangen. Hehe, ja, das war tagsüber oder im Sommer. Meistens mit dem Moped… „Scheiße, Mama wird mich fragen wo das Moped ist. Dann wird sie sagen: Lass mal deinen Atem riechen…“ Hakan sah echtes Ungemach auf sich zukommen. Lautes Klagen. Ohrfeigen. Hausarrest. „Fuck!“
    Er nestelte sich eine Zigarette aus der Schachtel und sah, dass seine Hände zitterten. Er zündete sie an und schnippte das Streichholz weg. Er sah der gedrillten Rauchspur nach und hätte er das nicht getan, wäre vielleicht alles anders gekommen. Er hätte vielleicht weiter an Gott und die Welt glauben können. Er hätte im Koran lesen können ohne Schreikrämpfe zu kriegen. Und Gott wäre nicht zu einer abstrakten Idee verkommen. Doch vor allen Erkenntnissen lag ein weggeschnipptes Streichholz. Es flog etwa drei Meter weit von der Strasse runter in den Strassengraben. Dort leuchtete etwas weiß. Dort lag was. Hakan wollte weitergehen und tat es auch fast. Aber er dachte: „Da liegt vielleicht ein Stück Papier. Steht vielleicht was drauf. Irgendwas… Brauchbares. Er holte seine Hände aus den Manteltaschen und rutschte in den Strassengraben. Da lag das weiße Ding. Ja, es war ein zusammengefalteter Zettel. Sein Herz klopfte, seine Hände schwitzten und zitterten und er hörte sich selbst winseln. Er wusste nicht wieso, aber es schien ihm plötzlich eine absolut beschissene Idee zu sein, den Zettel aufzuheben. Er zischte: „Scheiß drauf!“ und wollte den Abhang wieder hochklettern. Da machte er eine schnelle Bewegung und schnappte sich den Zettel. Er steckte sich das Papier in die Manteltasche und schnaufte: „Den schau ich mir erst zu Hause an. Aber echt.“
    Er rauchte und drehte sich im Kreis. Niemand. Was hast du denn gedacht? Hä? Da ist niemand. Oder doch? Drauf geschissen. Er holte das zusammengefaltete Blatt aus der Manteltasche und sah es an. Seine Hände zitterten immer noch. Er drehte es in der Hand und ging weiter. Inzwischen erreichte er die erste Hügelkuppe. Auf dem halben Weg in die flache von Nebel gefüllte Talsenke kam man in ein Wäldchen, das den Bauern als natürlicher Windschutzgürtel zwischen vier großen Feldern diente. Das lang gestreckte Wäldchen war etwa zweihundert Meter breit und erstreckte sich über eine Länge von fast fünf Kilometer. Das Wäldchen war durch eine Art Graben längsseitig getrennt. Und in diesem Graben voller verrotteten Gehölzes waren die Überreste der Bunkeranlagen. Die Jäger erzählten, dass man dort wildernde Füchse schießen konnte. Und das dort manchmal Wölfe heulten. Jägergeschichten nach dem fünften Glühwein…
    Als Hakan im Gehen den Zettel auffaltete, spürte er einen kalten Windstoß. Er blieb stehen und hielt den Atem an. Die Angst war jetzt wie ein eigenständiges Lebewesen in ihm. Die Angst flatterte panisch in seinem Herzen. Und als er spürte, wie sich eine unsichtbare Hand in sein Haar krallte und daran riss, kreischte er auf. Seine Stimme hallte sich überschlagend über die Felder und wurde vom Wäldchen dumpf zurückgeschleudert. Er sank erschöpft auf die Knie und sah sich hysterisch blinzelnd um. Schweiß tropfte ihm in die Augen und rann an den Backen runter. „Scheiße scheiße scheiße…“ Er keuchte und stand auf. Niemand. Da ist niemand. Bleib cool. Da ist absolut niemand. Nur du und Mister Hasch. Dann faltete er den Zettel ein letztes Mal auf und sah die Handschrift. Der Zettel war mit Bleistift beschrieben. Die Schrift war verwischt aber gut zu lesen. Hakan ging weiter. Er las:

    Immer schon. Alle fünfzig Jahre macht es Wellen. Der Boden kräuselt sich.
    Vor fünfzig Jahren verschwand Roman Schmidtmann im Wald. Und kreischende Soldaten wurden aus dem Wald gebracht. Sie hatten weiße Haare und bluteten aus dem After.
    Vor hundert Jahren verschwand eine Schulklasse im Wald. Ihre Leichen wurden nie gefunden.
    Vor hundertfünfzig Jahren stürzte die Kirche ein.
    Vor zweihundert Jahren explodierte im Oktober das Licht und die Tochter des Bürgermeisters wurde auf einem Feld gefunden.Wahnsinnig und mit Erde im Mund.
    Es war immer schon so.

    Immer schon.
    Jetzt wieder.
    Hakan, opfere Dich!!!

    Hakan hechelte panisch. Er fühlte sich durch und durch verschwitzt, nass, klebrig und verängstigt. Die Stille außerhalb seines Leibes wurde urplötzlich von einem hölzernen Klappern unterbrochen. Es klang wie wenn ein Lastwagen über eine Holzbrücke rollte. Das Mondlicht schnitt Lichtstreifen in die Nebelfelder. Jalousien in die Ewigkeit.

    Hakan knüllte das Blatt zusammen und Tränen glänzten auf seinen Wangen: „Was? Was soll ich? Hey Jungs. Ok. Ich hab echt ne Scheißangst, ja? Lasst das jetzt. Kommt raus.“
    Und für den Bruchteil einer Sekunde hoffte er so stark auf einen Scherz seiner Kumpels, dass er sogar schon ihr Lachen hörte. Er sah sie fast schon die Böschung hochpurzeln wie kichernde dumme Kobolde, die ihrem Bandleader einen Halloween Streich spielen wollten.
    Aber das, was er hörte was kein Lachen. Auch kein Kichern. Es war das Geräusch einer zu Tode erschreckten Realität. Es war ein trockenes Gurgeln. Ein nasses Reißen. Hakan wischte sich die Augen trocken und sah sehnsüchtig die Landstrasse entlang. Er wusste, dass es keine Sicherheit mehr gab. Keine Geborgenheit. Und keine Wahrheit. Er wusste es weil er sah, wie sich das abgeerntete Feld vor dem ersten Wäldchen zu kräuseln begann wie unter großer Hitze. Es schlug Wellen, brach auf und brandete staubtrocken an die Böschung. Als er sah, was sich im Erdreich bewegte, entkam ihm ein heiseres Wimmern. Und er pisste sich in die Hose.
    Leichen. Tausende von verfaulten Leichen. Knochen. Ganze Gerippe. Aufgedunsene Leiber. Die Münder offen zu ewigen Schreien. Die Augen offen und voller Gier auf das neue Fleisch.
    „Opfere dich.“
    Hakan wirbelte herum. Was er da sah, trieb ihn an den Rand des Wahnsinns. Eine durchscheinende Gestalt in der die Schwärze des Universums gefangen war. Etwa drei Meter hoch, wabernd, zuckend.
    „Opfere dich.“
    „Aber wieso? Wieso? Wieso ich?“, wimmerte er. Er konnte vor Angst fast nicht mehr sprechen.
    Die Gestalt flimmerte und ein durchscheinender schwarzer Finger deutete auf Hakans Brust: „Weil du da bist. Opferst du dich nicht, holen sie sich alles, was du liebst. Opfere dich, Junge. Opfere dich.“
    Vor sich hörte er das Summen des Raumes zwischen den Sternen und hinter sich das Gurgeln und Schnattern der Leichenfelder. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie ihre Hände und Arme nach ihm ausstreckten.
    „Wie? Wie kann ich denn… wie kann ich mich opfern?“
    „Das... Das ist die Entscheidung der großen Grauen. Geh über das Feld der Toten. Geh in den Wald dort. Und warte.“
    „Was liebe ich denn schon?" fragte Hakan mit aufkeimender Hoffnung, "Was kannst du mir nehmen? Was?“
    Das sternenklare Grauen schnitt sich klar umrissen aus dem dichten Nebel: „Alles. Sie könnten deine Mutter in die Tiefe ziehen. Sie könnten dein Talent zerquetschen. Die physikalischen Grundlagen dieser Welt auflösen. Sie waren zuerst da. Sie waren schon immer da, bis sie durch einen Vertrag zwischen dem alten Geist und Shub Niggurath gebannt wurden.
    „Wer?“
    „Du singst von ihnen. Die alten Götter. Die Väter des Necronomicon.“ Die Stimme machte ein Kichern nach: „Du kriegst regelmäßig einen Steifen, Junge, wenn du von den Dämonen und dem Unaussprechlichen singst und dich auf der Bühne windest wie eine läufige Hündin. Jetzt wollen sie sich mal an dir erregen. Opferst du dich nicht, opferst du die Welt. Wähle.“ Mit diesen Worten verschwanden die grauenhafte Kälte und die Gestalt, die sich in diese Kälte gehüllt hatte und der Nebel schloss sich. Hakan sah hinaus auf das nächtliche Feld. Es wogte sachte. Weinen war zu hören. Gekreische. Heiseres Heulen. Hakan legte seine Gitarre ab. Sie war in der Ledertasche verpackt. Er erinnerte sich plötzlich, wo er sie gekauft hatte. Wo man in ihr Joints verstecken konnte. Er legte die Gitarre auf die Strasse und ging zur Böschung. Er rutschte runter und versank bis zu den Hüften in einem ekelerregenden Gewühl von Armen und Leibern, Blicken und geifernden Mündern. Sie tasteten an ihm hoch, griffen nach ihm, zogen ihm den Mantel aus. Hakan begann leise zu schreien. Er hatte keine Kraft, laut zu schreien. Es klang wie eine undichte Gasleitung. Nur viel verzweifelter. Hakan umfasste sich selbst. Er schlug verfaulte Arme und Hände weg, Finger, die sich ihm in den Mund schieben wollten, Hände die ihn ausgreifen wollten, ihm die Kleidung vom Leib reißen wollten. Er stakte wie ein Storch über die Leichenfelder und weinte.
    „Opfere dich.“, sangen die Münder voll nasser Erde. „Opfere dich.“, skandierten die herbstlichen Stimmen: „Opfere dich.“
    Manchmal versank Hakan bis zum Kinn in den Leichen. Sie verflüssigten sich und nahmen wieder Form an. Er konnte Gesichter unterscheiden: Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche. Weinende Gesichter, schreiende Gesichter, wahnsinnige Gesichter. Und dann, viel später in dieser Nacht, erreichte er den Waldrand. Er krabbelte über einen bemoosten Stein nach oben und zog sich an ein paar Ästen hoch. Er fühlte sich leer und kalt. Ihm war kalt. Hakan drehte sich um. Da war nur ein Feld. Ein abgeerntetes Feld. Staubtrocken und langweilig im wabernden Nebel, der im Mondlicht weißlich schimmerte.
    „Ha.“
    Ein einsamer Laut. Der Beginn eines Lachens.
    „Scheißjoint, oder?“
    „Da war nix, da war nix da war nix, da war gar nix.“ Hakan kicherte und rieb sich die Augen. Nichts war da. Herbstnacht. Langeweile. Die Hälfte des Heimwegs. Der Mond und die Felder und der Nebel, der Nebel. Er sah die Strecke zurück, die er quer über das Feld genommen hatte und sah ein schwarzes Bündel. Sein Mantel. „Na also…“ dachte er immer mehr beruhigt, „Na also.“
    Aber er wollte nicht über das Feld zurückgehen, nie und nimmer. Nein danke. Er wollte am Waldrand zurück auf die Straße und dort zurück bis auf die Höhe wo der Mantel war und dann die zwanzig oder dreißig Meter raus aufs Feld. Eine Blitzaktion. Hakan ging los. Dann hörte er das Geraschel im Wald. Das Blätterrascheln. Dann diesen furchtbaren, saugenden Klang, ein Schlürfen und sabbern… Drei Wurzeln lösten sich mit einem Schmatzen aus dem Erdreich und umschlangen Hakans Beine. Er spürte, wie sich die scharfen Kanten durch das Leder seiner Hose schnitten und sich ins Fleisch gruben. Die Berührung war ebenso obszön wie schmerzhaft. Er spürte, wie er sich einmachte vor Schmerz und Angst. Hakan fiel mit einem Aufschrei um und wurde von den Wurzeln blitzartig zwischen den Bäumen hindurch in den Wald gezerrt. Er schürfte sich die Schultern auf, zerkratzte sich das Gesicht. Als er zwischen zwei Bäumen durchgezerrt wurde spürte er, wie sein linkes Bein beim Knie brach. Aber da konnte er schon längst nicht mehr schreien.
    Später. Irgendwann im ersten Schimmer des Morgens kam Hakan zu sich. Er war gefesselt und Äste und Lianen waren um ihn gewickelt. Schwarze, feuchtschimmernde Äste bewegten sich vor ihm hin und her, manchmal drückten sich winzige Gesichter durch das feuchte Holz. Hasserfüllte Gesichter mit großen Mäulern und nadelspitzen Zähnen.
    „Opferst du dich?“
    „Hab ich das nicht schon?“
    „Nein. Das war nur ein Spiel um zu sehen was du aushältst. Nun?“
    „Ja.“
    „Ja was?“
    „Ja… ich opfere mich.“
    Irgendwo tief in sich spürte Hakan ein Gefühl umfassenden Verlustes. Trauer. Er hatte nichts mehr in sich, das sich logisch mit der Situation befassen könnte. Nur noch Angst und Bedauern. Das, was er nun verlor, schien so weit weg, er konnte sich kaum erinnern. Gitarre spielen, Mädchen im Publikum aufgeilen, guten Rock bringen. Mutter lächeln sehen, Teigtascherln essen. Die Sonne im Gesicht spüren, vor Glück weinen; auch das gab es. Jung sein...
    Die Äste rissen ihn hoch und unter ihm spaltete sich der Boden. Die Äste hoben ihn höher und höher. Dann schleuderten sie ihn mit grauenhafter Wucht in den Spalt und Hakan stürzte direkt bis in die Hölle der alten Götter.

    Der Sturz dauerte ewig. Keine Anhaltspunkte, keine Orientierung. Zuerst stürzte er noch, dann fand er sich in einer grausigen Höhle, deren Wände lebten. Fleischwände in deren Falten kolibrigroße Insekten nisteten. Er sah die alten Götter. Er sah die Unbeschreiblichen. Und er sah, wie einer der Unbeschreiblichen seine protoplasmatischen durchsichtigen Tentakel ausrollte und kreischte, als er ihm die Hoden abquetschte, seinen Schmerz schlürfte. Ein anderer, durchsichtiger Tentakel des Uralten zuckte vor, pflückte ihm die Seele aus dem Leib wie eine Frucht und stopfte sie sich in das insektenumwuselte Maul.
    Zurück blieb ein Sack voll Knochen und Fleisch, der nur noch stille, brütende und unerfüllte Echos der Hoffnung kannte.

    Drei Polizisten fanden Hakan am Nachmittag des nächsten Tages im Graben des langen Wäldchens. Ein Autofahrer hatte Hakans Gitarrenkoffer am Straßenrand gesehen und war stehengeblieben. Dann hatte er den Ledermantel auf dem Feld entdeckt, die Brieftasche rausgenommen und als er den Jungen auf dem Foto erkannte, die Polizei und die Feuerwehr angerufen.
    Hakan lag nackt im feuchten Laub. Seine Haare waren schneeweiß, seine Augen blutunterlaufen. Bis auf das gebrochenes Bein und die dunkelroten Quetschungen am Hodensack schien er unverletzt. Er lag da, zusammengerollt wie ein Fötus, umklammerte seine Beine und schrie. Doch sein Schreien war nicht laut, weil sein Mund voller Blut war. Und uralter Erde. Ungefähr drei Meter von Hakans linker Seite fand einer der älteren Feuerwehrmänner, die dazugekommen waren, einen zusammengefalteten Zettel. Er faltete ihn auf, in der Hoffnung darauf, einen Hinweis zu finden, was mit dem jungen Gitarristen passiert sei. Kurz war es völlig still. Dann veränderte sich das Licht und ein metallisch-hölzernes Klappern höllerte über die Flur, brandete an das Wäldchen und füllte die Münder der Feuerwehrmänner mit bitterem Kupfergeschmack. Der älteste Feuerwehrmann hob den Kopf und sah zwischen dem Geäst durch hinaus aufs herbstliche Feld. Es wogte. Grau. Und irgendwie lebendig. Er blinzelte zweimal. Und da war es nur ein fades, abgeerntetes Feld.

  • Robert fand, dass es zu den wenigen üblen Dingen des Lebens gehörte, in einer dreckigen Seitengasse zu stehen und gleichzeitig pissen und kotzen zu müssen. Er stützte sich mit einer Hand an der Ziegelmauer ab, rechts hinten hörte er das Fiepen empörter Ratten und links den Verkehr der Hauptstrasse. Er würgte ein paar baumelnde Kotzefäden raus und pritschelte seine Initialen an die Wand.
    „Damit das mal klar ist; bin ein richtig versoffenes Arschloch.“, kicherte Robert und packte ein. Er wischte sich mit dem Ärmel die Kotzefäden vom Kinn und hob den Kopf um in den schwer bedeckten Himmel zu sehen. Rostfarben. Leben in der Stahlstadt. Wie soll man da keinen Durst kriegen?
    Robert machte eine gezierte und ziemlich wackelige Verbeugung Richtung Seitengasse und dankte still für die Gnade, sie gefunden zu haben. Es gab nicht mehr all zu viele Seitengassen in dieser Stadt. Gassen, in denen man gepflegt pissen, kotzen und bei Bedarf auch ficken konnte. Die Stadt war sehr rein geworden in den letzten drei Jahren. Der Wohlstand stieg und die Leute sahen zufriedener und gleicher aus.
    Robert rieb sich mit der Hand über seine Stoppelglatze und überlegte, ob er nun wieder Platz für ein Bier hatte. Und wenn ja, wo er es denn trinken könnte. Robert war achtzehn Jahre alt und bereits ein versierter Alkoholiker. Sein Gesicht war noch leidlich hübsch, aber auch schon sehr gezeichnet von langen Nächten, in denen er die Bierhexe jagte. Ringe unter den Augen, graue Gesichtsfarbe… er war regelrecht dürr und musste zur Kenntnis nehmen, dass man nicht vom Bier alleine leben konnte.
    Der Abend hatte mit dem Feierabendbier begonnen; der laue Wind hatte ihn von den Außenbezirken hierher ins Zentrum getrieben. Die Außenbezirke waren fast reine Industrieviertel mit breiten Strassen und dunklen Weinstuben. Die armen Leute wohnten in den Industriegebieten, Leute wie Robert und seine Freunde… Robert hatte keine Freunde. Kollegen mit denen man hin und wieder –eigentlich immer- ein paar Bier pfeift um dann voller Selbstmitleid ins Bett zu fallen.
    Aber hey: Heute war Freitag; es war kurz nach Mitternacht, es war Oktober und der Herbst war eine gute Zeit für fickrige Biertrinker.
    Robert hielt nicht viel von der Innenstadt und ihren schicken In-Lokalen. Die aufgedonnerten Tussis und die schnieken Jungs in Designeranzügen. Er mochte die Leute nicht und in ehrlichen Sekunden gab er zu, dass er sie nicht mochte, weil er nicht zu ihnen gehörte. Sie waren anders. Sie funktionierten anders. Sie waren besser. Aber das wollte er sich nun doch nicht eingestehen. Und überhaupt: Was heißt hier besser? Wer legt denn fest, was oder wer besser ist als alles andere? Was soll die Scheiße? Robert beschloss, in den In-Club La Toleranza zu gehen und dort sein Gute Nacht Bier zu trinken. Er wollte sich trotzig an die Bar stellen und seinen Platz behaupten. Kurz überlegte er, ob es nicht stressfreier wäre, wenn er sich ein Taxi nehmen würde, zurück ins Industriegebiet, zurück zu irgendeiner Imbissbude mit Dosenbier und den Abend beendet. Aber sein besoffener Stolz siegte.
    „Lass mich doch nicht von denen verarschen, lass ich mich doch nicht. Saubande.“
    Roberts Gesicht drückte eine Mischung aus Trotz und Hochmut aus, als er vor dem Security Typen des Clubs stand. Der Kerl war groß wie ein Einbaukasten und mindestens ebenso breit. Aber er grinste nur, legte Robert die Pranke auf die Schulter und sagte: „Sie werden Spaß haben.“
    Robert fühlte für eine halbe Sekunde so was wie Unbehagen, als ob das „Sie“ nicht ihm galt sondern irgendjemand anderem. Dann spülte ihn eine Welle von wummernden Bass Grooves runter in den ersten Vorraum. Und im Vorraum hätte ihm schon klar werden müssen, dass er die rostfreie Version der Hölle betreten hatte. Von hier aus hätte er noch Reißaus nehmen können. Aber Robert war auf das nächste Bier fixiert, fühlte sich nach der Seitengassenkotzerei wieder fit und auch irgendwie attraktiv. Auf verwegene und irgendwie anzügliche Art und Weise. Ein verdorbener Gassenjunge als Schönheitsfleck im Edelclubbing? Wer weiß.
    Ein etwa 14 jähriges, atemberaubend schönes Mädchen rauschte mit Grandezza an ihm vorbei und murmelte, gerade für ihn hörbar: „Kaputt machen. Ist nicht perfekt, ist kaputt!“
    Sie ging in den großen Raum rüber. Robert sah ihr nach: Rechts war eine lange Edelstahlbar an der Menschenmassen wogten, rechts an der Wand waren Tische und Barhocker festgeschraubt. Ein paar Jungs mit Mädchen im Arm flanierten aus dem großen Clubraum über den Vorraum zum kleinen Clubraum rüber und hin und her… Sie trifteten an ihm vorbei und immer wieder so seltsames Gemurmel: „Wieder einer zum hinmachen. Wird gut bluten… müssen Scheiße zertreten bevor sie wächst…“
    Robert wurde mulmig zumute. Er wusste zwar nicht genau wieso. Aber es war so. Sein inneres Warnsystem sprang an und blinkte: Rotalarm.
    Sein Problem war der Durst. Manno! Und was fürn Durst! Er wühlte sich durch die schicken Menschenmassen bis zur Bar durch und lehnte sich auf die Edelstahlfläche. „Modern,“ dachte er, „Abflüsse in der Bar. Cool.“ Er hob die Hand und orderte sich ein Bier. Während er das Bier entgegennahm und den horrenden Preis zahlte, spürte er wie sich eine Hand zwischen seine Schenkel schob und ihm von hinten die Eier massierte. Instinktiv zwickte er die Schenkel zusammen und fuhr herum. Ein blondes Mädchen mit honigfarbener Haut stand da wie eine Rauschvision und griff ihn sagenhaft zärtlich aus. Sie lächelte und alles an ihr war perfekt. Robert spürte, wie sein Schwanz in ihrer Hand hart wurde und ungeduldig von innen gegen die Jeans klopfte. Sie kicherte und sagte komisch abgehackt: „Wird schönes kaputtmachen. Musst viel schreien, ja?“ Sie hob die Hand um sich die Haare aus der Stirn zu wischen. Dabei sah er den Strichcode auf ihrem Handgelenk. Silbrig und wie eintätowiert.
    Die Kleine kam aus der „Farm“. Er erinnerte sich dunkel an Zeitungsberichte über die „Farm“. Ein deutscher Politiker von sehr rechter politischer Gesinnung hatte seine Finger bei der Finanzierung einer Schönheitsfarm im Spiel. Das war vor vier Jahren. Menschen, die einem bestimmten Wertekatalog entsprachen, konnten dort gratis plastische Schönheitsoperationen vornehmen lassen. Kleine Korrekturen, größere Eingriffe, alles gratis. Zur gleichen Zeit wurden Gerüchte laut, dass in Labors des Mutterunternehmens der „Farm“ Gentechniker an selektiven Viren arbeiteten. Offiziell hieß es, wollte man diese Viren einsetzen um bösartige Metastasen zu bekämpfen. Andere befürchteten, dass ebendiese gezüchteten und selektiven Viren auch gegen Menschen mit bestimmten Charaktereigenschaften verwendet werden könnten, da der Charakter eines Menschen in Wirklichkeit auch nichts anderes war als eine komplexe Abfolge von Stoffwechselinformationen. Anderer wiederum behaupteten, dass man nur Menschen auf die Farm ließ, die bestimmte Körper- und Charaktereigenschaften hatten. Nationale Gesinnung, patriotisch, kritiklos, konsumorientiert…
    „Alles Kacke…“ dachte Robert und nippte an seinem Bier.
    Und alle die in der Farm waren, hatten diese silbrigen Codestreifen am Handgelenk, so was wie Hennatatoos der Zukunft. Kicher. Voll eingefahren, die Schönheitsfetischisten. Kurzzeitig fühlte er sich ihnen allen überlegen, diesen gefakten Schönheiten. Diesen Lackaffen. Vollidioten und Stiesel. Das dachte er noch zuende. Dann spürte er den heftigen Schlag gegen sein Genick, sein Kopf zuckte vor und er schlug sich an der Bierflasche mindestens zwei Zähne aus. Er stürzte. Hände fingen ihn auf. Hände zogen ihn aus. Und als sie ihn weiterreichten, über den Boden schleiften und nach ihm traten, fing er vor Angst zu weinen an. Halb ohnmächtig und völlig verwirrt spürte er wie er auf die Tanzfläche gezerrt und an einem Stahlrahmen gefesselt wurde, er sackte in den Knien durch und die metallenen Handschellen renkten seine Gelenke aus. Da wollte Robert schreien. Er krächzte und sah durch einen Tränenschleier hinunter zu der wogenden Masse an perfekten, hübschen Teenager. Alle schlank, gepflegt, gut gebaut und einfach perfekt, liebreizend und so was von metrosexuell. Die Jungs sahen aus wie Fotomodelle, etwas jünger als echte Models aber doch, die Mädchen sahen aus wie aus der Bacardi Werbung. Sie murmelten irgendetwas. Das Gemurmel wurde einheitlicher und rhytmischer:
    „…machen, machen, …putmachen, putmachen, kaputtmachen, kaputtmachen…“
    Ein kleiner Junge sprang zu ihm auf die Bühne und fauchte heiser: „Wie ein Schwein sollst bluten.“
    Irgendwer aus der Menge warf dem Jungen ein Messer zu. Er fing es geschickt auf und Robert fragte völlig kraftlos und und am Ende der Hoffnung:
    „Wieso?“
    Der Junge stach zu. Das Messer versank in Lendenhöhe in Roberts Fleisch und wurde mit einem harten Ruck nach rechts oben gezogen. Das Gefühl aus sich selbst herauszufallen überwog kurz den metallisch blitzenden Schmerz von durchtrenntem Gewebe.
    Er beugte sich grinsend vor und biss Robert eine Brustwarze ab und spuckte sie aus. Er hüpfte im Bass der Musik in kleinen Bewegungen –so typisch jugendlich- auf und ab und grinste niedlich:
    „Weil du nicht perfekt bist. Deshalb.“ Sein Lächeln war blutverschmiert. Er bohrte eine Zeit lange neugierig mit dem Zeigefinger in der Brustwunde und sah Robert aufmerksam an. Als das Gesicht zuwenig Leid ausdrückt, griff er in die Bauchwunde und zerrte Roberts Eingeweide heraus.
    Blut spritzte auf die Tanzfläche, in der auch Abflüsse integriert waren. "Das bin ich, was da auf den Stahl spritzt. Das bin ich..."
    Er wurde schwächer. Ihm war kalt. Unendlich kalt. Robert war traurig.
    „Aha,“ dachte er, als es schattiger in seinem Verstand wurde, „Keine Bar. Keine Tanzfläche. Schlachtbank.“
    Andere stürmten die Bühne und tauchten ihre Gesichter in das Blut, das über die Stahlfläche zum Ausguss lief. Die Raver drängten sich an Robert, zerrten an ihm rum, vergingen sich an ihm. Sie wanden sich im Blut zu seinen Füßen und beschmierten sich damit.
    Robert starrte auf einen Punkt weit weit weg. Auf eine aus Schmerz geborenen Vision. Irgendwie tauften sie sich in seinem Blut. Das dachte er nicht. Aber er verstand es. Es tat gar nicht mehr weh, es war nur so... so, kalt.
    Und dann war er tot.[f1][ Editiert von Nathschlaeger am: 23.11.2003 15:07 ][/f]

  • Daniel stand am Fenster und hauchte Frostblumen an die Scheibe. Seine Haut war noch vom Duschen feucht und obwohl ihm fröstelte, zog er sich nicht den alten Bademantel an, der vor der Dusche auf dem Boden lag. Daniel stand nackt am Fenster und atmete langsam und bewusst. Mit seinen Fingern streichelte er die von der Kälte des Zimmers steifen Brustwarzen. Dann leckte er die Scheibe ab und grinste wie ein Kind, daß beim Naschen erwischt wurde. -Ist meine Spucke da am Fenster, das wird eine besonders schöne Blume- Daniel drehte sich um und sah gelangweilt auf das Teelicht, das sachte flackerte. Bis auf das Kerzenlicht war es dunkel in dem fast leeren Raum. Leise Klaviermusik perlte aus den Boxen -Debussys „Gärten im Regen“, wie passend.
    Daniel wusste, dass Leute Vorhänge zur Seite schoben oder zwischen den Lamellen von Jalousien durchblinzelten, wenn er sein Samstag abendliches Ritual vollzog. Anders als die meisten Jungs in seinem Alter wusste Daniel nicht nur, dass er schön war, sondern er setzte sein Wissen auch ein. Er war neunzehn Jahre alt und Balletttänzer in einem Jazzmusical. Und das war er nicht nur, weil er das Tanzen so liebte, sondern weil er es liebte, mit welch verzweifelter Gier ihn die Leute... die Männer anstarrten, wenn er auf der Bühne tanzte, wenn er verschwitzt zur Dusche ging, wenn er frisch duftend und lächelnd beim Bühnenportier vorbeihuschte und in der Dunkelheit verschwand.
    Und was er auf der Bühne nie zuende bringen konnte, setzte er hier in dieser großen, leeren und alten Wohnung fort.
    Die Spitze der Provokation, Brot für die Winterbettler, für die einsamen weißen Gesichter in der Dämmerung der Stadt.
    Die alte Wohnung umfasste ihn wie ein Lebewesen, wie ein Geschlechtsorgan, in der er ruht, Ruhe findet. Daniel schaffte es, selbst aus diesen alten, feuchten Wänden seinen Reiz zu ziehen - er streichelte seinen flachen Bauch und weiter runter, zwischen seine Schenkel.
    - Ich mach euch geil, ich werfe mich euch zum Fraß vor, eure Augen haben Zähne und eure Zähne bluten... Ich suhle mich in euren gierigen Blicken, ich salbe mich mit euren Tränen - ach Debussy, hast du das gewusst?
    Ich werde mich rausstehlen und durch die Nacht driften wie ein schwarzer Wind, ein Hauch der süchtig macht nach mehr, dass nie kommt.
    Daniel ging zum Rauchtisch - der Parkettboden knarrte unter seinen bloßen Schritten - und nahm sich eine Zigarette aus der Porzellanschale und zündete sie sich an der Flamme des Teelichts an. Dabei bückte er sich so, dass er mit dem Rücken zum Fenster stand. - Die alte Lady mit den zwei bunten Dackeln, eine verzweifelte Verehrerin... der Mann vom Taxifunk, der immer die Wochenendschicht schob und sich Bilder von minderjährige Burschen in Leder aus dem Internet zog. Daniel hatte ihn oft genug beim Wichsen beobachtet; der Trottel saß dabei immer so, dass das Licht des Monitors seinen halbnackten Körper anstrahlte. Und hin und wieder empfand Daniel so was wie irrationale Eifersucht auf die Bilder aus dem Internet.
    Ich bin aus Fleisch und Blut! Ich bin da! Ich bin wirklich da!
    Aber auch nur hinter einer Scheibe. Flach. Und inszeniert.
    Ich werde mich durch die Nacht fräsen wie ein durchdringender Schrei und meine Spur ziehen. Ich werde verletzen und geben und heilen und wehtun und mich hingeben... und ich werde für einen fremden Kerl meine Schenkel spreizen und mich ficken und vollspritzen lassen. Und wenn er gekommen ist werde ich mich umdrehen und gehen, abgehen, wie nach einem Solotanz von der Bühne. Jeder Fick mit mir ist wie eine perfekte Performance, mein Tanz, mein Rhythmus. Und der Mann wird mir nachsehen und sein Blick wird wehmütig sein, weil er weiß, dass er mich nicht halten kann, weil er weiß, dass mich nichts halten kann und am allerwenigsten ich selbst...
    Daniel klaubte seine Lederhose vom Boden und schlüpfte mit gezierten Bewegungen rein. Sie passte sich wie ein zweite Haut an, die im matten Licht der Kerze ein eigenes Leben führte; natürlich war er sich der Wirkung von Leder bewusst, dass im Zwielicht schimmerte... wie viele Zungen haben sie so glatt gemacht, dass die Blicke regelrecht darauf ausrutschen?
    Und wenn ihr noch keine Bettler seid, weil ihr es nicht wahrhaben wollt oder weil noch ein Quentchen Stolz in euch ist, macht nichts. Ich hol den Stolz aus euch raus wie euer Sperma, wie eure altersbedingte Keuschheit. Wo ich bin ist nur wenig Platz für Weisheit und tapfere Minen. Süßere Verderbnis als mich werdet ihr nie wieder antreffen.
    Daniel zog das Leder T-Shirt über und steckte es akkurat in die Hose. Dann angelte er den schwarzen langen Ledermantel von der Vorzimmerwand und setzte sich auf den Boden um sich die dicken, schwarzen Socken anzuziehen. Dabei achtete er immer penibel darauf, dass sein Profil von der Kerze schön ausgeleuchtet wurde.
    In der Küche sprang die Therme an und übertönte kurz die einsame Klaviermusik. Daniel empfand einen Hauch der Enttäuschung, weil die Perfektion des Moments von so etwas trivialem gestört wurde.
    -Vielleicht reiß ich mir heute einen ganz jungen Burschen auf, einen, der seine ersten, tapsigen Schritte in die Szene wagt. Dann verschlinge ich ihn mit Haut und Haaren und das was übrigbleibt, darf mich verzweifelt lieben und weinen. Nun, der Gedanke gefiel Daniel so gut, das sein Schwanz Blut kriegte.
    Normalerweise sind es die Blicke der Freier, der älteren Männer, die ihn nach Hause begleiten. Daniel geht nämlich immer allein nach Hause. Es sind diese Blicke der einsamen Männer, die ihre Chancen schon vor undenklichen Zeiten vertan haben: Die Chancen auf einen Freund, auf einen Lebensgefährten, auf bizarren Sex... die Blicke jener Männer, die die wichtigsten Momente ihres Lebens in einem Blinzeln versäumt hatten. Hier arbeitete Daniel mit fast chirurgischer Präzision. Er lockte, verführte und bot sich an. Vollmundige Versprechungen. Und dann der Bruch. Brüsk abwenden und gehen; hören, wie Sehnen quietschen und Herzen reißen; in Daniels Kopf klingt es wie das Schnalzen von reißendem Gummi; dann, wenn er sie stehen lässt und die Bühne verlässt, die seine Präsenz errichtet hatte.
    Ich bin eine Hure. Ich bin eine Lederhure voller Glanz und Versprechungen in fremden Sprachen. Ich bin feucht und glitschig. Ich bin geil.
    Ich bin fauliges Brot für die Zahnstummel der Winterbettler. Die sich hinter den Gardinen und Jalousien verstecken, in den dreckigsten Winkeln der Stadt oder den nobelsten Toiletten der Welt.
    Daniel ging zum großen Standspiegel und musterte sein Ebenbild. Blaue Augen, tief wie Bergseen, ein mädchenhaft hübsches Gesicht und kurze, pechschwarze Haare; ein paar Locken ringelten sich widerspenstig in die glatte Stirn. Dichte, schwarze Augenbrauen wie mit dem Lineal gezogen und lange gebogene Wimpern. Ein Gesicht, das angebetet wurde. Ein Blick voll wilder Unschuld und doch jugendlichem Sadismus, volle Lippen, die Zärtlichkeit versprechen und verrucht wirken können, wenn es sein soll...
    Daniel wandte sich ab und streichelte abermals seinen Körper. Diesmal über das hauteng anliegende Leder. Seine Brustwarzen waren winzige Hügelchen im schwarzen Glanz, der Gürtel war breit und knarrig... dann schlüpfte er in die Schnallenstiefel mit den hohen Gummisohlen und testete seinen Gang aus. Zweimal im Zimmer auf und ab. Noch mal zum Fenster, als Nachspeise für die Bewohner des Blocks, dann knarrten seine Schritte über den Parkett, das Leder knirschte und der Hauch seiner unfassbaren Persönlichkeit eilte voraus, die Treppen hinunter, durch den kalten Gang, raus auf minus 5 Grad; die richtige Temperatur für einen fickrigen Skorpion, dessen süßestes Gift seine matte Schwärze ist.
    Daniel trat ins Freie und schloss sachte die Haustür. Er schlug den Kragen hoch und sah auf die Uhr: Halb Eins. Bald würde der erste Nachtbus kommen. Und die Kids im ersten Nachtbus waren immer ein guter Anfang um sich auszutesten. Er schlug den Kragen des Mantels hoch und blies sich eine Strähne aus der Stirn. Und obwohl ihm eiskalt war, ging er langsam, geradezu bedächtig Richtung Busstation. Dort in der Ferne sah er ein paar Schatten um das Glimmen von Zigaretten stehen. Seine Statisten. Wie fein.
    Als ihn die Dunkelheit entgültig verschlang... oder er entgültig mit ihr verschmolz, schlossen sich Vorhänge und Jalousien klapperten, kaltes Essen wurde vom Tisch geschoben und Plastikblumen wurden abgestaubt. Die Winterbettler kehrten hungriger als zuvor zu ihren Routinen zurück und von einer der zahllosen Fensterscheiben troff Sperma; ein einsamer Mann wandte sich wieder seinem Computer zu, eine Frau weckte ihren Hund und erzählte ihm von der Kälte des Alters, ein nackter, sechzehnjähriger Junge sackte auf sein Bett und schlug die Hände vor die Augen ohne zu weinen.
    Und irgendwo, gerade in Hörnähe, kratzten gefrorene Zweige an einer Scheibe.
    Dann kam der Nachtbus.
    Und der Schlaf für die Winterbettler, für die Leute, die im Schlaf Sättigung erfuhren.

  • Daniel kam um fünf Uhr morgens nach Hause. Er stieg aus dem überfüllten Nachtbus, steckte die paar sehnsüchtigen Blicke einiger Mädchen und Jungs weg wie nichts und rauschte wie eine Fledermaus, lange vor dem Morgengrauen über die leere Strasse. Es war stockdunkel und über Nacht war die Kälte noch griffiger geworden.
    War ein kurzer Ausflug, was? Hast Dich ein wenig in den Blicken der Jungs verheddert und dann den Boden unter den Füßen verloren? Ja. Die Mischung machts: Ein halbes Extasy, zwei Line Koks, fünf Cola Barcardi und nichts ist mehr so wie es mal war.
    Das Ritual zu Hause, ja, das Ritual. Hat doch alles so gut angefangen. Hast Dich selbst neu definiert, machst Du doch immer so. Nackt ausziehen. Duschen und einölen. Teelicht im Wohnzimmer und Debussy rieselt aus den Boxen. Dein Leib leuchtet wie eine Fata Morgana durch die Gardinen, Brot für die Bettler und einsamen Wichser. Dann anziehen. Die enge Lederhose, das Ledershirt, den Matrix Revolutions Mantel, die Schnürstiefel. Du kennst Deine Gäste und Du kennst ihre Blicke. Aber diesmal kam es anders, was?
    Daniel ging langsamer und beschloss, wenigstens die Kälte zu genießen. Das Leder wärmte ihn nicht mehr. Die Kälte war umfassend. Die Kälte drang in ihn ein. Die Kälte war wie ein Finger in seinem Arsch.
    Er blieb verblüfft stehen und fragte sich zum ersten Mal in seinem Leben, ob diese Art von Stimmung anhalten könnte. Länger als ein Moment Weltschmerz, länger als gerade eben. Könnte dieses Gefühl von Trauer ein Begleiter werden? Jemand, den man nie wollte und doch nie mehr los wird? Um ihn herum war es totenstill. Der Nachtbus war an ihm vorbeigerauscht und brachte die anderen Russpartikel der Nacht nach Hause. In ihre Betten, zum letzten Drink vor dem Nachhausegehen, zu einem verzweifelten Fick auf dem Bahnhofsklo bei der Endstation.
    Die ganze Nacht hatte sich Daniel durch und durch geil gefühlt. Und oh ja: Da waren Blicke. Direkt und über Bande. Sie waren da und schickten ihre protoplasmatischen Finger nach ihm aus, tasteten sich zwischen seinen schwarz umspannten Schenkel vor bis zu seinen Eiern, Blicke zogen ihn aus, Blicke bemaßen seinen Schritt, Blicke hungerten und wollten ihn. Das Problem an diesem Abend war, dass Daniel selbst auch wollte. Er wollte befingert, angerührt, an den Haaren gerissen und gestopft werden. Und je mehr Koks er in sich reinschaufelte, desto deutlicher wurde sein Begehren, genommen zu werden. Er fühlte sich anfangs wie ein schwarzer Schwan unter zerzausten Entchen. Später fühlte er sich müde und zum Schluss wie eine räudige Hündin. Er hatte sich einen Jungen ausgesucht und wollte ihm eine echte Chance auf Zärtlichkeit einräumen. Ok, diesmal kein böses Spiel mit fremden Träumen. Ein bisschen verstrahltes rumknutschen auf dem Klo, ein paar Griffe in die Dunkelheit, knarren von Leder, Silberring schimmert irritierend.
    Und plötzlich war er weg, der Junge. Ohne ein Wort. Nur mit diesem Blick: Halt die Füße still Kumpel, ich bin ne Nummer zu heiß für Dich. Und Daniel dachte nach, ob seine Perfektion in Sachen Standing&Modeling nicht zu Lasten seiner körperlichen Leidenschaft errichtet war. War es denn so? Die ganze Energie da rein gesteckt und wenn es nun zur Sache ging, ein halbwarmer Versager? Von wegen Plutonium hinter den Augen, von wegen Strontium in den Eiern, Kumpel! Du siehst lecker aus. So wie die Davids Statue. Und ehrlich, der Statue würde ich auch keinen blasen.
    Daniel seufzte und ging langsam weiter. Die Schritte, die Schritte. Die Stiefel knarrten wie immer. Es hallte von den Wänden, die Strasse lag windstill da und rührte sich nicht. Sie hörte ihm zu. Beim gehen und denken.
    Daniel hatte die ganze Disco nach dem Jungen durchsucht; Treppauf, treppab, hin und her. Kein cooles Gesicht mehr, der Kerl war zu schön und es war eine zu fiese Aktion, ihn da einfach mit pochenden Eiern stehen zu lassen, nur weil er nicht mehr wusste wie…
    „Was wusste ich denn nicht? Ich hab doch alles richtig gemacht. Ich hab ihm erlaubt mich anzugreifen…“
    „Drauf geschissen, du Penner. Er wollte von Dir erobert werden. Du hättest Dich um ihn bemühen sollen und nicht wie ein durchgeknalltes Model auf dem Waschtisch vor dem Spiegel am Herrenklo sitzen und dich so endlos passiv ausgreifen lassen. Du hättest etwas tun sollen. Kannst Du Dich denn nicht mehr erinnern wie das geht? Zärtlich sein? Küssen? Am Hals knabbern und lieb lächeln, wenn’s ihm kommt?“
    Daniel blieb noch mal stehen und spürte einen Kloß im Hals.
    „Ich habs gewusst. Ich habs doch mal gewusst.“
    Die Straße schwieg. Daniel hustete und spuckte aus. Er ging langsam weiter und bog in seine Gasse ein.
    Was für ein Januar. Was für eine erstaunlich klare Kälte! Daniel sperrte das schwere Tor auf und trat in den dunkeln Flur. Hier herinnen war es genauso kalt wie draußen. Nur die Finsternis war umfassender. Die durchdringende Kälte versteifte seine Brustwarzen. Und die Brustwarzen rieben innen am engen Ledershirt. Daniel stellte verblüfft fest, dass er alles überdeutlich hörte: Sein Atmen, das Knirschen seiner Lederkleidung, das Pochen des Blutes in seinen Ohren, das Geräusch, das seine Daumen verursachten, als sie über die Hügelchen rieben, die die Brustwarzen durch das Leder drückten.
    Daniel wurde grausam geil. Er wimmerte und riss sich zusammen. Er ging weiter, rechts hinauf über die weit geschwungene Treppe in den ersten Stock. Gleich zu Hause, bin gleich da, fast da… Mit einer Hand kramte er den Schlüssel aus der Manteltasche, mit der anderen Hand griff er sich schmerzhaft brutal aus. Er sperrte die Wohnung auf und schloss die Tür hinter sich. Daniel hängte den Mantel auf und zog sich die Schnallenstiefel aus. In der Küche blieb er ein paar Minuten bewegungslos stehen und lauschte. Der einsame Sound der Therme. Wusch, wenn sie ansprang. Zuerst: zk zk zk, dann Wusch. Daniel zerrte das Ledershirt aus der Hose und verrenkte sich, während er es auszog. Er ließ es achtlos zu Boden fallen und schnappte sich zwei Teelichter vom Küchenboard.
    „Seht mich an.“, dachte er wütend und verzweifelt, „Schaut mir zu, Bettler!“
    Er stellte die Teelichter im Wohnzimmer auf den Tisch, zündete sie an und wiegte sich lasziv zu einer unhörbaren Musik. Die Musik war das Rauschen seines Blutes, der Takt war sein Puls. Er öffnete den Gürtel, zog ihn aus den Schlaufen und wickelte ihn sich um den Hals. Geübt, professionell und sehr lasziv. Er knöpfte die Lederhose auf und zog sie langsam runter; ein paar Augenblicke später stand er nackt und zitternd vor Kälte und frustrierter Lust im Wohnzimmer und streichelte sich. Die selbstsicheren, selbstverliebten Berührungen hatten sich im Lauf dieser Nacht verwandelt. Daniel spürte, während er sich streichelte und wütend in Lust versetzen wollte, dass die laszive Schönheit seiner Selbstsicherheit erheblichen Schaden genommen hatte.
    „Seht mir zu.“, flüsterte er zum Wohnzimmerfenster, „Seht mir bitte zu.“, wimmerte er der Gasse zu. Er nahm seine linke Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger, drehte dran, zupfte dran. Er griff zwischen seine Beine und fummelte lustlos an sich rum: „Seht mich an.“
    Es stellte sich nicht die geringste sexuelle Erregung ein. Nicht einmal ein Echo jener Glorie, als er sich aufs Weggehen vorbereitet hatte. Die Wände seiner Wohnung atmeten ihn abwartend und lauernd an: „Na? Wer ist jetzt ein Winterbettler?“
    "Ich bin kein Bettler," flüsterte er und seine Augen schimmerten feucht. "Ich bin kein..."
    Daniel umfasste sich und setzte sich auf die Kante der Couch. Er wiegte sich. Vor und zurück. Vor und zurück. Die Teelichter flackerten in seinem Atem. Er starrte abwechselnd auf die Teelichter und raus zum Fenster. Dorthin, wo die Dunkelheit dem Katzengrau des Wintermorgens wich.
    Und er konnte nicht aufhören zu betteln bis ihn die Müdigkeit übermannte.
    [f1][ Editiert von Nathschlaeger am: 23.11.2003 0:17 ][/f]

  • Jede Kleinstadt, jede Gemeinde auf der Welt hatte seinen Punk. Ob das nun ein Bursche mit rotgefärbten Haaren oder schwarzgefärbten Lippen war, ein Mädchen mit absichtlich zerrissenen Strümpfen und Sicherheitsnadeln in der Wange (Und aus Protest im Schambereich); es war eine unumstößliche Tatsache: Jede Kleinstadt, jede Gemeinde hatte seinen Punk, seinen Gruftie. Meistens ein Junge zwischen fünfzehn und 19 Jahren, ein wenig mehr revolutionär wie alle anderen, ein bißchen lauter, ein bißchen bunter oder schwärzer als alle anderen gekleidet. Sie waren in den seltensten Fällen dümmer als ihre Altersgenossen. Gar nicht. Nein, sogar im Gegenteil. Die kleinen Revoluzzer, die sich immer wieder gegen das Diktat der Elterngeneration erhoben, waren meisten blitzgescheite Jugendliche mit einem gewissen Hang zur lustvollen Selbstzerstörung. Diese Kids gibt es überall.
    Old Hanley, Iowa allerdings hatte mehr: Es hatte David Schmidt, den halbwüchsigen Gruftie und es hatte eine der größten Tragödien der Geschichte der Vereinigten Staaten. Eine verstörende, unheimliche Tragödie.
    Der letzte Akt der Tragödie fand am 27.02.2004 statt. Um 03:30 morgens. Wann die Tragödie angefangen hatte, konnte niemand sagen. Nicht alle großen Ereignisse werfen ihren Schatten voraus, darin waren sich die Leute einig. Nicht alle Ereignisse melden sich an. Keine Omen, nichts. Wenn es erst einmal passierte, war es zu spät, etwas zu tun, etwas zu ändern. Man konnte nur noch ohnmächtlig zusehen, wie die Ereignisse einen Landstrich überrollten und die Menschen in tiefster Trauer zurückließen. Nach dem 27.02 2004 zogen innerhalb von zwei Monaten fünfzig Familien aus Old Hanley weg. Meistens über Nacht, fluchtartig. Sie hinterließen keine Adressen, keine Kontaktmöglichkeiten. Im März waren die Straßen tot, es war unheimlich still. Es hatte bis Ende März Minusgrade. Die Menschen, die in Old Hanley blieben, fürchteten die Minusgrade seit diesem Februar. Auch die, die der Kälte nie ganz abgeneigt waren, weil es einfach angenehmer war, der Kälte zu trotzen als der Hitze, fürchteten nun die Temperaturen unter Null. Am schlimmsten war es, wenn das Thermometer auf minus vierzehn Grad viel. Das genügte für die, die geblieben waren, um in Tränen auszubrechen.

    Old Hanley lag eingebettet zwischen sanften, bewaldeten Hügeln in einem flachen, länglichen Tal. Der Ort schmiegte sich in den westlichen Wald, am Rand der Umfahrungsstrasse. Jenseits der Hauptsstrasse gab es ein paar Läden, zwei Mechaniker und ein Stück weiter oben, am Waldrand, die Pension von Johan und Judith Pendergast. Das junge Ehepaar führte die Pension seit 2002. So wie die meisten anderen Dienstleister im Ort lebten auch sie von den Feriengästen aus Cedar Falls, Winterset oder Cedar Creek. Im Winter igelten sich die Einwohner ein und verbrachten den Winter in einer Art ländlichem Tiefschlaf. Old Hanley war im Winter wenig reizvoll; kahl, grau und erfüllt mit kaltem, scharfen Wind. Im Winter 2003/2004 lernte dieser Wind zu singen. Den schrecklichsten Klagegesang aller Zeiten.


    Folgendes geschah:

    Peter Rains hatte wenige Dogmen. Er hielt nichts von Dogmen. Aber ein paar hatte er. Zum Beispiel: Wenn etwas schief gehen kann, dann im Winter. Wenn etwas wirklich schief gehen kann, dann im Winter und mitten in der Nacht. Und wenn etwas völlig aus dem Ruder läuft, dann holen ihn die Deputies in einer eisigen Februarnacht aus dem Bett. Die blauroten Lichter huschten über die Decke. Draußen hörte er das Knacken und Rauschen von mehreren Funkgeräten. Stiefel knirschten im gefrorenen Schnee vor seiner Veranda. Peter strampelte sich aus dem Bettzeug, schlüpfte in die Hausschuhe und sah den großen Mann an, der im Licht der Diele stand. Brian Knox lehnte am Türstock und zitterte. Er hatte die Hände vor den Kopf geschlagen und wimmerte wie ein Kind. Vorhin hatte Peter Rains gesehen, dass der fast zwei Meter große Kerl grau im Gesicht war. Peter zog sich die Freizeituniform an: Jeans, dicke Wollsocken, Flanellhemd, Daunenjacke, Strickhaube. Er klipste sich den Sheriffstern auf den Anorak und ging ins Bad. Er putzte sich mit dem Finger die Zähne. Dabei sah er auf die rotblinkenden Ziffern der Weckuhr: 03:35. Daneben war die Anzeige des Außenthermometers: Minus 14 Grad.
    „Was ist eigentlich los? Was soll der Auflauf in meinem Garten? Zum Teufel, Brian, wie schaust du denn aus?“
    Brian fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und keuchte wimmernd.
    „Wir müssen rauf zur Lichtung hinter Pendergasts Haus. Zum Fels mit dem Schild davor.“
    „Mark´s Chant?“
    „Ja.“
    Peter Rains dachte sofort an David Schmidt. Der Junge trieb sich mit großer Vorliebe im Wald herum. Dem Schuldirektor hatte er angeblich mal erzählt, dass es um den Felsen herum eine merkwürdige Energiekonzentration gäbe. Man könne dort wichsen, ohne die Hände zu benutzen. Hat man sowas schon mal gehört? Kids. Schwarzgekleidete Kids mit Combat Boots und Silberstecker im Gesicht. Mann, die Welt geht den Bach runter, aber echt.
    „Was ist da oben los, Brian? Hat David mal wieder Scheiße gebaut, der kleine... wie sagt man: Gruftie?“
    „Peter, David Schmidt ist tot.“
    „Was? Um Gottes Willen! David ist tot? Wo ist er? Wer hat ihn gefunden? Was...?“
    „Marsha. Marsha Penderski hat ihn... sie... die Toten gefunden, Sheriff. Sie sagte, sie konnte nicht schlafen, wegen der Geräusche, wegen dem... na, du wirst es ja wohl auch hören... Marsha ist jetzt auf dem Revier, wir haben sie in Decken gewickelt und ihr Kaffee gegeben. Lisa kümmert sich um sie. Sheriff... Peter, wir müssen da jetzt sofort rauf und das Gebiet großräumig absperren. Mindestens bis hinter Pendergasts Pension...“
    „Die Toten? Was heißt hier: Die Toten? Und was für ein Geräusch? Brian? Lass uns fahren.“
    Die eisige Luft gab Peter eine Ohrfeige. Er schlug den Kragen hoch, zog die Mütze tiefer über die Ohren und schlug die Hände zusammen. „Ich hoffe, du hast die Standheizung laufen lassen.“
    Brian nickte. Sie gingen zum Sheriffwagen, einem Jeep. Die zwei Deputies sprangen in ihre Streifenwagen und rollten aus der Einfahrt. Brian lenkte den schweren Jeep des County Sheriffs aus er Einfahrt. Peter starrte sein Spiegelbild in der Scheibe an. Tote. Es gab Tote in seinem Ort. Die gab es immer wieder, ja. Alte Leute, die beim Holzhacken zusammenbrachen, Menschen, die sich ins Bett legten und einschliefen ohne wieder aufzuwachen. Der Lauf der Dinge eben. Aber David Schmidt. Um Himmels Willen! Der Junge war grad mal siebzehn. Und auch wenn man seinem Gruftiecharme nichts abgewinnen konnte, er war ein Junge. Er war siebzehn. Und in dem Alter hatte man nicht tot zu sein.
    „Anderer Tote? Brian? Wer noch? Was ist da oben passiert?“ Brian lenkte den Wagen an den Strassenrand, bremste und brachte ihn zum stehen. Er schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte so laut, dass er fast schrie.
    „Mein Gott Brian, alter Freund, Brian... was...“ Peter drückte Brian unbeholfen die Schulter. Er hatte den Riesenkerl Brian noch nie weinen gesehen. Noch nicht mal eine Träne zerkneifen. Und jetzt das hier.
    Plötzlich erstarb Brians Schluchzen. In der momentanen Stille konnte man ein dissonantes Pfeifen hören, das wie Teufelsharfen klang. Viele Teufelsharfen.
    „Es sind fünfzehn, Peter. Fünfzehn Kinder.“

    Den Rest der etwa fünfminütigen Fahrt schwiegen sie. Peter kaute an der Wangeninnenseite, bis es blutete. Das nervige Geräusch wurde lauter. Es klang so schlimm, das einem das Blut in den Adern gefror. Sie fuhren über den Waldweg von der Ostseite die Lichtung an, etwa siebenhundert Meter weg von Pendergasts Pension.
    Irgendwo schrie ein Frau. Laut und gellend. Sie schrie den Namen ihres Sohnes: Patrick.
    „Mein Gott, mein Gott, mein Gott. Brian! Patrick ist auch...?“ Peter spürte, dass ihm echt schlecht wurde. Patrick, mein Gott...
    Brian nickte und parkte den Jeep zwischen zwei Streifenwägen. Die Deputies waren dabei, die Begrenzungsstäbe zu setzen und das Band zu spannen. Der Wald war stark ausgelichtet um den Fels Mark ´s Chant. Der leichte Wind stäubte immer wieder Pulverschnee von den Ästen. Das grauenhafte Geräusch war hier umfassend und zerrte an den Nerfen. „Brian, sorg dafür das Maria auch auf die Wache gebracht wird. Das Übliche, Kaffee, Schnaps, Decke. Los jetzt.“
    Brian nickte, machte kehrt und gin zu den zwei Deputies, die Maria Helsfman stützten. Er ging zu seinem ältesten Deputy, dem sechzigjährigen Paul Underwood. „Paul, wo ist David, Davids Leiche?“
    „Bei den anderen. Komm.“
    Der alte Mann ging stocksteif vor ihm her und murmelte unverständliche Worte. Zwei Worte verstand Peter Rains: David. Und: Satansmessen.
    Dann blieben sie stehen. Und Brian machte zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Gefühl absoluten Schreckens Bekanntschaft. Das Gefühl war so umfassend, dass ihm die Galle hochstieg; sein Mund füllte sich mit Kupfergeschmack. Er wandte sich ab, stützte sich an einem Baum ab und übergab sich. Und er wünschte, er könnte sich ewig übergeben, weil er für diese paar Sekunden das Heulen nicht hörte und auch nicht sah, woher es kam.

    Aber er erholte sich, so wie er sich immer erholte. Er wischte sich den Mund ab und machte ein paar unsichere Schritte auf die Lichtung um den Felsen zu. Er stellte sich dem Tod, so wie er es immer getan hatte, wenn es soweit war.
    Auf den Bäumen rund um den Felsen hingen in unterschiedlichen Höhen, aber nie tiefer als etwa einen halben Meter, fünfzehn Körper. Sie waren nackt. Sie hatten Schlingen um den Hals. Die Hände baumelten frei, und das Geheul wurde vom Knirschen der gefrorenen Schnüre, an denen sie hingen, begleitet. Sie hingen da, wie das abschäulichste Windspiel aller Zeiten, fünfzehn Jugendliche aus der Gemeinde. Kinder, die er alle kannte. Er sah zu ihnen hinauf. Ohne Tränen, ohne Wut und ohne zu verstehen. Er blieb lange so stehen. Unter manchen Leichen hatten sich gelbe Flecken in der dünnen Schneeschicht gesammelt; ein letzter Harngang im Todeskampf? Dann wandte er sich ab und nahm sein Funkgerät: „Wir brauchen einen Leiterwagen, die Feuerwehr. Aber rasch. Wir müssen die Kids da runter holen.“
    Peter Rains sah Stephen Fips, den besten Fänger des Countys, sechzehn Jahre alt. Peter sah Esther Livingroom, die er so getröstet hatte, als ihr Hund überfahren wurde. Voriges Jahr war das. Der Mädchenschwarm Frank Stibbits..., er sah Robert Darabont, der der beste Freund seines Sohnes gewesen war. Er sah Lydia, fünfzehn Jahre alt, der er im letzten Sommer das Knie verarztet hatte, nachdem sie mit dem Fahrrad einen Unfall gehabt hatte...
    „Peter? Lass sie hängen.“
    Peter Rains wandte sich ab und sah Paul Underwood an, der langsam auf ihn zuging. „Peter, wenn wir rausfinden wollen, was da passiert ist, müssen wir die Kinder da lassen wo sie sind. Ich weiß, wie sehr wir uns versündigen, Peter. Ich weiß. Aber wir müssen uns ansehen, was es zu sehen gibt, bevor man Hand an die Leichen legt, sie abschneidet und zudeckt.“
    Der kleine Floyd Thomas. Vierzehn Jahre alt. Er hing tief. Aber nicht am tiefsten. Am tiefsten hing David Schmidt. Ihm hingen die halblangen, schwarzgefärbten Haare im Gesicht. Der Junge war sehr schlank, die Rippen konnte man zählen. Peter fiel noch was auf. Er konnte es nicht einordnen. Aber da war noch was.
    „Du hast recht. So beschissen es auch ist. Ich möchte, dass niemand hier rauf kommt.“ Er nahm das Funkgerät und sprach: „Keine Mutter, kein Vater, kein Bruder und keine Schwester soll das hier sehen. Schlimm genug, das es so ist, bei Gott. Schlimm genug. Fordert Verstärkung aus Winterset an. Und wenn das nicht genügt, aus Buffalo. Alle außer Paul und mir gehen zu den Bändern vor. Hindert jeden, der hier rauf kommen will am weitergehen. Schickt die Leute heim, irgendwas. Aber schickt sie weg.“
    Die Deputys stoben erleichtert auseinander. Ein paar waren nicht viel älter als die Jugendlichen, die hier hingen. Einer der Deputies wurde gestützt. Er weinte. Er hatte seinen kleinen Bruder unter den Leichen entdeckt.
    Paul Underwood und Peter Rains blieben allein mit den fünfzehn toten Jugendlichen. Paul fragte: „Was siehst du, Peter?“
    Peter Rains schob die behandschuhten Hände in die Jackentaschen, drehte sich im Kreis und schaute zu den Leichen hinauf. Er sah Kinder. Teenager. Kein Kind, dass noch nicht in der Pupertät war. Und kein Erwachsener...
    „Geschlechtsreife Teenager. Sieben Mädchen, acht Jungs.“
    Paul nickte: „Weiter.“
    Sie hingen unterschiedlich hoch, jedoch immer so, dass sie die Schnur mit ein wenig klettern selbst an den Ästen festmachen konnten. Peter ging davon aus, dass sie keine Hilfe hatten. Sie kletterten auf die Bäume, machten die Schnüre fest und erhängten sich. Er sah kurz vor seinem inneren Auge, wie sein sechzehnjähriger Sohn, der bei seiner geschiedenen Frau lebte, auf einen dieser Bäume kletterte und sich auf einen Ast setzte, das Seil festband, die Schlinge um den Hals legte und in die Tiefe sah. Er zuckte zusammen. Rudy war nicht hier. Sein Sohn war nicht hier, er war dreihundert Meilen von hier weg. Bei seiner Mutter, bei seiner Mutter. In Sicherheit.
    „Die Höhe. Am tiefsten hängt David Schmidt...“
    „Und ich glaube, er war der letzte, der sich aufgehängt hat...“
    „Wie kommst du darauf?“
    „Er singt nicht.“
    „Was zum Teufel meinst du damit?“ Die Ahnung, wohin diese Gedanken führen konnten, machte Peter Rains scheußlich zu schaffen.
    „Früher mal, als man Leute noch hochoffizell aufhängte, achtete man darauf, dass man sie nicht Nachts hinrichtete und das es nicht zuviel unter Null hatte. Weißt du, wenn sie einfach erhängt werden, passiert sowas nicht. Damals, als es die Falltüren gab, starben die Deliquienten durch Genickbruch. Wenn jemand im Winter im Freien hingerichtet wurde, konnte es passieren, dass durch die Kälte die Haut über der Bruchstelle riss. Das ergab eine Wunde, an deren Rändern das Blut gefror...“
    „Und die Leichen sangen, wenn der Wind wehte, nicht wahr? Mein Gott, mein Gott...“
    „Und fällt es dir jetzt doch auf? David Schmidt singt nicht. Er hat sich wahrscheinlich langsam am Seil runtergelassen und ist durch Strangulation gestorben. Als letzer...“
    „Aber warum, Paul, warum?“
    Pauls Hände zitterten, als er sich eine Zigarette anzündete. „Warum, fragst du mich? Ich glaube, weil David Schmidt diesen Gesang hören wollte. Der Junge hat das auch gelesen; über die Hinrichtungen, da bin ich sicher. Und er hat das alles inszeniert. Das ist Teufelswerk... und ein Junge hats vollbracht.“
    Der Wind frischte auf. Das Knarren der von der Kälte steifen Schnüre wurde ebenso lauter wie das Pfeifen des Windes in den hartgefrorenen Wunden im Hals oder dem Genick der Jugendlichen. Der Schneefall wurde stärker und der Pulverschnee trieb in wuchtigen Böen über die Lichtung. Die hartgefrorenen Leichen schwangen stärker.
    Da brach Peter Rains zusammen. Er kniete auf dem Boden, umklammerte sich und weinte und schrie vor Verzweiflung, Wut und Trauer.
    Paul nahm das Funkgerät vom Gürtel und sagte: „Wenn die Verstärkung da ist, schickt die stärksten und mutigsten Männer her. Und den Leiterwagen. Wir müssen die Kinder von den Bäumen holen.“ Dann kniete er sich neben Peter Rains, umarmte ihn und tröstete ihn, so gut es ging.

  • Hi,

    Weiß wer von Euch, ob es Strunks Buch: "Elements of Style" auch in deutscher Übersetzung gibt? SK erwähnt es in seinem Buch "Vom Leben und Schreiben" einige Male und da bin ich doch glatt neugierig geworden :-)

    lg/Peter

  • An die Hand seines Vaters dachte David noch lange, nachdem sie ihn zum letzten Mal berührt hatte. Sie war in seinen Teenagerträumen allgegenwärtig, sie machte ihm Angst, sie demütigte ihn und er verabscheute sie von ganzem Herzen. Die Hand seines Vaters war auch ausschlaggebend für die Scheidung seiner Eltern.
    Die Hand seines Vaters erfüllte ihn sowohl mit Trauer wie auch mit Angst und Zorn. Er wusste nicht, welches Gefühl ihn stärker berührte. Er wusste nur, dass er Männer hasste. Nun, eine bestimmte Art von Männern. Der Grund für seine Verachtung und Wut, war die Hand seines Vaters. Viel später dachte David, dass es nicht die Hand war, die er so hasste und fürchtete. Die Hand hatte ihm wehgetan. Aber die Augen seines Vaters hatten ihn beobachtet, wie er sich unter den Schmerzen wand wie ein Wurm am Haken. Die Hand seines Vaters hatte ihn regelrecht aufgespießt. Sie hatte ihn gequetscht und zum weinen gebracht. Da war David gerade fünfzehn Jahre alt.
    Als David fünfzehn Jahre alt war, wuchs er sehr schnell, war aber vom Körperbau noch immer kindlich. Er war schlaksig aber nicht zu groß. Er hatte kastanienbraunes Haar, einen Mittelscheitel und ausrasierte Schläfen. Er hatte tiefgrüne Augen und eine glatte, sehr blasse Haut. Sex und Mädchen interessierten ihn nicht wirklich, obwohl er durchaus wusste, um was es da ging. Es schien ihm einfach nicht der Mühe wert, sich da mehr einzubringen. Es genügte, herablassend darüber zu reden und so zu tun, als hätte man das alles schon erlebt. Skaten interessierte ihn. Rene und Philip interessierten ihn. Seine beiden Kumpels, mit denen er im Central Park skaten ging. Philips schrilles Gruftie Outfit bewunderte er über alle Maßen. Philip war Waise und aus einem Heim ausgebüchst. Erzählte er jedenfalls. Er schien immer mit Joints und Kleingeld ausgerüstet zu sein und Rene meinte, dass Philip wohl oft bei den Toiletten auf der Central Station herumhängen würde. David konnte keinen Zusammenhang zwischen Geld und Joints einerseits und Bahnhofstoiletten andererseits herstellen, beließ es aber dabei. Einen der Beiden fragen? Aber nein!
    Philip wirkte auf anziehende Weise verdorben und abgebrüht. Er war gepierced und David war sich hundertprozentig sicher, dass Philip auch da unten gepierced war. Er hatte Piercings in der Zunge, in den Ohren, in der Unterlippe, in der rechten Augenbraue und in den Brustwarzen. David fand, dass das irgendwie schwul aussah, aber Philip war so stolz drauf, dass es auch wieder irgendwie in Ordnung war. Bei Philip passte das irgendwie.
    Im April 2002 und etwa ein Monat vor der Scheidung seiner Eltern, saßen die drei Jungs ziemlich erschöpft nach einem kleinen Skatergefecht auf einer Parkbank, hatten die Rollerblades ausgezogen und ließen die Füße ausdampfen. Sie hatten sich eine Parkbank nahe der beleuchteten Strasse gesucht nachdem sie ein paar Mal die Erfahrung gemacht hatten, dass nicht nur nette Leute im Park unterwegs waren. Leute, die vierzehnjährigen Jungs komische Sachen nachriefen und dabei einerseits obszön, andererseits aber bettelnd klangen. Philip kramte in seinem Rucksack herum, brachte die Doc Martins zum Vorschein und stellte sie neben seine Füße auf den Boden. Philip war ganz auf Gothic unterwegs, wie er Rene erklärte. Schwarze Klamotten, Armeehosen, Netzleibchen und Nietenhalsbänder. Gerade ging ein Mann vorbei, der sich scheinbar sehr für Philips Füße interessierte. Phil rotzte hoch, spuckte in die Richtung des Mannes und rief ihm heiser nach: „Was ist? Schaust du mich an? Du schaust mich an? Ja? Willst meine Füße lecken, Homo?“
    Rene krümmte sich vor Lachen und David bemühte sich, gelangweilt den aufgehenden Mond anzusehen. Sie hatten schon vor einer halben Stunde im Wäldchen hinter der Half-Pipe in der Nähe der 72th Street einen Joint geraucht und David fühlte sich immer sehr milde, wenn er bekifft war.
    Rene wimmerte vor Lachen und Philip hatte noch immer diesen verächtlichen Gesichtsausdruck, den er für Schwule einstudiert hatte - manche stehen drauf, wenn man sie so ansieht, hatte er mal verschwörerisch geflüstert, als sie sich mal durch eine Traube von Männern drängelten, die auf Einlass vor einem Lokal warteten. Er war ihnen immer die Erklärung schuldig geblieben, was man davon hatte, wenn man Leute eben so ansah, dass sie drauf abfuhren- als er einen schwarzen Stift aus dem Rucksack angelte und David anvisierte: „Komm, lass mal machen.“
    „Was?“
    „Du hast Augen wie ne Katze. Da kann man sicher was machen.“
    „Was meinst du jetzt? Was?“
    Philip rutschte mit einer irgendwie obszönen Bewegung über Rene und setzte sich neben David.
    „Eyeliner. Der Trend unter uns Gothboys. Damit schaust du noch cooler aus. Lass mich nur machen.“
    Davids letzter Widerstand war: „Es ist zu dunkel, lass den Scheiß. Du siehst eh nichts mehr. Und überhaupt: Du bist bekifft.“
    „Ich sehe genug. Halt still. Und blinzle hier nicht rum wie ein Uhu.“
    Rene kicherte wieder drauflos und kippte mit einem gespielten Aufschrei von der Bank.
    „Baaahhh, ihr Tunten. Ihr Schwestern!“ Er prustete und gackerte während er neugierig zuschaute, wie Philip in Davids Leben eingriff. Philip machte noch ein paar Momente lang rum, dann drehte er den Stift zu und kramte einen Handspiegel aus dem Rucksack. Rene brach in eine weitere Lachexplosion aus und David murmelte: „Egal was Du nimmst, die Hälfte ist mehr als genug.“ Jetzt wieherte auch Philip los und drückte David den Spiegel in die Hand.
    „So was braucht man als Strassenjunge. Für den Koks. Echt!“ David sah sich in den Spiegel, erkannte aber nicht gleich die Wirkung dessen, was Philip gemacht hatte. Also stand er auf und ging über den Weg zu einer der Laternen, drehte sich so, dass sein Gesicht beleuchtet wurde und sah sich nochmals in den Spiegel. Der Effekt war verblüffend. Seine Augen wirkten viel größer und intensiver. Der Kontrast zu seiner blassen Hautfarbe war schön; das dunkle Grün der Augen strahlte irisierend.
    „Heftig.“ flüsterte David, „Echt heftig.“ Was ihm am besten gefiel war, das er jetzt auch fast so verdorben aussah wie Philip. Das hatte irgendwie seinen eigenen Reiz. David gefiel der Gedanke, verdorben und ordinär zu sein. Nicht so zu sein, wie es seine Eltern gut finden würden. Seine Mutter war egal. Die war ein ängstliches, graues Mäuschen. Aber sein Vater. Der Oberspießbürger vom Dienst. Der Malocher, der Arbeiter und Macher! Oh ja, nicht so zu sein wie sein Vater, schien David das wichtigste überhaupt. Er wußte nicht, ob andere Jugendliche in seinem Alter coole Eltern hatten. Coole Väter. Sein Vater war ein Arschloch. Das war mal amtlich. Wenn es irgendwo einen Planet der coolen Väter gab, fand David, dann war das schwitzende Arschloch von seinem Vater wohl am weitesten davon entfernt. Und wenn es ihm gelingen sollte, mit seinem Outfit am makellosen Ideal seines Vaters zu kratzen, dann hatte es wohl seine Berechtigung. Das makellose Ideal seines Vaters? Gehorsame Weibchen, biersaufende und fleißige Söhne, nach der Arbeit mit den Kumpels saufen und dann heim, die Frau prügeln und zum Abschluss vögeln. Das war amerikanisch. Das war toll.
    Sie gingen gemeinsam bis zur U-Bahn, Philip verabschiedete sich und machte sich auf den Weg zur Central Station. Rene meinte, dass Philip wohl Männer abzocken würde. Männer, die Jungs nachsehen. Sie fuhren schweigend bis zu der Station, wo Rene aussteigen musste. Es war inzwischen kurz nach elf Uhr Nachts. Es war Freitag und es waren viele Leute unterwegs. Das milderte Davids Angst, er könnte allein in einem Wagon mit schrägen Typen sitzen, erheblich. Er bemerkte interessierte Blicke; manche abschätzig, manche offen begehrlich; einige angewidert und andere signalisierten stille Zustimmung.
    David nahm die drei Etagen zur Wohnung im Galopp, sperrte die Tür auf und versuchte, so leise wie möglich, zu Atem zu kommen. Es war dunkel und es war still. Er war dankbar für beides, denn er fand die Idee, seinen meist wütenden Vater zu provozieren, nun doch nicht mehr so gut. Und als ihm der Geruch von Bieratem in die Nase stieg, wusste David, dass es zu spät für solche Überlegungen war. Er ging, so leise wie möglich durch die Diele und warf einen Blick ins dunkle Wohnzimmer. Der Fernseher war aus und das katzengraue Licht der Strassenlaternen vermochte den Raum kaum zu erhellen; sie gaben der Dunkelheit lediglich Konturen. Sein Vater war einer der Schatten und er saß in seinem schweren Ohrensessel.
    „David? Komm her. Ich möchte dich aus der Nähe sehen.“ David hörte das Klicken und das Licht am Beistelltisch ging an. Sein Vater saß in einer heimeligen Lichtinsel. Er war betrunken. Und er war wütend. Ja, die Wut schien in seinem Herzen zu liegen wie ein Schwermetallsee.
    „Paps, ich bin müde. Wir waren skaten und ich will nur ins Bett...“
    „Komm her, Junge.“
    Dieser spezielle, rauh-heisere Sound in der Stimme seines Vaters machte ihm mehr Angst, als das, was er sagte. David stellte den Rucksack mit den Rollerblades im Vorzimmer ab, zog die Schuhe aus und tappte in Socken ins Wohnzimmer. Er stellte sich, die Hände auf dem Rücken vor seinen Vater und achtete darauf, dass sein Gesicht im Dunklen blieb.
    „Näher, Sohn.“ David zögerte einen Moment, dann gab er sich einen Ruck und beugte sich vor und sah seinem wütenden Vater in die Augen. Joseph „Joe“ Schmidt zog Luft ein und hielt sie an. Seine Augen weiteten sich. Der Bierdunst stieg aus seinen Poren. Er machte Fäuste, entspannte die Hände, machte Fäuste... Die Sehnen auf seinen Unterarmen traten wie Kabel vor, die Muskeln spannten sich. David spürte die Panik wie ein kleines, ängstliches Tier in seinem Herzen herumzuflattern. Dann stand sein Vater auf und ging an ihm vorbei. Er schloss die Tür zur Diele und David dachte für einen Moment, er könnte es überstanden haben. Den Blick vom saufen getrübt; die Chancen standen nicht schlecht. Joe Schmidt stellte sich vor seinen Sohn und legte seine rechte, überaus große Hand auf Davids Schoß. David war starr vor Schreck. Er hatte oft genug in den Zeitungen gelesen, dass sich Väter mitunter an ihren Töchtern vergingen. Aber auch an Söhnen? Das der Griff in seine Mitte jedoch kein sexuelles Begehren war, spürte er, als sein Vater geschickt und mit dem Instinkt eines wilden Tieres, durch den Stoff der Jeans die Eier ertastete. Noch war der Griff sanft und beinahe zärtlich. Joe Schmidt sah seinem Sohn prüfend in die Augen, mit diesem so sehr verhassten völlig verstrahlten Alkoholiker Blick. Wider Willen bemerkte David, dass sein Schwanz auf den äußeren Reiz reagierte und halbsteif wurde. Er hatte Angst und es war ihm so peinlich. Die Panik machte sich über sein Herz her und schmeckte wie Kupfer im Mund.
    Joe Schmidt drückte zu. David schrie; es war etwas zwischen heißem Ausatmen und Kieksen. Tränen traten aus seinen Augen. Er dachte, diese Schmerzexplosion könnte durch nichts mehr verschlimmert werden. Er hatte sich getäuscht. Der Griff lockerte sich kurz, die Finger krabbelten wie gierige Blutegel auf dem Stoff der Jeans umher, bis sie eine neue Position gefunden hatten. Davids Vater verstärkte seinen Griff und David wimmerte: „Paaapa, bitte, es tut...“
    „Was tut es, mein Sohn? Tut es weh?“ Joe Schmidt prüfte anhand der Tränen, die aus Davids Augen flossen, diese Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt und lockerte den Griff.
    „Und weißt du, warum es weh tut?“
    David stand noch immer da und er würde zu Boden sinken, wenn ihn die Hand seines Vaters nicht unerbittlich aufrecht halten würde. Davids Arme waren noch immer auf dem Rücken verschränkt, so wie es ihm sein Vater bei hunderten Ohrfeigen beigebracht hatte; Schweiß perlte auf seiner Stirn und die Tränen verschmierten die Kajalspuren. Seine Tränen sahen aus wie die aufgemalten Tränen eines Clowns. Sein Vater grinste selbstzufrieden: „Es tut weh, weil du Eier hast. Es tut weh, weil du ein Mann bist. Und weißt du was? Männer schminken sich nicht. Außer die Schwuchteln von der Christopher Street, die Arschwackler. Bist du ein Arschwackler, Sohn? Ein Stricher? Bist du ein Homo?“
    David schüttelte den Kopf. Er blickte etwas weiter nach links und sah die zweite Tür zum Wohnzimmer aufgehen. Seine Mutter stand wie ein konturenloses Gespenst in der Tür und sah, was ihr Mann da mit ihrem Sohn machte. Sie schrie auf: „Joe, um Gottes Willen, lass David los. Lass den Jungen los, verdammt!“ Bei dem Wort -verdammt- drückte Joe noch einmal fest zu und ließ dann einfach los. Dieser Schmerz war der schlimmste Schmerz aller Zeiten. Denn er war von einem Geräusch begleitet, als würde eine Frucht platzen. David sank weinend zu Boden, hielt seine Hände wie Halbschalen vor seinen Schoß und sah, wie sein Vater ausholte und seine Mutter aus dem Zimmer prügelte. Und seltsamerweise hörte David das angestrengte Schnaufen seines Vaters deutlicher, als das Kreischen seiner Mutter. Blut tränkte seine Jeans und lief innen an seinen Schenkeln runter.
    David blieb lange so auf dem Boden knien. Der Schmerz rollte in glühenden Wellen von seiner Mitte aus über seinen ganzen Leib und umfasste ihn voll und ganz. Er hörte es nicht selbst, aber die ganze Zeit über, bis sein Vater zurückkam, machte David beim ausatmen ein Geräusch wie: „Iiiiiihhhhh... iiihhhhhh...“ Kurz bevor er bewusstlos zusammensackte, sah er, wie sein Vater völlig ungerührt an ihm vorbeiging, raus auf die Diele und in die Küche, um sich noch ein Bier zu besorgen. Von seinen Fäusten tropfte Blut.

    Noch in dieser Nacht, besser gesagt, in den grauen Morgenstunden, packte Marsha Schmidt die nötigsten Habseligkeiten, holte sich das Wirtschaftsgeld aus der Zuckerdose, das Sparbuch aus der Schreibtischlade und die Pässe, den Führerschein und strapazierfähige Kleidung, trug die Sachen zum kleinen Toyota und packte sie in den Kofferraum. Die Nacht war still und wie dafür gemacht, jedes Geräusch einer flüchtenden Frau weit hinauszutragen. Von den Kanaldeckeln stiegen weiße Dampfschwaden auf, die Strassen schimmerten matt feucht. In einem Akt völlig verzweifelter Kraftanstrengung trug sie den bewusstlosen David die drei Etagen runter und packte ihn auf den Beifahrersitz. Sie viel auf die Knie, als sie die Beine ihres Sohnes in den Wagen hob und heulte auf. Die Rückenschmerzen waren enorm. Joes Fäuste wußten, wo sie am meisten Schaden anrichten können. Ihr Gesicht war dunkelrot und verschwollen, ihre Lippen geplatzt. Dennoch biss sie die Zähne zusammen, schleppte sich um den Wagen herum und setzte sich hinter das Steuer. Dann fuhr sie los.
    Hin und wieder sah sie zu ihrem Sohn. Seine Wimpern flatterten, sein Mund war halb offen und Spucke glänzte auf seinem Kinn. „Spital,“ dachte sie: „Spital; und dann brauchen wir eine Unterkunft. Gott hilf uns bitte.“
    Und Gott, so erschien es Marsha Schmidt, erhörte sie. Im Spital stellte man keine jener Fragen, die verängstigte und nervöse Frauen völlig aus der Bahn werfen würden. Bei David wurde Hodenbruch diagnostiziert, der Hodensack war eingerissen; man musste ihm einen Hoden entfernen um den anderen nicht zu gefährden. Marsha dachte, dass es nichts Scheußlicheres geben könnte, als im Morgengrauen mit dem Sohn im Spital zu sein. Geflüchtet und heimatlos. Erfüllt mit Angst und Sorge, die wie Galle im Mund schmeckten. Marsha wurde zwischen Tür und Angel verpflastert, bekam Salben mit und wärmende Worte. Sie hatte andauernd das Gefühl, erbrechen zu müssen, aber sie würgte immer wieder nur Galle bis in den Hals.
    Eine junge Ärztin empfahl Marsha Schmidt ein Mutter-Kind Heim. Sie hatte etwas in ihrem Blick, dass Marsha vermuten ließ, diese Ärztin hätte selbst einmal diese Art der Hilfe gebraucht.

    Während David operiert wurde, kümmerte sie sich mit ihren letzten Kraftreserven um die Formalitäten im Frauenhaus. Es gab dort fast keinen Platz mehr. Marsha Schmidt taumelte mehr, als sie ging. Sie brach immer wieder zusammen. Die Kreuzschmerzen waren grässlich. Endlich erbarmte man sich ihrer und wies ihr ein kleines Zimmer zu. Eine der Frauen, die hier schon länger lebte, brachte Marsha eine Rheumasalbe und eine flauschige Decke. Marsha legte sich Samstagmittag ins Bett; Irene, die Frau die die Salbe gebracht hatte, massierte die Rheuma Lösung ein und Marsha schlief nach ein paar rasselnden Atemzügen ein.

    David blieb bis zum darauf folgenden Mittwoch im Spital. In der Schule sprach sich herum, was geschehen war. Nun, nicht genau. Das er von seinem Vater misshandelt worden war, im Spital lag und das seine arme Mutter in einem Frauenhaus war. Das Negativbeispiel für die edle, amerikanische Ehe, dachte David viel später, als er sich bereits mit dem Fehlen eines Hodens abgefunden hatte. Ein Fleck im amerikanischen Orange. Am Dienstagabend besuchte ihn überraschenderweise Philip. David, der in den Tagen seines Spitalsaufenthaltes völlig neben sich stand und sich nicht zu irgendeiner Emotion imstande fand, spürte erst, als Philip ihn in den Arm nahm und auf die Wange küsste, wie einsam und traurig er war. Wie sein bisheriges Leben ganz und gar in Auflösung war. Seit der Operation seines linken Hodens war David regungslos im Bett gelegen. Er hatte emotionslos ferngesehen, wenn jemand den Fernseher aufgedreht hatte, er hatte gegessen, wenn jemand was zu essen gebracht hatte und er hatte getrunken, wenn ihm jemand was zu trinken gebracht hatte. Er war tief in sich gefangen und für den Moment war es gut. Aber als Philip kam, der leichtfüßige Strassenjunge, der mit den geschminkten Augen, den Nietenhalsbändern und der zerrissenen, schwarzen Jeans, als dieser Bursche ihn in die Arme nahm und als David die Tränen dieses Burschen auf seinen Wangen spürte, ließ er sich endlich fallen und weinte, wie er noch nie geweint hatte. Am Gang gingen Krankenschwestern vorbei und blieben stehen, schauten durch die Tür und machten ein Gesicht, als ob sie gerade eine dramatische Szene in ihrer Lieblings Sitcom sehen würden

    An diesem Abend sah er Philip, dessen Nachnamen er nie erfahren hatte, zum letzten mal. Nun, einmal noch sah er ihn in einer Zeitung. Philip wurde knapp zwei Jahre später von drei Männern vergewaltigt und mit Stahlstangen zu Tode geprügelt. Man fand seine geschändete Leiche in einem unterirdischen Abwasserkanal in der Nähe der Central Station. Aber als David das erfuhr, war er schon zu weit weg von allem menschlichen, um noch Trauer oder Wut zu empfinden.

    Marsha und David Schmidt lebten noch ein halbes Jahr in dem Frauenheim. Im September 2002 starb Marshas Mutter an einem Gehirnschlag. Sie hinterließ Marsha ein kleines Haus in Iowa. Genau genommen in Old Hanley, Iowa. Das Haus war alt und seit ewigen Zeiten im Besitz der Familie ihrer Mutter. Davids Großmutter mütterlicherseits hatte zunächst in Winterset, Iowa gelebt; dort, wo der Film mit Clint Eastwood gedreht worden war, der Film mit dem Fotograf und den überdachten Brücken. Davids Mutter war in Winterset aufgewachsen und als Anwaltsgehilfin nach New York gegangen. Sie wollte soweit wie nur möglich weg aus dem ländlichen Mief Iowas. Und selbst die Großstädte in Iowa waren ihr zu urban. In New York lernte sie den beeindruckend starken Joseph Schmidt kennen. Der Rest war Geschichte.
    Nach dem Tod ihres Mannes war Marshas Mutter von Winterset nach Old Hanley in das Haus ihrer Mutter übersiedelt. Nun war Marshas Mutter tot und sie hatte die Chance, ihre Einstellung zum ländlichen Leben noch einmal zu überdenken. Sie entschied sich sofort dafür, nach Old Hanley zu übersiedeln, samt Sack und Pack und Sohn. Der Hauptgrund für ihre rasche Entscheidung war, dass Joe nichts von dem Haus wusste. Sie hatte es ja selbst fast vergessen. Sie erinnerte sich, nachdem sie die Entscheidung getroffen hatte, immer deutlicher und an immer mehr Einzelheiten. Sie hatten Großmutter besucht. Sie erinnerte sich an einen recht wilden Garten am Waldrand; an einen kleinen, kristallklaren Bach, der den verwilderten Garten vom Waldrand trennte. Apfelbäume... Sie erinnerte sich an den Geruch von grünen Äpfeln. Und das war wirklich gut. Eine Küche mit Blick auf den hinteren Garten. Sie assoziierte diese inneren Bilder des Hauses mit Frieden. Eine Zeit, lang vor Joe, könnte wieder möglich sein. Die körperlichen Schmerzen könnte sie sehr bald vergessen. Aber die Angst, die in ihr nur darauf wartete, auszubrechen, diese zu besiegen, würde mehr verlangen als nur Distanz und ein neues Heim. Viel mehr. Und gerade der, den sie beschützen wollte, wurde zum größten Gegner in ihrem Kampf um ein wenig Frieden und Eintracht. Das wußte sie natürlich noch nicht. David war, nachdem er aus dem Spital entlassen worden war, ein wenig außer Rand und Band, aber nicht in einem Ausmaß, dass Anlass zur Sorge gegeben hätte. David war nicht laut, aber er war fiebrig und er war heiser. Marsha wußte sich kein anderes Wort dafür. David war ein heiserer Junge. Wenn sie mit der Frau aus dem Nachbarzimmer sprach und wenn es um die Kinder ging, beschrieb sie David als heiseren Jungen. Marsha hatte ein Detail übersehen, oder besser gesagt: überhört. Die Zimmernachbarin sagte ihr das mal, als sie im Garten hinter dem Frauenhaus saßen und Eistee tranken. David war in der Schule; es war kurz nach Mittag.
    „Marsha?“
    „Hm?“
    „Hörst Du eigentlich manchmal, wie David spricht?“
    „Hmm, was meinst du?“
    „Du sagst, er sei ein heiserer Bursche.“
    „...Junge.“
    „Auch gut. Aber er ist mehr als das. Ich hab ihn mal fluchen gehört. Du warst einkaufen und er saß im Zimmer. Die Tür war nur angelehnt. Er saß auf der Couch, sah fern und fluchte. Und Marsha: Ich habe solche Ausdrücke noch nie gehört. Zuhälter kennen vielleicht solche Worte. Nutten kennen sie vielleicht. Aber da war soviel Hass drin. Auch in der Art, wie er es sagte...“
    „Heiser.“
    „Ja.“
    „Ich glaube, er verbrennt innerlich.“
    „Kann sein. Er hat Plutonium im Arsch.“
    „Hoffentlich nichts anderes...“
    „Komm, komm, komm, Edwina, das meinst du doch nicht ernst. Glaubst du, dass David... also nein...“
    „Nein, das glaub ich nicht. Aber ich glaube, er kennt Menschen die so was tun. Und weißt du was? Ich glaube, es fasziniert ihn. Diese dunkle... die Schattenwelt...“
    „Nicht Luke Skywalker sondern Darth Vader?“
    Edwina lächelte und drückte Marshas Hand. „Wenn du nicht auf ihn aufpasst, wird er ein kleiner Darth Vader werden. Pass auf den Jungen auf. Er brennt so hell. Und das ist nie gut. Solche Jungen können gar nicht genug von all den verbotenen Früchten kriegen.“

    Womit Edwina Kempel vollkommen Recht hatte.



    [f1][ Editiert von Nathschlaeger am: 22.12.2003 15:23 ][/f]

  • In Anlehnung an eine andere Geschichte, die von jemanden anderem erzählt wurde, könnte man zusammenfassend sagen: Der weiße Wolf trabte durch die Eiswüste und Ivo folgte ihm. Damit wäre die Geschichte auch schon wieder erzählt. Eigentlich. Das hieße aber auch, Euch vorzuenthalten, dass die Eiswüste in Sibirien war, ungefähr vierzig Kilometer westlich der Ausläufer des Jablonowyjgebirge, ja genau, ein Stück weit weg von der eingeschneiten Ortschaft Pamjat-Lenina.
    Es war Oktober. Und Oktober war die Zeit für blendend weißen Schnee am Tag und sternenklares, katzengraues Schimmern in der Nacht.
    Wäre es mit dem obigen Satz getan, wüssten wir wohl nicht, dass Ivo in Wirklichkeit Iwan Abt hieß und sechzehn Jahre alt war. Ein ziemlich hübscher, blasser und wilder Junge. Er musste wohl ein wilder Junge sein, denn wieso sollte er sonst seit drei Tagen dem weißen Wolf durch die Schneewüste folgen?
    Die Schneewüste war hügeliges Land, vom Schnee eingeebnete Felder; Versuche von Menschen, der grausamen Natur etwas abzutrotzen. Der Schnee ebnete Felder und Seen, Dörfer und in Talsenken liegende Wäldchen ein.
    Ivo hatte gehofft, der Wolf würde so sozial sein und vielleicht den Gleisen der transsibirischen Eisenbahn folgen. Tagsüber hatte es im Schnitt minus 7 Grad, in den Nächten fiel die Temperatur auf etwa minus 12 Grad. Es war noch recht milde und Ivo machte sich schön langsam Sorgen, ob er diese Reise überleben würde. Die grausame Kälte des Novembers, des Dezembers lag noch vor ihm. Ebenso wie die verschwenderischen Schneefälle, die im April noch mal das Land zudeckten.
    „Verdammt.“, dachte Ivo: „Verdammt, was bin ich für ein Narr, diesem lebendigen Schneehaufen mit den grünen Augen zu folgen.“
    Ohne zu wissen, dass der Wolf in Wirklichkeit eine Wölfin ist, hat Ivo ihr den Namen Akela gegeben. Tatsächlich hatte sich Ivo überhaupt keine Gedanken gemacht, welchen Geschlechts dieser fleischgewordene Wille Sibiriens sein könnte.
    Jetzt werdet ihr fragen: Und wann hat Ivo den Wolf zum ersten Mal gesehen? Wann hat er die Verfolgung aufgenommen? Und: Warum tut er das? Komm schon! Lass dir nicht so die Würmer aus der Nase ziehen.
    Gut gut, meine Freunde. Gemach, gemach. Ich will es euch ja erzählen. Aber lasst mich doch erst noch mal einen Schluck von diesem großartigen Wässerchen hier nehmen –
    - Du meinst wohl Wodka –
    - Ja, meine ich –
    Und dann kann ich auch schon wieder weitererzählen.

    Na, passt auf: Ivo stammt aus der kleinen Stadt Tschita. Tschita liegt in einer Welle der Ausläufer des Jablonowyjgebirge. Die Stadt ist eingefasst von sanften Hügeln und man hat dort einen tollen Blick auf die schroffen Formationen des Gebirges. Die transsibirische Eisenbahn schlängelt sich hinterlistig an den Ausläufern des Gebirges vorbei und schwenkt dann kurz nach dem Gebirge in das weite Tal, in dem Tschita liegt. Von dort geht dann der Zug über Ulan-Ude weiter zum Baikalsee und dann – noch viel weiter. Nach Moskau. Von Tschita bis zum Ufer des Baikalsees sind es rund dreihundertsechzig Kilometer. Im Sommer ist diese Strecke durchaus zu Fuß zu schaffen, wenn man ein wenig Proviant mit hat und sich in den Wäldern vor den riesigen Stechmücken schützen kann. Im Winter jedoch, da ist es wirklich gefährlich. Man könnte in Schneebrettern einsinken und ersticken, von sibirischen Tigern niedergerissen und getötet werden, man könnte sich im Wald verlaufen… Aber macht euch keine Sorgen, Ivo lebt noch, er ist ein guter Läufer und wie ich schon sagte: Ein wilder Junge.
    Nun, in den letzten paar Wochen war er wohl etwas zu wild. Ihr müsst wissen, Ivo trank sehr gerne über den Durst. Vor allem, wenn er mit seinem Vater Streit hatte, oder mal wieder von seinem Vater geschlagen worden war. Obwohl Ivo ein wilder Junge war, war er auch ein sanfter Junge. Niemand, der sich gerne prügelt. Ivo konnte stundenlang mit seinen Freunden Sven und Sergej reden und reden und reden und viel Wodka trinken, er konnte im Mai in den eiskalten Fluss Tschita springen und tage- und nächtelang über die Eisfelder von Sibirien wandern. Ivo war sehnig und kräftig, und doch konnte er weder sich selbst noch seine Mutter vor seinem jähzornigen Vater schützen.
    Dann, vor vier Tagen, schmiss ihn sein Lehrherr raus, weil er betrunken zur Arbeit gekommen war
    „Wodka! Schon in der Früh! Iwan, pack dich und verschwinde!“
    Am selben Tag trafen sich Sven, der sein Geselle war und Ivo und Sergej, der sich zu gerne und zu oft am Bahnhof herumtrieb, in Rigos Stube; einer kleinen Schenke am Fluss. Die Jungs tranken und tranken und sie lachten. Und als der Alkohol die Stimmung drückte, umarmten sie sich und weinten ein wenig. Sven, weil Ivo nun nicht mehr mit ihm zu den Baustellen fuhr, Ivo wegen der Angst vor seinem Vater und Sergej, weil es am Bahnhof einen Jungen namens Dimitrij gab, der ihn nervös machte. Ivo verstand zwar nicht, was einem da zum weinen bringen könnte, wenn einem ein Junge nervös machte und Sergej sagte, dass es Leute gibt, die eben so schön sind und so viel Würde ausstrahlen, dass man einfach nervös sein musste und das es traurig ist, wenn man da nervös wird. Und alles… Ivo verstand ansatzweise, was Sergej meinte und wünschte ihm insgeheim Glück. Er wollte aber nicht darüber nachdenken sondern weinen. Die Trauer und Angst aus dem Herzen spülen.
    Später, als sie ihre Tränen getrocknet und sich noch eine Runde Wodka und Traubenlimonade bestellt hatten, ging Ivo raus und rund ums Haus um über die Böschung runter in den Tschita zu pinkeln. Ivo mochte das ranzig stinkende Klo nicht. Und er mochte die fürchterlich stinkenden Männer nicht, die dort manchmal zusammengerollt schliefen.
    Ivo stand da und wartete, dass es lief. Doch da kam nichts. Er spürte, dass er dringend, wirklich sehr dringend pissen musste. Aber irgendwie war da unten alles verkrampft.
    Und da spürte er diesen heißen, feuchten Luftzug in seinem Nacken. Ivo lehnte an dem bröckelnden Gemäuer des Hauses, in dem sich die Schenke befand und aus einer schmalen Nische fuhr plötzlich dieser Hauch. Raubtierhauch! Dann spürte Ivo, wie etwas Heißes und Nasses über seinen Nacken leckte. Er wandte den Kopf nach links und sah eine Reihe weißer Zähne und darüber eine grauschwarze Schnauze. Und darüber wiederum ein paar grüne Augen. Der Wolf hob den Kopf und heulte den Halbmond an, der inmitten der verschwenderisch ausgestreuten Sterne am Himmel klebte. Ivo blieb wie angewurzelt stehen, pisste und wusste; er war überzeugt, dass er jetzt sterben würde. Gerissen und zerfleischt von einem sibirischen Wolf. Und tatsächlich: der Wolf öffnete sein Maul und schnappte mit einer spielerischen Geste nach Ivos schwarzen, langen Haaren und zog ihn zu sich her. Ivo stockte der Atem. Er hatte vergessen, dass er entblößt in der schneidenden Kälte stand. Er stand Auge in Auge mit einem großen, weißen Wolf. Der Wolf kauerte in einer dunkeln Nische. Mit einer flinken Bewegung rutschte der Wolf etwas vor und eine Handvoll Schutt rieselte zu Boden. Ivo stand noch immer wie angewurzelt da, unfähig sich zu bewegen. Der Wolf schnappte sanft nach Ivos Ärmel und zog ihn hoch. Ivo glaubte zu verstehen.
    „Du willst? Du willst gestreichelt werden, ja?“ Ivo kicherte und er fühlte sich nicht mehr betrunken. Und auch nicht mehr traurig. Er hob beide Hände, zaghaft und ziemlich respektvoll und legte sie links und rechts an den Kopf des Wolfes. Meine Güte, dachte Ivo. Ist das flauschig. Und warm. Der Wolf hob den Kopf und bot Ivo seinen Hals an. Ivo kannte die Gebärdensprache der wilden Wölfe zwar nicht, sah dies aber als Zeichen des Vertrauens und kuschelte seinen Kopf an den Hals des weißen Wolfes.
    Mein Gott, dachte Ivo, was tu ich da?
    Alles was er je gelernt hatte schrie: Nein! Tu das nicht! Das ist eine Falle! Sein Herz sagte ihm aber schlicht und einfach: Es ist gut so. Vertraue.
    Und der Wolf sagte: Folge mir zum Auge Gottes. Ein Schamane muss tanzen.
    Und das tat Ivo dann auch: Er ging in die Stube, zahlte seinen Getränke und entschuldigte sich bei seinen Freunden mit plötzlicher Übelkeit. Sergej dachte, er würde etwas Neues und Wildes an Ivo riechen. Wenn man jemanden schon so lange kannte, dann kannte man wohl auch seine Gerüche. Sergej dachte, er könnte an Ivo für den Bruchteil einer Sekunde den wilden Atem freier Nächte riechen, das Licht der Sterne und den Schimmer des weinenden Mondes. Er glaubte, an Iwan Abt den Geruch von Sibirien zu riechen. Intensiver als je zuvor.
    So blieben Sven und Sergej sitzen, teilten brüderlich, was Ivo übergelassen hatte und fingen irgendwann, im samtenen Schimmer der sibirischen Nacht zu singen an.

    Der Wolf lief durch die Eiswüste und Ivo folgte ihm. Kam ihm bald näher und sah ihn manchmal nur aus der Ferne. Und am dritten Tag, als Ivo schon daran dachte aufzugeben und umzukehren, da holte er den Wolf ein. Sie befanden sich etwa einen Kilometer südlich von Breobrashenka, einer kleinen Ortschaft, die sich an einen Waldsee schmiegte. Zuerst waren sie noch über ein weites Feld getrabt und am Rand des Schnees hatte Ivo die dunkle Front eines Waldes gesehen. Der Wolf war direkt drauf zu gelaufen. Und am Rand des kahlen tiefen Birkenwaldes war er stehen geblieben und hatte sich nach Ivo umgedreht. Ivo dachte: Hast du wirklich zu mir gesprochen? Mit dieser Mutterstimme? Oder war das einfach der Wodka? Und wie oft frage ich mich das denn schon?
    Ivo erreichte den Wolf und ließ sich die Hand lecken. Dann kauerte er sich auf den Boden und umarmte ihn.
    Sei sanft, Junge. Ich bin eine Frau.
    Ivo zuckte zusammen und umklammerte die Wölfin fester. Er küsste sie auf die kalte Schnauze und fragte: „Wohin? Wohin gehen wir wirklich?“
    Sie antwortete: „Einst war ich eine Frau. Eine Jakutin. Ich war Mutter und Schamanin. Jetzt bin ich eine Wölfin. Weiß wie der Schnee. Wohin wir gehen, Ivo? Ich mache meine letzte Reise. Ich möchte als menschliche Frau sterben. Und du? Du machst deine erste Reise. Du sollst von einem Pfeil zu einem Mann reifen. Du sollst Jakuten und Burjaten, Tungusen, Tschuktschen, Korjaken und Kasachen mit der Kraft des Schamanismus der Jakuten vereinen. Sibiriens Chance zu überleben liegt nicht in der der fernen Diktatur der Industrie sondern im erdverbundenen Glauben der Völker. Sie brauchen nur einen gemeinsamen Satz, verstehst du?“
    „Nein.“
    Die Wölfin heulte entzückt den Abend an, denn es war inzwischen Abend geworden.
    „Du wirst verstehen, hübscher Ivo, du wirst verstehen.“
    Und für den Bruchteil einer Sekunde sah sich Ivo selbst als Wolf. Als pechschwarzer Wolf mit dunkelblauen Augen. Er sah sich über die Steppen hetzen und durch das Unterholz von Wäldern brechen. Nicht um zu töten und zu reißen. Das auch. Aber nicht nur. Sondern um erspäht zu werden. Ein Symbol von wilder Freiheit. Ein öliger schwarzer Blitz voller Eleganz. Gewaltig und doch sanft. Wild und doch weise. Der Gedanke gefiel Ivo außerordentlich.
    „Akela?“
    Die weiße Wölfin blieb stehen und trabte zu ihm zurück. Dann sprang sie an ihm hoch, legte die Tatzen auf seine schmalen Schultern und grinste ihm ins Gesicht.
    „Der Name ist gut Ivo, sehr gut sogar. Danke, dass du ihn mir gegeben hast.“
    „Akela, mir ist kalt und ich habe Hunger.“
    Die Wölfin glitt sanft wie Schnee von ihm ab und sagte: „Gegen die Kälte kann ich was tun. Auch gegen den Hunger. Wenn du rohes Fleisch magst. Was ist dringender, Junge? Kälte oder Hunger?“
    „Die Kälte Akela, die Kälte ist wirklich übel.“
    „Na, dann komm, Ivo.“
    Sie trabte voran und Ivo folgte ihr in den Wald. Es ging über gestürzte Bäume und durch Waldsenken, einem ausgetrockneten Bachbett entlang, bis sie zu einer Holzhütte kamen. Die Hütte war alt und verlassen und diente Jägern aus der Umgebung als Unterschlupf. Ivo hatte von solchen Hütten gehört. Es gab sie überall in Sibirien. In den Hütten gab es Vorräte in Dosen. Jeder, der vorbeikam, konnte sich davon nehmen, was er wollte. Man musste die Vorräte nur wieder auffüllen. So eine Art Überlebenskodex für einsame Wanderer.
    „Drin findest du was für den Hunger, Ivo. Für die Wärme sorge ich.“

    Ivo öffnete die schwere Holztür und trat in den dunkeln, muffigen Raum. Im halben Licht des Türspalts fand er auf dem Tisch, der in der Mitte des Raums stand, eine Petroleumlampe. Er hob sie hoch und roch. Dann fand er noch eine Schachtel Zünder auf dem Tisch. Ivo machte Licht und sah sich in dem kleinen Raum um. Es gab diesen Tisch und zwei Holzschemel, ein Feldbett und einen großen Schrank. Dort waren sicher die Lebensmittel. Akela kam in die Stube und sprang auf das Feldbett. Sie plumpste zur Seite und hechelte vergnügt.
    Iss später, dachte sie in seinem Kopf. Schlaf zuerst. Ich werde dich wärmen.
    Ivo fand, dass der Hunger nicht so schlimm war wie der Wunsch nach Wärme und setzte sich aufs Bett.
    Bist du schüchtern?
    Ivo schüttelte den Kopf: Ich bin wild.
    Dann komm.
    Ivo zog die graue Filzdecke vom Bett; Akela machte ein paar Bewegungen um ihm zu ermöglichen, die Decke unter ihr wegzuziehen und knäuelte sie am Fußende zusammen. Dann schlüpfte er aus seinen dicken Wanderstiefeln und massierte mit schmerzverzerrtem Gesicht die Zehen. Schlafen, dachte Ivo müde und irgendwie zufrieden. Was für eine gute Idee.
    Er legte sich mit dem Rücken zu Akela auf das Bett und spürte für den Bruchteil einer Sekunde eine merkwürdige erotische Strömung. Er strampelte seine Beine unter die Filzdecke und kuschelte sich an Akela.
    Er dachte und das Denken ging in einen Traum über: Die Völker vereinen und ihnen… ja was?
    Ein Symbol schenken um ihnen zu ermöglichen, an das Ursprüngliche zu glauben. Weißt du Ivo, Sibirien ist wirklich die große Mutter. Und all die Völker sind ihre Söhne. Der Glauben kann die Völker verbinden, weißt du? Glaube und Hoffnung. Glaube und Hoffnung brauchen ein Symbol…
    Ivo lächelte, während er dem Schlaf entgegen dämmerte: Das war früher ein weißer Wolf, dieses Symbol. Und in Zukunft soll es ein schwarzer Wolf sein. Und deshalb gehen wir zum Schamanen am großen See…
    Jaja, am Baikalsee. Am Baikalsee. Schlaf jetzt, schöner Ivo. Schlaf jetzt. Du hast noch weit zu gehen ehe du ruhen kannst. Und du hast noch viel zu tun.
    Ivo lächelte noch immer, als er schon längst eingeschlafen war. Und unter seinen Lidern verfärbten sich seine dunkelbraunen Augen und wurden nachtblau.
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  • Lyrik hat es bekanntlich sehr schwer, im schnelllebigen, verkaufszahlenorientierten Literaturbetrieb zu bestehen, und allein die Erwähnung des Wortes "Gedichtband" lässt selbst bei literarisch interessierten Menschen so manche Gänsehaut gedeihen. Auch der NSP-Kritiker hat Peter Nathschlägers Gedichtsammlung "Alles besser" zunächst glatt "übersehen", als die turnusmäßige Bestellung von Rezensions- exemplaren anstand. Trotzig und selbstbewusst hat ihm der Verlag den Band dennoch zugeschickt: völlig zurecht!

    von Siegfried Straßner

    Peter Nathschlägers Gedichte sind Momentaufnahmen, kurze Episoden aus New York und Wien. Hier, in Wien, lebt der 34-jährige Autor, im Schreiben inspiriert von Allen Ginsberg und Charles Bukowski, den literarischen Koryphäen der Beat Generation und der antibürgerlichen Protestbewegung Amerikas der 60-er und 70-er Jahre. Dementsprechend unbegründet erweisen sich mögliche Befürchtungen vor seelenschweren, nabelschauträchtigen Befindlichkeitsversen und schmachtvollen Traumprinz-Lobpreisungen.
    Nathschlägers Lyrik ist bestechend, beinahe schmerzlich direkt, beißend scharf beobachtet und von atemberaubender Rasanz. Radikal aufrichtige Hochgeschwindigkeitsverse erzählen vom Hang zu jungen, unerreichbaren Ravern und Nachwuchsmachos, von schwuler Selbsterniedrigung und schwulem Selbsthass, vom schnellen Sex und käuflicher Liebe in den Niederungen der Großstadt. Kurze Glücksmomente des bewussten Ichs wechseln mit alltäglichen Ernüchterungen, relatives Alter wird quälend angesichts jugendlicher Arroganz. Nathschläger braucht nur wenige, ungekünstelte Worte, um nachfühlbare Stimmungen zu formen; selbst schwule Rituale wie das Cruising wandelt er in spannungsreiche literarische Gebilde.

    Der Gedichtband "Alles besser" hat alle Merkmale eines idealen Gelegenheitsgeschenkes. Er besitzt die Kraft, seine Leser unweigerlich zu fesseln und festzuhalten bis zum Schluss. Atemlos dort angekommen? Dann zurück zu Seite 7 und erneut erleiden und genießen!

  • Forrester Cane erinnert sich


    1

    Forrester Cane starb im Juni 2003. Und bevor er starb und bis zu seinem Tod war der Mann fit wie ein Turnschuh, um es mal salopp auszudrücken. Als Forrester Cane in der Nacht zum 11. Juni für immer die Augen schloss, war er fünfundziebzig Jahre alt und lebte, weil er sich standhaft weigerte in ein sHeim zu ziehen, in seinem kleinen Haus am Stadtrand von Winterset, Iowa. Er hatte dort von seinem wandgroßen Wohnzimmerfenster einen schönen Blick auf eine der überdachten Brücken, die einen murmelnden Bach überspannte. Autoverkehr gab es hier fast nie; nur hin und wieder Sommerfrischler, die zu Pendergasts Pension in Old Hanley fuhren.
    Forrester Cane hatte vier Söhne und elf Enkelkinder. Und er kannte die Namen aller Kinder bis zu seinem Tod. Abgesehen davon, dass Cane ein sehr fleißiger Zimmermann war und bis weit über das gesetzlich vorgeschriebene Pensionsalter arbeitete, war er auch ein begnadeter Geschichtenerzähler. Er liebte es, Geschichten zu erzählen. Vor allem seinen Enkeln. Und vor allem Geschichten, die ihm seine Kinder zu erzählen, verbieten wollten. Forrester Cane starb friedlich, dass ist wichtig, besonders wenn man bedenkt, dass er in den letzten achtziger Jahren erheblichen Zweifel daran hatte, ein friedliches Ende zu finden. Er hatte Zweifel daran, weil er zwischen 1988 und 1990 auf einer Baustelle in Shenandoah arbeitete. Und dort machte der knorrige, wettergegerbte Mann Erfahrungen, die er nicht einmal seinen Enkelkindern als Gutenacht Geschichten zumuten wollte. Er hatte sich diesbezüglich nur seinem Stammwirt anvertraut. Und seinem ältesten Sohn Paul. Sein Stammwirt hatte ihn ausgelacht und einfach noch ein Glas Schnaps über den Tresen geschoben, sein Sohn hatte sich nach dieser Geschichte zwei Monate nicht bei ihm blicken lassen und als er wiederkam, drängte er seinen Vater, in ein Heim zu ziehen und sich von einem Psychiater in Behandlung nehmen zu lassen.
    Nun: Forrester Cane war bis zu seinem Tod bei bester geistiger Verfassung. Er war nicht krank. Das, was er erlebte allerdings schon.

    2

    Zwischen 1985 und 1995 arbeitete Forrester als Vormann bei der Tischlerei Ruffits & Partner. Forrester war von Montag bis Donnerstag ein guter Vormann, und so gerne man einem Verstorbenen auch nachsagen möchte, er sei der Beste gewesen; das war er nicht. Von Montags bis Donnerstags war er ok, am Freitag spielte er Karten und ab Freitagmittag war er bis Sonntag betrunken. Der Grund, warum man ihm nicht kündigte war, dass er immer wieder Aufträge an Land zog. Auch den Auftrag, das McFries Anwesen in Shenandoah zu renovieren, schrieb man ihm zu. Ob das wahr ist oder nicht, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Wahr ist jedoch, dass Forrester um 1987 im Herbst öfters in den Süden von Iowa fuhr, um dort zu jagen. Mit jagen selbst hatte der Mann wenig am Hut; vielmehr war es so, dass er einfach ein paar Tage Ruhe von seiner Frau wollte. Und in dieser Zeit hatte er mit den Besitzern einer kleinen Schlosserei westlich von Shenandoah Bekanntschaft gemacht. Bekanntschaft hieß für ihn und zu dieser Zeit, dass man zusammen saß, Wodga trank und sich dreckige Witze erzählte. Forrester bekam Wind davon, dass hier im Bezirk ein Großprojekt am Start war; die komplette Renovierung eines alten Herrensitzes, der umgewidmet wurde. Vier Fachfirmen waren bereits angeheuert: Elektriker, Schlosser, Maurer und Tapezierer. Forrester machte sich für die Tischlerei stark, in der er als Vormann diente und bekräftigte auch, dass sie sehr wohl Zimmermannsarbeiten ebenso gut hinkriegten wie Restaurierungen und allfällige Tischlerarbeiten. Ende Herbst hatte die Firma Ruffits & Partner den Auftrag, sämtliche Tischlerei- und Zimmermannsarbeiten am Haus zu machen. Pläne wurden übermittelt und über den recht milden und feuchten Winter hinweg wurden in den Tischlereibetrieben die Vorarbeiten erledigt. Im Frühjahr 1988 rückte Forrester Cane mit zwei Gesellen und drei Lehrlingen im letzten Lehrjahr an. Eine Großküche wurde in einem ausgemusterten Zelt der Army eingerichtet und die Bauherren zeigten sich hier ganz und gar nicht knickrig. Forrester Cane begann jeden Arbeitstag um sieben Uhr Morgens mit einer großen Tasse Kaffee und mit seinem Arbeitsbuch. Forrester machte dort Notizen über Arbeitsmaterial, Arbeitszeit und eventuelle Krankenstände. Einmal in der Woche fuhr er damit zum Firmensitz und die Daten wurden mit der Materialbeschaffung und der Lohnbuchhaltung abgeglichen. Und eines Tages, nur so aus Jux und Tollerei, kaufte sich Forrester in einem Gemischtwarenhandel in Shenandoah ein unliniertes Geschäftsbuch und begann, mit einem Zimmermannsbleistift Notizen zu machen, die nichts mit den üblichen verrechnungstechnischen Daten zu tun hatten sondern eher die Stimmung und Ereignisse auf der Baustelle dokumentierten. Am Anfang gab es wenig zu berichten: Forrester Cane machte halbseitige Notizen, pro Tag ein Blatt und schloss jeden Eintrag mit einem Strich unter dem Text ab. Er saß also jeden Morgen vor dem Zelt an einem Campingtisch, trank Kaffee, rauchte und machte zuerst die Pflicht, dann die Kür. Dazu wendete er etwa eine halbe Stunde auf. Der erste Eintrag, der sich von den anderen maßgeblich unterschied, stammte vom dreiundzwanzigsten Mai, 17:00 Uhr. Am Vortag waren die Lehrlinge in einem Lokal in der Stadt und hatten ein wenig getrunken. Um ehrlich zu sein, hatten sie sich einen ziemlichen Rausch angezüchtet und kamen am Dreiundzwanzigsten etwas zur spät zur Arbeit. Forrester beschloss zuerst, milde gestimmt vom warmen und sonnigen Morgen, in diesem Falle eine Ausnahme zu machen und keinen Eintrag zu setzen. Um neun Uhr morgens gingen alle an die Arbeit. Eine Lieferung mit Bauholz war gekommen, mit dem sie unter dem Dachstuhl ein Arbeitsgerüst hochziehen wollten. Die Bretter wurden mit Bauseilen über eine Winde nach oben gehievt und in einer Ecke des Dachbodens gelagert. Gegen elf Uhr wurde der Platz oben eng und einer der Gesellen rief zu Forrester runter, er solle mal seinen alten Arsch da hoch bewegen und ihnen helfen, das Ganze ein wenig zu sortieren. Forrester nahm, einem Instinkt folgend die beiden Bücher mit und marschierte durchs Haus zum großen Treppenhaus, als ihn die erste Woge erfasste: Ein Schauder, der Gänsehaut verursachte und wie eine Welle über ihn hinwegraste. Unsichtbar, nicht definierbar aber eindeutig unangenehm. Mit diesem Schauder kamen – wie Blitzlichter in einer Geisterbahn, die abscheuliches zeigen – grässliche Bilder, die ebenso schnell verschwanden, wie sie gekommen waren. Alles in allem eine Sekunde, die Forrester Cane schwanken ließ, als ob betrunken wäre, verkatert. Er hielt sich an der steinernen Brüstung der weit geschwungenen Treppe fest und stöhnte leise auf. Forrester war mit Sicherheit kein zimperlicher Mann, die Bilder vor seinem inneren Auge jedoch hinterließen in ihm einen Nachgeschmack von Ekel, Entrüstung und peinlicher Berührtheit. So unterschiedlich die Visionen in ihrer Art auch gewesen sein mochten, sie hatten einen gemeinsamen Nenner: Gier. Forrester schüttelte den Gedanken ab und ging weiter. Am Dachboden ging es um die Lagerung der Latten und Bretter, damit sie nicht beim erstellen des Gerüstes im Weg waren. Dann, als sie sich gerade an die Arbeit machten und das Holz zu Stapeln aufschichteten, kam eine weitere Welle und erfasste alle sechs: Forrester selbst, die zwei Gesellen und die drei Lehrlinge. Es war wie eine Vibration, die man in den Zahnfüllungen spürte, fast hörbar und zutiefst unangenehm. Es war keine Welle im eigentlichen Sinne sondern wie eine protoplasmatische Membrane, durchlässig aber angefüllt mit widerwärtigen Schrecken. Die Berührung selbst, als die Membrane den Dachboden von Westen nach Osten durchwanderte, dauerte wahrscheinlich nur einen Sekundenbruchteil, die Bilder die dann kamen, vibrierten und zuckten etwa fünf Minuten nach. Forrester erinnerte sich noch, wie die beiden Gesellen…

    3

    23.05.1988
    Baubuch, Forrester, privat:

    Sie blieben einfach wie erstarrt stehen. Ronald und Peter standen da und ich hörte sie wimmern. Ich hab noch nie Männer solche Geräusche machen gehört, nie. Das war das eine Bild. Das war echt. Ich sah einen Jungen, der in einen Industriehäxler hinabgelassen wurde und er konnte nicht schreien, da kam nur so ein: hhhmmm hhhmmm raus. Ich spürte fast seine Schmerzen, als seine Füße zwischen die rotierenden Messer gerieten. Im Flimmern dieser Welle, Gott steh mir bei, ich schreib es so wie es ist um es zu vergessen, sah ich für eine Sekunde oder kürzer eine Karawane von zerlumpten Gestalten über eine verseuchte, unirdische Landschaft ziehen, seelenlose Blicke, aber alles voller Leid und Weh. Die Leiber jung, die Augen alt im Schrecken, ich weiß nicht ob ich das verstehen würde, wenn ich es eines Tages lese. Albert, unser Nesthäkchen, der Kleinste, blieb in einer Ecke stehen und ich sah, dass er sich anmachte. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse der Angst und riss die Augen auf wie im Schock. Und die anderen beiden; Adrian und Tom, die fielen plötzlich übereinander her wie die Furien. Sie kreischten und spuckten und warfen sich Obszönitäten an den Kopf, die einer schamlosen Nutte die Röte ins Gesicht treiben würde.
    Die Welle versank in der Wand und wir standen da, als ob wir gerade einen gewaltigen Schock erlebt hätten. Adrian und Tom wälzten sich am Boden, rissen sich an den Haaren und fauchten wie die Tiere. Ronald und Peter ließen das Brett fallen, das sie zu Albert raufschieben wollten und liefen die paar Schritte zu den zwei Streithähnen hin und rissen sie auseinander. Ich war schockiert: Adrian und Tom waren die besten Freunde seitdem sie sich kennen gelernt hatten. Zwei Spaßvögel der gutmütigen Art, wie ich finde.
    Irgendwann beruhigten sie sich wieder. Ronald hielt Adrian hart im Griff, Peter hielt Tom. Den Jungs lief der Schweiß in Strömen über das Gesicht; plötzlich hörten sie auf, sich anzuschreien und fingen an zu weinen. Ronald und Peter ließen die Jungs gleichzeitig los und sahen sich verwirrt an. Dann sahen sie zu mir. Mit diesem Blick: Du bist der Älteste. Sag was. Tu was. Ich konnte bloß mit den Schultern zucken und dachte: Manche Häuser sind einfach bös. So ist das.
    Die Jungs beruhigten sich schlussendlich, saßen am Boden und schnauften. Eine halbe Stunde später nahmen wir unsere Arbeit wieder auf.
    Ich hoffe, dass hier kann keiner außer mir lesen. Ich hab meine Leute hier zu Stillschweigen verdonnert. Ich will nicht, dass man uns für eine Bande von Säufern und Trotteln hält.

    25.05.1988
    Baubuch Forrester, privat:

    Ich habe noch nie in meiner ganzen Laufbahn als Tischler und Zimmermann eine derart problemlose Baustelle erlebt wie dieses Haus hier in Shenandoah, Iowa. Jeder Griff sitzt, jeder Nagel hält, kein Zuschnitt muss ausgebessert werden und wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, dass Haus will fertig gestellt werden. Es reckt sich uns direkt entgegen, schmiegt sich an unsere Handwerkskunst und erleichtert jeden Griff; eine dankbare Baustelle, wie ich sie wirklich noch nicht erlebt habe. Niemand schlägt sich den Daumen blutig, niemand bricht sich ein Bein oder fällt von einem Gerüst; alles geht leise, schnell und problemlos vonstatten.
    Ich habe mir heute den Eintrag vom 23.04 durchgelesen und er erscheint mir wie der Eintrag eines Fremden. Ich habe keinen Bezug zu diesen Ereignissen unter dem Dachstuhl. Ich weiß, ich war dabei, ich war oben und ich erinnere mich auch. Aber alle Gefühle, die so ein Ereignis auslösen könnten, sind wie weggeblasen. Ich erinnere mich doch an Unbehagen und Angst, aber so, als ob im Fernsehen darüber berichtet worden wäre.
    Wir kommen mit dem Gerüstbau gut voran und werden wahrscheinlich morgen um zehn damit fertig sein. Dann können wir uns an die eigentliche Arbeit machen.

    15.05.1989
    Baubuch Forrester, privat

    Das Böse kann das Gute schonen, wenn es ihm dienlich ist, denke ich jetzt. Ich weiß jetzt, dass das Haus oder das, was „hinter“ dem Haus ist, von widerwärtigem Hass erfüllt ist. Ich weiß es seit gestern, denn gestern haben wir Albert verloren. Wie bringt man Eltern bei, dass ihr gerade mal achtzehnjähriger Sohn nicht nur verstorben, sondern dass auch seine Leiche unauffindbar ist? Ich weiß schon, wo Alberts Leib ist; er wandelt mit den anderen an dieser bizarren Küste an einem Meer voll flüssigem Schwermetall; ich habe das Meer gesehen und den perversen Mond darüber, ich habe den grässlichen Küstenstreifen gesehen und den Leuchtturm aus Stahl. Ich habe das Wimmern dieser Kinder und Jugendlichen gehört und es war lauter als das rauschende Klirren der metallischen Brandung.
    Ich werde dies noch notieren, solange ich mich erinnern kann. Ich muss es aufschreiben. Damit ich weiß, dass ich nicht wahnsinnig bin.
    Den anderen auf der Baustelle haben wir erzählt, Albert sei abgehauen. Liebesgeschichte oder so was. Wir versuchen ein „gutes“ Gesicht zu machen. Aber heute Morgen habe ich Tom und Adrian in einer schattigen Ecke des Dachbodens weinen gesehen. Sie haben sich umarmt; nein: umklammert. Und als ich sie sah, hatte ich Angst, dass sie nie wieder damit aufhören können.

    Folgendes geschah:

    Am 14. machten wir uns wie jeden Morgen bei gutem Wetter an die Arbeit. Wie ich schon erwähnte, scheint sich das Haus nach Fertigstellung zu sehnen. Und zwar so sehr, dass sogar das Wetter mitspielt; irgendwie. Trotz der guten Fortschritte war die Stimmung gedrückt. Es gab keinen unmittelbaren Anlass, war einfach so. In der Mittagspause gingen Adrian und Tom und die Gesellen runter zur Feldküche und ich zog mir Albert zur Seite, rauchte mir eine an und sah ihn so väterlich wie nur möglich an: Ich: Was los mit dir, Kid?
    Er: Gar nix. Alles bestens, Mr. Cane.
    Ich: Quatsch, meine Junge: Quatsch, du baust heute lauter Scheiße. Du bibberst wie Espenlaub, also, was los?
    Er: Es ist, ach, ich sags nicht…
    Ich: Raus damit, du Bandit.
    Er lächelte verhalten und auch irgendwie so himmelschreiend ängstlich. In diesem Moment fühlte ich mich, als wäre ich sein Großvater. Ich war es nicht, aber ich fühlte mich so. Zuständig, ja: Verantwortlich.
    Man kann es sehen, wenn jemand berührt werden will, da bin ich sicher. Man sieht es durch die Schichten von Stolz und Zorn, Angst und Verzagen, man sieht es durch Scham und Eitelkeit flimmern wie ein pochendes Herz. Albert wollte berührt werden, also nahm ich ihn in die Arme und kam mir in diesem einen Moment dabei kein bisschen blöd vor. Er sank in meine Umarmung und er zitterte. Mein Gott, wie der Junge zitterte. Ich sagte so was Sinnvolles wie: Nanana, wird ja nicht so schlimm sein, was ists denn?
    Er: Ich hab Angst.

    Und diesen geflüsterten Satz habe nicht nur ich gehört.

    Ich: Vor was denn, Junge?
    Er: Vor… weiß nicht, das Haus? Ich sehe es nicht aber es macht mir solche Angst dass ich… ach ich weiß auch nicht…

    Dann kam die Vibration. Und diesmal kam sie nicht nur einfach aus dem alten Gebälk gesickert sondern schnalzte regelrecht auf uns zu. Ich sah sie wie ein Hitzeflimmern, nur kompakter, mit transparenten Farbschlieren. Ich sah, wie diese Vibration Albert erfasste, ehe sie uns auseinander riss und mich zu Boden schleuderte. Seine weißblonden Haare standen wie elektrisiert zu Berge, seine Augen flimmerten, sogar die Härchen auf seinen Oberarmen stellten sich auf. Ich rechnete damit, als nächstes erfasst zu werden; die vibrierende Membrane war ja in Bewegung. Aber sie traf mich nicht; sie bildete eine gerade Wand, in deren Mitte Albert eingefangen war. Er übergab sich und das Erbrochene kreiste um seinen Kopf und stob davon, löste sich auf. Albert leuchtete; nein, die Luft um ihn herum leuchtete in zartem rosa und hellem blau. Ich dachte: Das ist er, das sind die Farben, das sind seine Farben. Seine gottverdammte Aura. Und sie war rein wie ein Bergquell, unverdorben und geschmeidig, jugendlich und so… was für ein Wort? Dehnbar.
    Irgendwie absorbierte diese schreckliche Membrane Alberts Licht und ich fing an zu schreien. Das war Diebstahl. Das war Betrug. Das war schockierend! Alles reine und direkte, seine Fußspuren im Sand der Geschichte, alles was ihn ausmacht, persönlich macht, erinnerbar macht uns umarmt, vereinnahmt, ärgert und freut; die Membrane saugte das aus ihm mit nuttenhafter Gier raus. Das… das Ding mästete sich an ihm.
    Und sein Körper verfiel. Albert war Sprinter an der High School gewesen, das hatte er uns mal stolz erzählt. Als er da vor mir stand, schlotternd und grau in seiner Arbeitskleidung, wirkte er auf mich wie ein junger Greis. Radioaktiv verseucht und niedergemetzelt.
    Seine Aura, oder was auch immer das war, ging in der ekelhaften Vibration der Membrane auf. Dann setzte sich diese Art Wand wieder in Bewegung, fuhr über mich hinweg und ich sah, wie Albert Biedermans Leib aus unserer Welt an den unirdischen Strand geschleudert wurde. Die Membrane blieb lange genug mit mir in Berührung um mir zu zeigen, was mit ihm geschah: Das tat sie mit Absicht, dessen bin ich mir sicher.
    Albert lag dort auf schwarzen, öligen Felsen. Sein Leib war verrenkt wie der einer von Kindeswut zerstörten Puppe. Alle Knochen schienen gebrochen. Er rappelte sich trotzdem mit einem grässlichen Geheul auf. Er schwankte und starrte an der Küste entlang zu einem gleißenden Leuchtturm in der Ferne. Das Meer schimmerte metallisch und die Wellen bewegten sich wie in Zeitlupe. Es roch nach kochendem Metall. Dann begann Albert zu schreien und die Membrane löste sich von mir und versank in der Wand hinter mir. Ich schloss die Augen und wartete, bis das Schwindelgefühl verging. Als ich die Augen aufmachte, war Albert fort. Nichts von ihm war da; kein Schuh, keine Socke. Nur der Rest eines farbigen Flimmers.
    Oder waren das nur meine Augen, die mir einen Streich spielten?

    Daran wollte und konnte ich nicht glauben. Ich überlegte, was zu tun, zu sagen wäre, wie das Verschwinden unseres Nesthäkchens erklären? Als ich endlich zur Tür blickte, sah ich Adrian und Tom dort stehen, sie hatten es gesehen. Ich rappelte mich hoch und ging langsam auf sie zu. Meine Beine schmerzten, als ob ich geriebenes Glas in den Gelenken hätte. „Jungs“, sagte ich: „Jungs, kein Wort zu niemandem. Und jetzt hört mir gut zu…“
    Ich sagte zu ihnen, was meiner Meinung nach am Besten war. Ich musste das tun, um selbst wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Ich befürchtete, dass der echte Schock erst kommen würde. Nachts, wenn wir schlafen gehen.
    Ich erklärte mir selbst, dass an all dem, was ich gesehen und erlebt hatte, nichts poetisches war und trotzdem drängte sich mir eine Zeile aus Edgar Allen Poes Gedicht: "Der Rabe" auf: Am plutonischen Strand der Nacht. Dort war Albert jetzt, er wandelte trotz seiner gebrochenen Knochen seelenlos und bar jeden Trosts am plutonischen Strand der Nacht.
    Und dieser Gedanke brachte mich dazu, zum ersten mal in meinem Leben als Erwachsener vor jemandem zu weinen. Die zwei Lehrlinge; Adrian und Tom umarmten mich und weinten mit mir.
    Und als es keine Tränen mehr gab, die wir vergießen konnten, gingen wir hinaus, putzten uns unsere Nasen, wischten uns die Augen trocken und erfanden für die anderen hier, auch für die Gesellen, eine Geschichte: Alberts Flucht aus Liebe. Einfach auf und davon, der Gute. Uns brach es das Herz, aber die Geschichte wurde uns abgekauft. Glaube ich zumindest. Nichts desto trotz muss ich dafür Sorge tragen, dass seine Eltern davon erfahren. Oder etwa nicht? Sollen auch sie die Geschichte von Alberts Tollerei aus Liebe hören? Ewig bangen, ob er je wieder kommt? Nun gut, Albert war achtzehn Jahre alt. Er lebte noch bei den Eltern, sprach aber schon oft davon, sich bald eine eigene, kleine Wohnung in Cedar Falls anzumieten.
    Ich denke, ich bleibe bei der Geschichte mit Alberts Liebesglück. Fair ist das nicht, ich weiß. Aber wäre es fair, Albert Biedermans Angehörige mit einer derart unglaublichen Geschichte zu quälen?
    Nein, denke ich.
    Ich werde nichts mehr in dieses Buch schreiben. Ich schließe es weg. Und ich hoffe, ich bete zu Gott, dass ich nie wieder, niemals wieder etwas von diesem verdammten Haus hören werde, wenn wir fertig sind. Und ich hoffe, dass wir anderen alle mit heiler Haut davonkommen.

    4

    Das taten sie.
    Die Tischler- und Zimmermannsarbeiten waren im August weitgehend abgeschlossen, sie rückten ab und schwiegen. Es gab Drohungen seitens Alberts Eltern, weil ihrer Meinung nach die Aufsichtspflicht verletzt worden war. Aber Albert war eben achtzehn Jahre alt. Alt genug um in den Staaten hinzugehen wohin es ihm beliebte zu gehen. Nach den groben Arbeiten kamen drei Kunsttischler, um sich um die Restaurierung antiker Möbel zu kümmern. Forrester Cane nahm keine Aufträge mehr an, die außer Haus durchzuführen waren. Er kümmerte sich verstärkt intern um den Zuschnitt und die Vorbereitungsarbeiten. Oft sahen ihn die Leute am Holzblatz hinter der Werkstatt sitzen, selbstgedrehte Zigaretten rauchen und in die Ferne starren.
    Forrester Cane erinnerte sich Zeit seines Lebens, wo Albert Biederman war: Am plutonischen Strand der Nacht. Und oft, all zu oft dachte er, es sei wohl besser, in dem Gewissen zu leben, dass der Junge einfach nur tot sei. Und nicht dort mit seinem zerbrochenen Leib und ohne jeden Trost wandeln musste, wo er nun wandelte.

  • Gefunden auf: http://www.nachrichten.at/kultur/239751?...3e4d52c7a6fdea4

    "Literatur ist dreckig und geschmacklos"
    Der Wiener Autor Gustav Ernst bildet gemeinsam mit der Übersetzerin Karin Fleischanderl die Jury für den oö. Jugend-Literaturbewerb SPRICHCODE (siehe "Stichwort").

    OÖN: Bis 15. Februar können noch Texte eingesandt werden (an sprichcode@leonding.at, Anm.). Lassen sich schon inhaltliche Trends feststellen?

    Ernst: Bis jetzt haben wir rund 200 Texte bekommen. Die Themen sind ähnlich wie bei der SPRICHCODE-Premiere vor zwei Jahren. Das hängt mit dem Alter zusammen, dass gewisse Themen im Vordergrund stehen: die Einsamkeit , dass alles borniert, blöd, im Arsch ist. Überwiegend sehen die Schreibenden schwarz. Dagegen gibt es auch nichts zu sagen, seit zwei Jahren sind Krieg und Terrorismus hinzugekommen.

    OÖN: Was macht für Sie als Juror einen Text literarisch interessant?

    Ernst: Ich wünsche mir von einem Text, dass die Schreibenden ihre eigenen Erfahrungen formulieren, durch Sprache Ordnung ins Chaos des Lebens bringen: Was genau in der jeweiligen Situation produziert Lust, Freude oder Einsamkeit? Das ist nicht nur eine Frage der Wahrnehmung, sondern auch der Sprache. Jede Situation erfordert eine eigene Sprache. Da hoffe ich auf den Mut der Schreibenden, die Sprache erst einmal "schie ßen" zu lassen, ehe es an die Überarbeitung geht.

    OÖN: Umgekehrt gefragt: Was macht einen Text uninteressant?

    Ernst: Ein Problem habe ich zum Beispiel, wenn jemand unbedingt meint, dass Drogen ein Thema der Jugend sind. Nein! Interessant ist, was mich wirklich betrifft, sonst kommt das Moralisieren rein. Ein Text soll sozusagen nackt und bloß sein, das Unbarmherzige einer Situation zeigen. Das verlangt nach einer unbarmherzigen, kühnen, voraussetzungslosen Sprache, durch die auch der Leser eine Situation direkt empfinden kann. Literatur ist Sprache, und in der Sprache gibt es auch Gesten, Töne, Bilder, Mimik, all das. Wenn ich jemanden anschreie, dann erschrickt der. Genau dieser direkte Ausdruck muss in der Literatur gefunden werden.

    OÖN: Und die Angst, sich zu blamieren, sich zu sehr zu entblößen?

    Ernst: Ach ja, welche Haltung nehme ich ein, damit ich mit Würde "rüberkomme" ... falsch! Literatur ist etwas Dreckiges, Geschmackloses. Wenn jemand würdevoll anfängt, geht´s schon schief. Dann kommt dieser altkluge Ton, wenn Erfahrungen nicht zugelassen werden, wenn am Herkömmlichen festgehalten wird. Ich muss die Kontrolle weglassen, die dann erst beim Überarbeiten ins Spiel kommt.

    OÖN: Was erhoffen Sie sich speziell von junger Literatur?

    Ernst: Mich interessiert, wie junge Menschen ihren literarischen Blick einstellen. Was passiert, wenn jemand zum ersten Mal vor der Aufgabe steht, keinen Aufsatz oder Brief zu schreiben, sondern Literatur zu erschaffen. Wobei es nicht nicht darum geht, etwas Neues zu erfinden, sondern um neue Perspektiven, neue Bedeutungen. Ich freue mich auf den jüngsten, unvoreingenommensten, unroutiniertesten Blick auf die Welt.



    vom 13.01.2004

  • -->Textauszug von einer anderen Seite<--

    Was heißt überhaupt: "gut schreiben"? Es gibt angeborene Erzähltalente, die aus dem Hut umwerfend gut zu erzählen wissen und - wenn sie wollten - auch gut schreiben könnten. Sie brauchen Ausbildung. Doch private Schreibschulen, mit Ratschlägen von zumeist drittklassigen Schreiberlingen, die ihrerseits mit ihren Werken erfolglos geblieben sind, schaffen keine Lösung, bewirken oft sogar mehr Schaden als Nutzen. Denn, außer Trivialität, lauert eine weitere Gefahr: Nicht nur anödender Trash ist zweitrangig, sondern auch ein steriles Oberlehrer- und Bildungsbürgerdeutsch. Es wartet mit hohlen Redensarten statt mit gedanklicher Substanz auf und massenhaft mit ebenso ungewöhnlichen wie überflüssigen Worten. Es trägt seine Phrasen vor sich her, als wären es Monstranzen, die man dem staunenden Volk zeigt. Es umgibt sich mit fremdsprachigen Plattheiten wie mit liturgischen Weihrauchfässchen, um damit sich selbst zu beweihräuchern und um staunenden Tölpeln zu imponieren.

    Literatur lebt vor allem aus der fesselnden, strahlenden Sprache und der tiefinneren Aufrichtigkeit des Autors! Wer nicht um der Sprache Willen schreibt, sondern nur um ein paar Pfennige zu verdienen oder um irgendeine, womöglich belanglose Geschichte zu erzählen, die keinen aufregt oder gar um eine "Message rüberzubringen", der sollte lieber die Finger davon lassen. Und wer seine Muttersprache nicht in besonderer Weise liebt, sondern stattdessen mit ihr im ständigen Clinch liegt, der ist kein Schriftsteller.

    Zumindest ist er es noch nicht. Er sollte zunächst lesen, lesen und nochmals lesen, sich fragen, warum ihm gerade dieses oder jenes Buch gefällt, sollte sich die Gründe dafür klarmachen, sich häufig das Grammatikbuch und die Stil-Lehre vorknöpfen, üben, üben und nochmals üben und so sein deutsches Sprachgefühl trainieren, wie ein Bodybuilder seine Muskeln. Die heutige moderne Textverarbeitung auf einem Computer ermöglicht es uns, am Wort, an den Sätzen, am Manuskript zu arbeiten wie ein Bildhauer an einer Statue... Ist das nicht phantastisch? Günter Grass mit seiner uralten Schreibmaschine hat davon noch keine Ahnung. Wer sich als Schriftsteller allem Neuen zu verschließen trachtet, der verspielt seine Zukunft. Den Literaturnobelpreis bekommt man dann allerhöchstens noch aus Gnade und Barmherzigkeit sowie auf Empfehlung von Reich-Ranicki, weil einem vielleicht die alte Tabakspfeife so hübsch zu Gesicht steht. Wie leicht wird man dann mit der Pfeife verwechselt!

    __________________________________________________________

    Der Originaltext findet sich hier:
    http://home.t-online.de/home/coroner/newcomer.html

    Vieles am Gesamttext ist eitles Geschwafel und beinhaltet nicht gerade wenig nationalistisches Getümel. Auszüge daraus sind jedoch meiner Meinung nach recht treffend. Es sind zumindest Aussagen, mit denen ich leben kann.

    lg/Peter

    [f1][ Editiert von Nathschlaeger am: 20.05.2004 15:21 ][/f]

  • Meinem Sohn, den ich nie haben werde…







    will ich sagen:

    Geh an klaren oder diesigen Tagen
    an die Küste eines jedweden
    Meeres
    und bleib dort still, bis es für dich
    singt.
    Verharre im Gesang glühender Fische
    und gischtiger Wellen am
    Felsen und schau
    dorthin, wo Wasser und Himmel nur
    eine matte Linie ist.

    Will ich sagen:

    Geh an klaren oder nebeligen Tagen
    hoch in die Berge eines jedweden
    Landes
    und schrei so barbarisch du kannst.
    Setz dich und hör auf Echo und Hall –
    hörst du dich singen?

    Will ich sagen:

    Meide die Städte, doch besuche sie einmal, eine
    jedwede Stadt
    überall auf der Welt.
    Geh hin und verliere dich nur kurz
    in ihrem Schimmer.
    Denn sie sind voller Gift, ohne das man bald
    nicht mehr leben kann.

    Will ich sagen:

    Liebe! Liebe Männer und Frauen
    je nachdem, wie dein Kompass dir
    die Richtung zeigt, aber
    tu es aufrecht und ehrlich, tu es
    ohne Falschheit und Scham.
    Liebe ehrenwert und gerecht und
    im Takt der Brandung deiner Lust und Seele.


    Will ich sagen:

    Geh über toskanische Felder
    und such Schatten im Olivenhain, trink
    aus klaren Bächen und speise Bücher
    von überall her.

    Wenn du all das und noch vielmehr
    in dir vereinen könntest, dann wärst du
    wohl mein bestes und stolzestes Gedicht.


    Will ich sagen:

    Du wärst das Meer
    an dem ich nie war
    Du wärst der Berg
    von dem ich nie rief
    Du wärst die Stadt
    die mich nie vergiftete
    und Mann und Frau
    die ich nie liebte
    Du wärst das Feld und der Hain
    wo ich niemals war
    und Schatten oder Sonne fand
    Du wärst der nie gekostete Bach, das ungelesene Buch.

    Will ich sagen:

    Komm, schau durch meine Augen
    und atme durch meinen Mund, mit
    dem ich Meere
    und Berge
    Felder und
    Täler, Liebe
    und Leben
    anschreie, damit sie alle wissen
    das ich lebe und atme und bin.

    Will ich sagen:

    Sei du das Leben das ich nicht
    leben konnte
    weil ich mein Leben zu leben hatte
    Leb deine eigenen Verse und Lieder,
    entdecke deine Berge und Seen,
    Felder und Haine, entdecke den
    Trost stürmischer Nächte und klarer Tage.
    Freu dich
    im Regen, das er ist
    und endet,
    Freu dich am klaren Tag,das er ist und
    sinkt
    Freu dich über den Hall deiner Stimme
    solange er dauert
    und über die Weisheit des
    Echos.

    Will ich sagen:

    Sei das Leben, dass ich nie
    lebte und sei der Fortgang
    meiner Tage.
    Sei mein Leben, wenn meine
    Verse enden und sei das Lied,
    das ich nie sang.

    Du wärst mein unvollendetes Gedicht und damit
    das Beste meines Lebens.




    [f1][ Editiert von Nathschlaeger am: 08.07.2004 13:25 ][/f]

  • An den Dichter ohne Namen







    Du kannst Poesie
    in den knallgrauen Himmel
    stemmen.
    Der Regen wäschts mit
    aller Zeit der Welt
    hinweg.
    Schreib Deine besten
    Verse mit einem Stock
    Treibholz
    in den Sand der Dünung,
    Das Meer kanns gut lesen
    (und alles verstehen)
    und lecken, was Du
    ihm gibst.
    Spreng Verse in die hohlen
    Muscheln und Du
    lebst ewig.
    Nicht der Explosion wegen:
    Der Donner rollt poetisch,
    weißt Du?
    Von da nach
    dort.
    Gedichte sind Zeitmaschinen:
    heute explodieren sie wie
    Taubenfedern und später dann
    holen sie Schutt –
    aus den Träumen und Hoffnungen
    und ersetzen ihn durch
    Rosenmeere und
    schwarze Türme.

    und alle Bilder dieser Welt.


    [f1][ Editiert von Nathschlaeger am: 08.07.2004 14:58 ][/f]

  • Im Sommer, tief im
    Baumwoll Land, auf Wanderung
    kam ich zu alten Gleisen
    die in der Hitze bebten – Louisiana,
    tief im Süden.
    Ich wanderte auf der alten Trasse
    und fragte mich, warum
    sie nicht befahren ist – eine gute
    Strecke, gesäumt von Feldern
    und Licht, warmen Lichtungen
    und kühlen Teichen –
    Und ich fragte mich,
    warum in dieser Hitze Schmerz
    das erste Wort ist, dass an meinem Gaumen
    kleben bleibt.

    Irgendwo zwischen zwei hitzewabernden
    Punkten in Louisianas Sommer fand
    ich eingetrocknete Schlieren auf den
    Schwellen und rostbraune Flecken im
    Schotter dazwischen – Echos aus alten Tagen.
    Und ich fragte mich,
    warum in dieser Hitze Angst
    das zweite Wort ist, dass an meinem Gaumen
    kleben bleibt.
    Ich merkte mir die Stelle nahe den
    verkrüppelten Eichen (Zum lynchen, nehme ich an)
    und ging noch neun Meilen bis zur nächsten Stadt.

    Ich sah wohlgesittete Damen und Herren, bleich
    in der Hitze und erfüllt von insektenhafter
    Zielstrebigkeit, ich fand
    ein kleines Motel, alt aus weißgestrichenem Holz
    mit netter alter Dame darin und einem
    alten Mann in den Schatten der Bar, unter dem
    müßigen Ventilator.

    Ich bestellte ihm Bier und mir
    Cola mit Eis, er grüßte mich
    „Pilger“, weil ich den Staub meiner Wanderung
    in den Haaren trug.
    Ich grinste
    Und ich fragte mich,
    warum Trauer das größte Wort ist – und
    weil mir mein Herz befahl, fragte ich ihn
    nach der toten Strecke, südlich von hier.
    Er sah mich an und fragte, ob ich
    es denn wirklich hören will und ich sagte:
    Nein, ich glaube nicht. Ich muss.
    Ich fragte ihn
    nach der Wahrheit und er fragte mich:
    „Welche Mütter erklären ihren Kindern
    Liebe und Herzensgröße und welche Väter
    vermitteln Anstand und Aufrichtigkeit?“

    Es war ein weißes Gericht, ein
    Ku-Kux-Klan Gericht das Recht
    sprach, 1965, im Jahr als ich geboren wurde, als
    4 Brüder verurteilt wurden, 4 junge, schwarze Brüder
    von 14 – 19 Jahre alt, weil sie so etwas
    wichtiges getan hatten, wie eine Gans zu stehlen. Nein.
    Man verurteilte sie nicht zum Tode sondern sagte,
    wenn sie das Urteil überlebten, seien sie frei.
    Dann band man sie mit Ketten an den letzten Wagon
    eines Zuges, ein Salonwagen für noble
    Damen und Herren, der Richter
    fuhr mit und der bestohlene Bauer samt Sohn, zwei
    Männer vom Klan und auch ein paar Frauen
    in Sonntagsrobe waren dabei und sie
    verschafften sich Luft mit Elfenbeinfächern, als
    der Zug losfuhr.
    Sie schleiften die 4 Brüder
    über 9 Meilen mit und wiesen den Lokführer
    an, mit der Kohle nicht zu geizen und sie
    schlossen Wetten ab, welcher der 4 Brüder
    zuerst in Fetzen von der Kette gerissen würde.
    Sie tranken Whisky und Tee, auf der letzten
    Plattform und sahen zu und als das Geschrei
    anschwoll und zu einem
    polyphonen Kreischen wurde, versank der
    hitzeflimmernde Tag in schwarzen Schmerzen.

    Und man sagte, man hätte noch nie
    etwas grauenvolleres gehört.

    Nach 9 Meilen waren die Brüder blutige Fetzen
    und tot, der Klan war befriedigt
    und die Damen ebenso, so wie auch das weiße
    Recht im Süden Louisianas.


    Ein halbes Jahr später wurde die Strecke
    still gelegt, sagte der alte Mann zu mir, und
    kein Zug befuhr sie mehr.
    Ich weinte, als ich die Bar verließ und am
    nächsten Tag sah ich den alten Mann
    wieder und sagte, der Schienenstrang
    im Süden der Stadt sei das längste Denkmal
    der Welt.
    Und ich fragte ihn,
    ob es etwas bewirkte.
    Und er antwortete bloß:
    Ich weiß es nicht, Pilger.
    Ich weiß es nicht.
    Und ich fragte mich, warum Hass
    das größte Wort in meinem Herzen
    war.



    [f1][ Editiert von Nathschlaeger am: 11.08.2004 10:03 ][/f]

  • Meine Texte sind illegal und unerwünscht,
    hoffe ich jedenfalls, denn sie spülen
    die Muscheln aus dem Schlick
    der Gezeiten und werfen hin und wieder
    Fragen auf.
    Manchmal sind sie wie eine galaktische Ladung
    Koks mit Speed verschnitten und platzen wie
    Supernoven in den Hirnen, zumindest in meinem.
    Meine Texte sind gemeingefährlich und ungemütlich
    hin und wieder schwul und ganz und gar un-
    moralisch. Und äh: Subversiv.
    Hurra!
    Meine Texte sind Spaziergängertexte, Pausenlieder,
    Pausenhofbrot für simple Gemüter, ich bin nicht
    politisch und meine Lieder sinds auch nicht, ich
    steh selbst im Mittelpunkt, angreif- und erkennbar meine Begierden, Träume und mein Wahn -
    immer ich selbst.
    Singe ich also Whitmans Gesang vom selbst?
    Singe ich also O`Haras Lunch Poems oder
    finde ich irgendwann mal meinen eigenen Sound
    den Groove, der unverkennbar ist? Keine Ahnung
    Leute, echt keine Ahnung, aber solange ich Bilder
    im Kopf habe, das Gurren und Flattern müßiger Tauben
    auf überhitzten Großstadtdächern als Inspiration sehe,
    U-Bahnschächte heilig sprechen kann und ein Loblied
    auf verschwitzte Teenagerleiber singen kann, ewig
    begehrt und Sinnbild einer jeden lebendigen Stadt, solange
    fühle ich mich beim Schreiben wohl und gut aufgehoben.

    Manchmal sind sie langsam wie auf Valium, orten Tiefe
    wo keine ist, orten submarines Leben in tiefblauen,
    türkisenen Farben, manchmal sind sie nüchtern und
    immer ins Leben verliebt, oft handeln sie von
    unerwünschten Seitengassen und Hinterhöfen, wo
    uralte Wäsche in der Sonne Geruch ausbrütet, oft
    thematisieren sie Armut, Drogen und Alkohol, und
    auch das gehört zum Leben.

    Na ok, dann singe ich halt mein selbst und feiere
    mich selbst und meine Worte, geheiligt oder nicht
    wichtig oder nicht, jederzeit und immer wieder
    eindeutig meine eigenen, Worte, Lieder, Sounds
    und Grooves.
    Yeah, das wollte ich mal loswerden, denke ich.

  • Ich wäre heute lieber in Kuba
    ein Mann mit Zigarre im Mund
    an einer antiken Schreibmaschine
    in einem Zimmer voller Bücher
    und einer Flügeltür raus auf einen
    schmiedeeisernen Balkon
    unter dem kubanischen Mond.

    Ein bärtiger Alter mit Lesebrille
    hinter mir sind die Holzläden offen
    und Havannas Strassen lärmen obszön
    nach oben, der Sound leckt die Mauern
    ab, die Jungen klingen rollig wie Kätzchen.

    Ich wäre lieber ein kubanischer Dichter
    in Havanna mit einem Glas Rum & Eis
    neben der galaktischen Schreibmaschine –
    Ich könnte endlose Verse schreiben und
    der Mond über Havanna könnte lächeln
    über den armen Dächern lehnen, jeder
    Buchstabe, der das Blatt trifft, wäre ein
    Hammerschlag für die Ewigkeit.

    Der Zigarrenrauch könnte meinen langen
    Vers-Atem in die Sternennacht stemmen
    ich könnte dann später, nach Mitternacht
    vorlesen gehen und ein Freund könnte
    auf der Gitarre dazu bluesen und jazzen.

    Wir alten Männer voller Lachen –
    in unsere Gesichter gegerbt, wir
    würden uns ansehen und lächeln und leben
    und wahrhaftig sein, Dichter und Musiker
    unter kubanischen Sternen.

  • Im komme im dunklen Winter
    Heim von der Arbeit und dusche,
    später reiße ich den Salat, nachdem
    ich ihn gewaschen habe und bin froh
    ein Dichter zu sein, der sogar darin
    Poesie entdecken kann.

    Du schmiegst dich von hinten
    an mich, nackt und atmest
    mir heiß in den Nacken,
    das ist stille Poesie so wie auch
    ein Stummfilm viel sagen kann
    Doch du sagst viel mehr
    indem du schweigst.

  • So. Hiermit möchte ich der Tradition hier folgen, und einige der Kritiken zu meinem Roman hier einstellen:

    ___________________________________________________

    Mir fehlen die Worte dieses Buch zu beschreiben. Es ist nicht eine Geschichte, die man liest, um anschließend ein Buch zuzuklappen und es zu den anderen Büchern in den Schrank zu stellen. Diese Geschichte lebt. Sie berührt dich auf ganz eigene Art. Du nimmst Anteil an den beteiligten Personen, du freust dich mit ihnen, nimmst die erotischen Schwingungen der beiden war und spürst ihre tief greifende Liebe zueinander. Wer von diesem Buch nicht berührt wird, ist echt nicht mehr zu helfen. Ich habe schon viele Bücher in meinem Leben gelesen, aber dieses Buch ist mit Abstand das ergreifenste Buch, das ich kenne.

    (Romeo aus Hannover)
    ____________________________________________________

    Peter Nathschläger hat mit "Mark singt" eine ergreifende Geschichte zum Thema Freundschaft und Liebe geschrieben.
    Der Leser gerät sofort in den Sog der Story, und man hat das Gefühl, das Buch nicht wieder weglegen zu können.
    Die Liebe, die sich zwischen Mark und Johan entwickelt, wird so gefühlvoll beschrieben, daß sie einen ganz tief berührt. Kein Klischee, kein Kitsch - einfach ein tolles Buch!

    (Simon Rhys Beck)
    ____________________________________________________

    Ich habe selten eine so traurige und doch optimistische Geschichte gelesen, wie die von Mark Beaumont und Johan Pendergast.
    Das Buch ist wie ein Pfeil mitten ins Herz und wenn man es zuende gelesen hat, lächellt man mit Tränen in den Augen.
    Das ist ganz großes Tennis!

    Zwei Jungs, die gerade einen neuralgischen Punkt in ihrem Leben erreichen, treffen sich. Der eine will die Werte seines lebens erhalten, der andere will sich von seinem bisherigen Leben lösen.
    Ihnen bleiben fünf Tage, ganz so wie in Robert Wallers Geschichte, die ja mit Clint Eastwood und Meryl Streep verfilmt worden war.
    Nathschläger erzählt eine große Geschichte mit kleinen Worten: Keine überzüchtete Betroffenheitshaltung. Und all das bettet er in traumhafte Landschaftsbeschreibungen ein und seine Helden sprühen vor Leben und Farbe und Liebe.

    (Rezensent aus Wien)
    ________________________________________________________

    Der Autor ist ein Poet, er gewinnt selbst aus den alltäglichsten Situationen poetische, kraftvolle Bilder, die einen tief im Herz berühren.
    Der Autor ist fast visionär in seiner Naturbeschreibung und seine Charakterisierung der Hauptfiguren vibriert vor Lebendigkeit.

    Mark singt handelt von zwei etwa 20jährigen Jungs, die sich - beide am Scheideweg ihres Lebens - über den Weg laufen. Ähnlich wie in dem im Buch zitierten Werk von James Waller, gibt Peter Nathschläger ihnen knap eine Woche Zeit, Freunde zu werden, Vertraute und Liebende. Und das tut Peter Nathschläger mi soviel Liebe und Sprachgefühl, mit soviel Sprachgewalt, dass man in diesem Buch immer wieder über Szenen stolpert, die einem die Gänsehaut auf die Arme treiben.

    Ich hoffe, bald wieder etwas von diesem Autor zu lesen.

    (Rezensent aus Bern)
    _________________________________________________________

    Alle Rezensionen stammen von der Buchseite auf Amazon, weitere Rezensionen von Zeitschriften und Zeitungen folgen noch.

    lg/Peter

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